Kerala

Dass ein indischer Bundesstaat es mit den mächtigen USA aufnimmt und sich erdreistet, den Titel „God’s Own Country“ frech für sich selbst zu beanspruchen, hat vielleicht damit zu tun, dass Kerala einige Jahre vom Klassenfeind, nämlich der Kommunistischen Partei, regiert wurde. Viel wahrscheinlicher ist, dass diese Metapher einfach beschreiben soll, wie wohl sich der Mensch hier fühlen darf.

Kerala hat es uns angetan. Wir sind hier in der Zeit, die als beste Reisezeit gilt, nämlich außerhalb des regenreichen Südwestmonsuns, der von Juni bis Oktober das Klima beherrscht. Für die Erkundung nehmen wir uns knapp 3 Wochen Zeit. Die Strecken zwischen den Regionen, die wir besuchen, lassen sich gut mit der Eisenbahn schaffen. Die Southern Railway bedient die Nord-Süd-Verbindung entlang der Westküste, erreicht auch Orte, die tiefer im Land liegen, sowie die angrenzenden Nachbarstaaten. Treffen wir auf Nebenstrecken, die wenig angefahren werden, steigen wir auf öffentliche Busse um. Das Straßennetz ist in Kerala engmaschiger als anderswo; die Qualität der Busse reicht von pfui! bis hui! Wir erleben beides. Ein Transportweg, den nicht jeder Bundesstaat vorweisen kann, sind die Wasserstraßen der Backwaters. Wer Zeit mitbringt, kann etwa Alleppey gut und günstig mit normalen Fährschiffen erreichen. Will man sich darüber hinaus noch etwas Luxus gönnen, bucht man auf einem schwimmenden Hotel ein und genießt das vom Stress befreite Reisen.

Landschaftlich hat Kerala viel zu bieten. Das hat sich unter ausländischen Gästen herumgesprochen, die Besucherzahlen steigen ständig, ebenso die Einnahmen der Tourismusindustrie. Dafür bekommen wir überall eine gute Infrastruktur. Dienstleistungen sind professionell, ebenso die Verständigung; Englisch ist Pflichtfach und der Bildungsgrad der Bevölkerung ist im Vergleich zum indischen Durchschnitt recht hoch.

Wo es sich anbietet, suchen wir Regionen auf, die etwas abseits der stärker frequentierten Pfade liegen. Die finden sich immer noch in Kerala. In den landschaftlich umwerfend schönen Naturschutzgebieten und Reservaten, den höher gelegenen Hügeln und Bergen der Westghats oder den Seen und Lagunen der fruchtbaren Küstenebenen.

Das angenehme Klima Keralas begünstigt den Anbau von Gewürzen Obst, Nüssen, Kakao, Kaffee und Tee in einer Vielfalt und Qualität, die auch für Indien nicht selbstverständlich sind. Das Angebot ist gut für die Selbstversorgung, aber auch als perfektes Mitbringsel für daheim. Die einheimische, extrem leckere Schokolade, die wir unterwegs einkaufen, schafft es allerdings nicht, uns zurück nach Deutschland zu begleiten; irgendwie reicht dafür unsere Selbstdisziplin nicht aus.

Umweltschutz wird groß geschrieben im Bundesstaat Kerala, am besten sichtbar für uns in den bewaldeten Gebieten, die noch viele einheimische Tierarten beherbergen. In besonders geschützten Zonen gehören wilde Elefanten noch zum Alltag. Tiger werden gesichtet, auch die Urrindviecher Gaur, Antilopen und Unmengen an Vogelarten, die wir bewundern, ohne sie benennen zu können. Das Vorkommen von Blutegeln verfluchen wir dagegen eher, als dass wir es bewundern.

Es macht Spaß, Kerala zu bereisen. Sogar die urbanen Regionen. Das portugiesisch geprägte Kochi beziehen wir gerne in unsere Planungen ein, ebenso Trivandrum, das zwar touristisch weniger ergiebig ist, wir aber als Basis nutzen, um zur Südspitze Indiens zu fahren.

Neben der Natur, zu der auch Strände gehören, die wir aber bei unserer Rundreise auslassen, zeigt sich die bunt gemischte Kultur erlebenswert. Religionen koexistieren, soweit wir es beurteilen können, in Kerala friedlich miteinander. Mehrheitlich zwar hinduistisch, finden sich hier neben Muslimen auch traditionell starke christliche Gemeinden. Paläste und Tempel, die viel bunter wirken als die ohnehin schon sehr farbigen gestalteten Bauten im Norden Indiens, finden wir hier, dazu Kathedralen und europäisch beeinflusste, weltliche Architektur. Das alles macht Kerala wahrhaft zu einem faszinierenden, südindischen Augenschmaus.

Noch ein Wort zu unseren Unterkünften. Mehr als anderswo in Indien stoßen wir in Kerala auf „Homestays“, oft mit einem Vollpensionskonzept, das sich durchaus sehen lassen kann. Möglicherweise hat das fiskalische Gründe für die Betreiber, was wir als Gäste aber vernachlässigen können. Buchbar sind diese Homestays oft über die üblichen Reservierungsportale. Andere, wie etwa der Varnam Homestay in Wayanad bei Mananthavady, lassen sich schwieriger finden, aber dafür gibt es ja unseren Blog und das Internet.

Leben wie Gott in Frankreich schafft man übrigens auch als Budget-Reisender in Indiens „God’s Own Country“.

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