Voyage, voyage…

Bist Du in Frankreich unterwegs, ist die Melodie der Reise eine andere. Vielleicht so, wie der Ohrwurm von Desireless „Voyage, voyage“ und weniger hart wie das “Hit the Road Jack” von Ray Charles.

Unser Roadtrip ist noch nicht zu Ende und dieser führt nicht über endlose Highways, sondern meistens über beschauliche Landstraßen mit großartigen Aussichten, durch Ortschaften, die zum Verweilen einladen. Wenn es einmal anders kommt, als wir erwarten, wechseln wir eben auf die Autobahn, eine Bezahlstraße mit Standardaufbau: Erdwall zur Rechten, Mittelstreifen, Erdwall zur Linken. In jede Richtung brettert Verkehr über 3 Fahrstreifen. Dort, wo Du reinfährst, gibt Dir der Automat ein Ticket, dort wo Du rausfährst will er Dein Geld.

Unser Quartier verlegen wir nach Saint Rémy-de-Provence, eine kleine Stadt, die viel zu bieten hat. Ein guter Ort, Besuch zu empfangen für unser kleines Familientreffen mit dem weitgereisten Sohn, der schon so viel kennt, aber keinen Schimmer hat vom südfranzösischen Flair. Der Charme der Kleinstadt, interessante Ausflüge in die Umgebung und eine Auswahl lukullischer Spezialitäten überzeugen offenbar, dass sich das Wochenende lohnt. Wenn dann noch eine Verlängerung herausspringt, weil Zugführer streiken und die Fluglotsen, mit einem Zusatztag Tag in Marseille, dann nennt sich das: Felix im Glück.

Wieder zu zweit setzen wir unseren Roadtrip fort, immer wieder Stippvisiten einlegend in Orten, die typisch sind für die Region, Namen tragen, die Assoziationen auslösen oder Kurzweil versprechen. Das Wetter wird plötzlich wieder zu einem Thema. Eine gigantische Frostbeule kündigt sich an, die fast ganz Europa bedecken soll, mit Niederschlägen, Wind und Wolken, Besichtigungen sind ab jetzt nur noch mit einer zusätzlichen Bekleidungsschicht sinnvoll, unsere Windjacken erleben ihre Renaissance.

Zur Camargue ist es nicht weit, unser Ziel heißt Saintes-Maries-de-la-Mer, ein alter Wallfahrtsort von – wie es heute politisch korrekt heißt – spanischstämmigen Roma. Die weit über die Region hinaus bekannten Festivitäten zu Ehren der Schwarzen Sara, der Schutzheiligen der Gitans, finden allerdings im Mai statt.

Wir treffen in einer sehr ruhigen Zeit ein, finden einen Markt, der gerade abgebaut wird, genießen Blicke über Strände und bewegtes Meer und gehen zur Kirche, die noch frei zugänglich auf Besucher wartet. Während der Festivals geht es hier hoch her, jetzt ist davon kaum etwas zu spüren. Die beiden Romafrauen bei der „Notre-Dame-de-la-Mer“ schaffen es zu zweit natürlich nicht, eine authentische Gitan-Stimmung zu erzeugen, obwohl sie redlich versuchen, uns irgendwelchen Tand zu verkaufen. Weiter geht es durch die Ebene der Camargue. Natur pur und Heim vieler Vogelarten, auch Flamingos, die sich wohl gerade irgendwo verstecken. Manchmal sehen wir Pferde und sogar die berühmten, wilden Stieren. Essentielle Teile der letztgenannten begleiten uns übrigens für den Rest der Reise in Form einer deftigen Taureau-Salami, die wir auf dem Markt ergattern konnten.

Le Grau-du-Roi empfängt uns immer noch mit stahlblauem Himmel. Der Hafen, gesäumt von stilvollen Häusern, bietet eine traumhafte Kulisse. Zusammen mit dem benachbarten La Grande-Motte ist der Yachthafen einer der größten in ganz Europa; entsprechend voll ist es hier, selbst in der Nebensaison. Strände gibt es hier in der Nähe, mit riesigen Dünen und noch riesigeren Unterkünften für zehntausende von Urlaubern, allerdings außerhalb des Ortes, der ansprechend und übersichtlich in sich ruht, hier ließe es sich bequem sitzen, wären da nicht die weiteren Ziele, die wir unbedingt vor dem Eintreffen der schweren Wolken erreichen wollen.

