Delhi

Delhi in 2 Tagen ….

… ist ambitioniert und machbar. Wir haben den Plan, wir haben den Vorsatz und natürlich die Energie, aber vor allem die erforderliche Geduld und was macht man eigentlich im unglaublichen Delhi?

Ehrlich, bis heute kennen wir niemand, der aus privaten Gründen in Delhi Langzeiturlaub macht und wir halten es nicht anders. Delhi ist in aller Regel Anlaufpunkt, weil es natürlich für den flugreisenden Indienbesucher Einfallstor und Drehscheibe zugleich ist. Warum also nicht das Optimale herausholen und Zeiten nach einer Ankunft oder vor dem Rückflug mit Sightseeing und Urlaubsaktivitäten verbinden? Das ist vielleicht ambitioniert, immer aber machbar.

Bei unseren bisherigen Aufenthalten in der Stadt bringen wir dafür den Plan, den Vorsatz und natürlich die Energie, aber vor allem die erforderliche Geduld, um auch für wenige Tage Spaß zu haben.

Vorweg, Delhi, für viele Reisende oft der Einstieg in dieses faszinierende Land, verlangt gute Nerven. Das fängt meist schon kurz nach dem Flughafen an, wo an den Kreuzungen der Zufahrtsstraßen Bettler warten. Nicht still an einer Ecke kauernd, sondern fordernd, das Auto belagernd, daran klopfend, sich an die Scheiben pressend, ungestüm, beängstigend. Das allerorts zu sehende Elend geht an die Nieren und einige Leute sind deswegen gleich wieder zurückgeflogen.

Während unserer Aufenthalte probieren wir die unterschiedlichsten Übernachtungsorte und -formen. Hotels an der Schnittstelle zu Old Delhi, zwischen Restaurants und heftigem Verkehr oder gleich in einem der moderneren Bezirke. Zur Abwechslung gerne auch mal über airbnb, im gut situierten Viertel Safdarjung, Deerpark B5, mit überschaubarer Anfahrt zum Flughafen. Dieser ruhig gelegener Stadtteil bietet außer einigen Kiosken zwar wenig Möglichkeiten einzukehren, allerdings finden wir im benachbarten Bezirk B6 ansprechende Lokale und Geschäfte und einen besonderen Charme wegen seiner Bewohner, überwiegend Menschen aus den Himalaya Regionen.

Die wenigste Zeit verbringen wir im Hotel, dafür hält Delhi zu viele, interessante Ziele bereit, die wir nach und nach erkunden. Hier einige unserer Stationen im alten Teil von Delhi. Sich dort mobil zwischen den einzelnen Anlaufstellen zu bewegen, ist schwieriger, zeitraubender, lauter – eben einfach indischer.

Zur Entspannung lohnt es, zwischendurch einen Stopp am Connaught Place einzulegen, wo es alle Annehmlichkeiten gibt, die der Stadterkunder sucht: Snacks, Kaffee, indische McDonalds, Bänke zum Rasten und Schauen. Sicher, der Trubel ist eigentlich auch hier nie ganz fern, aber sich zu entziehen gelingt relativ schnell, die Restaurants sind nur einen Schritt entfernt.

Des Proporzes wegen, keiner soll ja zu kurz kommen, besuchen wir die Heiligtümer der 3 großen klerikalen Richtungen (Hindus, Sikhs, Muslime). Der Religionskritiker in unserem kleinen Team vorzugsweise nur als Außenbetrachter, während die in klerikalen Angelegenheiten Gelassenere sich schon mal darauf einlässt, hineinzugehen in die Andachtsstätten und die Innenansichten auf sich wirken zu lassen.

Seltsam, wie das spirituelle Wesen Indiens auch von Religionen Besitz ergreift, die eher für ihren Dogmatismus bekannt sind. Die Strukturen und Abläufe in muslimischen Einrichtungen sind uns geläufig. Neu ist für uns die indische Variante, jedem Besucher einen Gabenteller in die Hand zu drücken, der dann im Inneren der Moschee in einer zeremoniellen Abfertigung abgegeben wird. Der Gabenteller ist übrigens nicht für ein “vergelt’s Gott” zu bekommen, sondern muss vom Besucher bezahlt werden. Auch hier werden wieder feine Unterschiede zwischen In- und Ausländern gemacht. Letztere müssen einfach mehr darum kämpfen, mit einem angemessenen Preis davon zu kommen. Aber das schärft die Sinne, insbesondere, wenn man bereits etwas betagter ist.