Aigues-Mortes, unsere nächste Station, liegt so dicht an den Urlauberzentren der Küste, dass es in den Ferienmonaten wahrscheinlich mehr belagert ist, als es in seiner bewegten Vergangenheit je war. Der Ort mit der intakten Festungsmauer und Wehrtürmen ist bereits in der Vorsaison stark besucht, aber viel zu interessant, um daran einfach vorbei zu fahren. Auch hier sind Kommerz und Historie eine pragmatische Verbindung eingegangen, die für alle Beteiligten durchaus lohnend ist: Alte, intakte Gemäuer, die Geschichte atmen, durchsetzt von Boutiquen, Restaurants und Spezialitätenläden an kopfsteingepflasterten Straßen; den Touristen gefällt es, der Handel floriert und wir sind gerne hier.

Sète, der wichtigste Fischereihafen Frankreichs im Süden, liegt auf einem schmalen Streifen Land zwischen dem Etang de Thau und dem Mittelmeer. Wir parken außerhalb, der dichte Verkehr, der sich durch die Stadt zwängt, nimmt uns die Entscheidung ab. Wir gehen lieber zu Fuß weiter. Wasser ist in Sète das große Thema: als Meer, als Lagune, als Kanäle. Hier ist es einfach stimmungsvoll. “Supplique pour être enterré à la plage de Sète” das Chanson von Georges Brassens würde jetzt passen, der hier geboren und schließlich nach einem kreativen Leben hier beerdigt wird.

Sète so wirkt es, hat alles, was es braucht, sich ein angenehmes Dasein zu verschaffen, vorausgesetzt, man braucht dafür kein Auto. Und die Ansichten, mit Schiffen, Brücken, der Altstadt und dem Quartier Haut, das in den Hügel hineingebaut ist, sind im wahrsten Sinne einfach malerisch.

Unsere Idee, das Auto außerhalb zu parken wird belohnt, wir finden nämlich einen Bypass, um uns am heftigsten Verkehrsknoten vorbeizuschummeln, kommen recht zügig nach Agde, am anderen Ende der Landzunge. Agde hält, was die Informationen im Reiseführer ankündigen, hier prägt der Tourismus Land und Umgebung, in einer Form, bei der nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Auch das gehört zum Mittelmeer, in jedem Jahr ein Stückchen mehr.

Als die Regenfront uns erreicht, sind wir in Béziers, im Département Hérault. Die alte gallische Stadt ist gerade dabei, sich zu reparieren. Umleitungen und Baustellen machen unsere Navigation schwieriger als gedacht. Fluchen – vielleicht den furchtbaren überlieferten Spruch: „Tötet sie, Gott wird die Seinigen schon erkennen“, der das furchtbare Massaker von Béziers einst begleitet hat, nutzt leider nichts, die Verantwortlichen für den chaotischen Baustellenverkehr sitzen trocken in irgendwelchen Verwaltungen. Die Stadt hat natürlich mehr zu bieten, als wir in unserem Domizil die nächsten Tage sehen. Kälte, Wind und Regen bringen in Südfrankreich ebensowenig Spaß wie zuhause. In den besseren Momenten schaffen wir es immerhin, einen guten Blick auf den prächtigen Kirchenbau und die höchst faszinierende Schleusentreppe Fonseranens am Canal du Midi zu erhaschen.

Mit einem „Béziers, wir schulden Dir noch etwas“, verlassen wir nach wenigen Tagen die Stadt wieder.

Wir bereisen jetzt die für uns letzte Region des französischen Südens, Languedoc, und freuen uns, dass uns der Wetterumschwung unser restliches Programm noch schöner erleben lässt. So ein Highlight zum Beispiel wie die Burg Carcassonne hat Sonne verdient, nicht nur wegen des Reimes. Quartier nehmen wir übrigens in dem bezaubernden kleinen Ort, Saint-Jean-de-Fos, einer idealen Basis für interessante Ausflüge, Erkundungen und kleine Wanderungen. Die sehenswerte Region beschreiben wir eingehender auf unseren Frankreich-Seiten.

Über den Nationalpark in den Cevennen gehen wir auf die letzte Etappe, mit Übernachtung in Fleurie – Region Sâone et Loire – dicht bei Mâcon, im Herzen eines Weinbaugebietes, das wir Deutsche nur zu gut kennen, Stichwort Beaujolais.

Unser höchst abwechslungsreiche Reise durch Frankreich endet hier, nicht aber unser Urlaub. Wir haben noch eine Einladung zu einem Bloggertreffen an der schönen Mosel, in Brodenbach. Zwei Tage, die auf ihre Weise berichtenswert sind.

Inzwischen sind wir wieder zuhause, das tägliche französische Baguette wird substituiert durch Körnerbrot und Müsli und wenn wir über Autobahnen fahren, dann ohne Geldeinwurf am Ende einer Mautpassage und zu deutlich günstigeren Spritkosten. Schön war’s, dieser Frühjahrausflug in den Süden Europas, von dem wir noch einige Zeit zehren wollen.

 

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.