Die überall vorhandene Religiosität fällt dem europäischen Besucher zuerst ins Auge. Kein Bereich, wo nicht Gurus und Swamis herumwieseln, die Hand aufhalten um Donations einzusammeln und dir dafür ein Blessing schenken, also einen kleinen Segen, der dir im Alltag Glück schenken soll. Da man aber niemals unmäßig sein sollte, gehen wir mit gekauften Segnungen eher spartanisch um und lehnen die meisten dankend ab. Wir wissen, dass wir damit das Geschäftsmodell der professionellen Kleriker in Frage stellen, aber bei den gigantischen Umsätzen, die in diesem Sektor ganz offensichtlich gemacht werden, sind das nicht mal Peanuts.

Weniger präsent geben sich die Religionen im Neu(en) Delhi, das vom Stadtbild fast schon säkular wirkt. Beim India Gate befinden sich auffallend viele Jüngere, die einfach nur Spaß und Unterhaltung suchen, statt Gebet und Anpreisung eines Gottes oder gar aller 333 Millionen aus dem Hindu-Olymp. Die Stimmung am Gate ist fast volksfesthaft und ausgesprochen locker (für indische Verhältnisse).

Das Rote Fort, im östlichen Teil der Altstadt Delhis, immerhin Weltkulturerbe der UNESCO, soll das Highlight unserer Besichtigungen werden. Oft haben wir schon auf dem Vorplatz dieser imposanten Festung gestanden und dann doch beschlossen, die Besichtigung zu verschieben. Dieses Mal soll es klappen. Die Anfahrt ist denkbar chaotisch, auf der Zufahrtstraße ist kein Durchkommen möglich, ein Trödel- und Textilmarkt lockt an diesem Sonntagvormittag zehntausende von Kleinhändlern und Kunden an.

Die Straßen sind verstopft, versinken im Lärm und dem Gestank von Auspuffgasen, die der ohnehin gebeutelten Umwelt noch eine schreckliche Dornenkrone aufsetzen. Irgendwann verlassen wir entnervt unser Tuktuk, das kaum noch Strecke macht, schlagen uns zu Fuß durch.

Der Vorplatz am Roten Fort ist menschenbedeckt. Viele Schüler warten hier, sortiert und aufgestellt in Klassenformation auf Einlass. Wir müssen uns Tickets kaufen. 500 INR pro Person mit ausländischem Pass sind ein stolzer Preis. Angenehm: Wer soviel löhnt, muss sich nicht in der normalen Warteschlange anstellen. Aber das ist schon das einzige Privileg, der Rest ist Standardprozedur: Warten beim Einlass, Taschenkontrolle und auch auf dem Gelände selbst, da wird jeder, egal wie teuer oder billig sein Ticket ist, gleichbehandelt.

Um es vorweg zu nehmen, die Besichtigung finden wir enttäuschend. Das Fort ist ein touristisches Überraschungspaket, bei dem die Verpackung mehr verspricht als der Inhalt bietet. Die Umgebungsmauer ist eindrucksvoll, hoch aufragend; ein mächtiger Komplex. Drinnen wird es dann bescheidener. Leider auch ungepflegter. Einige Gebäude sind beschädigt, andere wirken nur heruntergekommen. Von der einst hier herrschenden Pracht der Blütezeit der Mogulherrscher wird kaum etwas vermittelt. Eher als Pflichtprogramm spulen wir unseren Rundgang durch den öffentlichen Bereich und die Reste von Palast ab, eingekeilt zwischen Schulklassen und Schülern, die mehrheitlich interessiert sind, ihre „Hello“-Grüße Richtung Touristen loszuwerden und darauf hoffen, ein Gruppenselfie mit Ausländer zu erbeuten.

Wieder im Freien lassen wir uns auf eine abschließende Fahrradtour mit einer Rickshaw durch die Altstadt ein. Das gehört dazu.

Unvermeidlich und enttäuschend für alle Beteiligten sind die obligatorischen Zwischenstopps bei Gewürzhändlern, Textilläden und Souvenirshops. Wir haben keine Lust, überteuerte Waren zu kaufen, die Händler lassen sich nicht von ihren maßlosen Preisen abbringen und unsere Rickshawfahrer sind schnell frustriert, weil für sie keine Provision abfällt. Tatsächlich sind die auf unsere Sinne unverschämt aufdringlich wirkenden Hexenkessel von Straßen aber das eigentliche Abenteuer, ist man hier unterwegs.

Und es lohnt sich, denn hier im lebendigen Bazarviertel Chandni Chowk ist noch viel zu entdecken vom historischen Delhi mit eindrucksvollen Gebäuden, die ihre Glanzzeit längst hinter sich haben. Wir sehen bröckelnde Fassaden, die aussehen, als ob sie im nächsten Moment zusammenfallen wollen und dazwischen unentwirrbare Knäuel von Leitungen, die jeden deutschen Techniker in den Wahnsinn treiben würden.

Wer nach so einem Altstadterlebnis Ruhe sucht, für den bieten sich die Parks an, die es in Delhi gibt. Wir springen ins nächste Tuktuk und lassen uns zu den Lodhi Gardens fahren, einen 360.000 qm großen Park, mit Mausoleen aus dem 15. und 16. Jh. und schönen Grünanlagen.

Viele Inder nutzen die Gärten für Picknicks, kleine Gartenpartys oder einfach nur Spaziergänge. Die Grabmäler der Sultane sind sehenswert, überhaupt lässt sich hier in diesem herrlichen Park immer eine gute Zeit verbringen und bietet dem Erholungssuchenden freien Eintritt – was nicht selbstverständlich ist – schattige Wege zwischen wunderbar angelegten Rasen- und Baumflächen, kleine Seen, Bänke zum Ausruhen und eine schier überirdische Ruhe. Obwohl mitten in der Stadt, ist kaum etwas vom ständig anwesenden Verkehrslärm zu hören, selbst die Auspuffgerüche scheinen verbannt zu sein. Idyllisch ist er ganz gewiss, dieser kleine Park und niemals langweilig. Und wer Streifenhörnchen in der Natur beobachten will, ist hier goldrichtig.

Wer urbane Abwechslung sucht und Lust hat, gepflegt zu shoppen, geht weiter Richtung Humayan Road zum Khan Market. Die Strecke lässt sich sogar gut zu Fuß zurücklegen, hier gibt es nämlich Straßen mit Gehwegen. Khan Market ist ein kleines, überschaubares Einkaufszentrum, mit Cafés, Restaurants, Bäckereien, Streetfood, Boutiquen und Lebensmittelgeschäften mit allem, was das Herz begehrt. Die wohlhabenden Inder finden sich hier ein und viele Expats, die sich hier mit dem versorgen, was es anderswo kaum gibt. Wir nutzen den Besuch, einzukaufen, was unser Homestay uns beim Frühstück vorenthält: Käse und Brot, das diese Bezeichnung verdient. Enttäuschend ist die Kaffeebar mit total überzogenen Preisen, das bekommen wir fast überall in Delhi günstiger und besser.

Unterwegssein in dieser Stadt macht hungrig. Neben vielen Spezialitäten bietet Delhi viel Abwechslung und an manchen Ecken bei einem vertretbaren Preis-Leistungs Verhältnis sogar echte Alternativen zur typisch indischen Küche. Das brauchen wir manchmal. Über Reiseführer und Stadtpläne finden wir in aller Regel, wonach uns gelüstet. Schöner Nebeneffekt unserer Nahrungssuche, wir geraten dabei mitunter in kleine Gassen, interessant und bunt, abseits vom großen Straßenverkehr, fast ländlich und das mitten in Delhi!

Der Abschied von der Hauptstadt ist immer ein emotionales Ereignis. In der dunklen Jahreszeit, in der die Stadt durch schwere Umweltbelastungen gebeutelt wird, fällt uns die Abreise kaum schwer. Was gibt es Schöneres, als frei durchatmen zu können, ohne ein kratziges Räuspern unterdrücken zu müssen. Leid tun uns dann die Millionen von Menschen, die keine Chance haben, sich einfach in ein Flugzeug zu setzen, um den Umweltstress hinter sich zu lassen, so wie wir es können.

Ein anderes Mal ist es die Erwartung auf das, was vor uns liegt, die hilft, trotz der vielen tollen Eindrücke weiter zu reisen. Etwa dann, wenn die nächste Station Agra heißt, bekannt in aller Welt durch das Taj Mahal. Für die Fahrt dorthin erlauben wir uns sogar den Luxus eines Mietwagens mit Fahrer. Eine durchaus bezahlbare Bequemlichkeit. Und überhaupt, wir sind noch mehr als genug mit Bahn und Bussen unterwegs, oder erreichen unsere Ziele direkt per Flieger. Am Anfang und am Ende einer Indienreise meist von der Drehscheibe Delhi, der verrückten Stadt, die niemals schlummert.

Weg vom Flughafen zum Hotel: Vorsicht – wie man es nicht machen sollte!

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2 Gedanken zu „Delhi

  1. Indien steht gar nicht auf meiner Bucket List und wahrscheinlich bleibt es noch so… Aber durch euch bekomme ich einen kleinen Eindruck von dem Land. Vielen Dank dafür!

  2. Gruppenselfie mit Ausländer! Haha, das gab’s als ich dort war auch schon. Ich habe Delhi auch als sehr voll, sehr laut, sehr hektisch in Erinnerung.

    Es ist interessant, aber auch anstrengend. Danke für den Bericht und die Tipps, Ihr bringt es gut auf den Punkt!

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