Nemrut

Wanderer willst Du zum Nemrut, wirst Du es kaum schaffen, Kahta zu umgehen, obwohl Du es Dir vielleicht ganz fest gewünscht hättest. Tatsächlich hat dieser Ort eine Eigenschaft, die ihm keine andere Stadt im Südosten der Türkei streitig machen kann; er liegt dem größten Grabhügel der Welt am nächsten.

Kahta ist nach städtebaulichen Kategorien sicher die einfachste Struktur, die Menschen errichten wenn sie siedeln wollen: Eine Straße, sich einfallslos hinziehend wie ein langjährig getragener Wollstrumpf, mit Geschäften zu beiden Seiten, Wohnhäusern und dem einen oder anderen Restaurant. Ein Kebablokal ragt allerdings heraus, weil es wirklich besten Lahmacun der gesamten Türkei anbietet. Da selbst wir es nicht fertigbrachten, einen geschlagenen Tag nur Lahmacun essend zu verbringen, blieb uns wohl oder übel nach 3 mal Straße rauf und eben sooft in umgekehrter Richtung zurück, nur noch das Hotel, um die Wartezeit totzuschlagen.

Wer zwischen diesen Zeilen einen gewissen Widerwillen bezüglich unserer Unterkunft herausliest, liegt richtig. Das Hotel, ein plüschiger Großbau, Einäugiger unter den Blinden vor Ort, was die Zimmerangebote angeht, genießt den zweifelhaften Ruf, atmosphärisch etwas von “Shining” zu vermitteln. Einmal im Zimmer, erwartet der Gast, jeden Moment einen kurdischen Jack Nicholsen, der mit geschwungener Axt durch die Tür bricht.

Egal, irgendwie schafften wir es, einen Hotelangestellten zu erwischen, mit dem wir den weiteren Ablauf unseres Aufenthaltes abstimmen konnten. Geplant war eine Tour zum Nemrut Dagi, einem 2.150 Meter hohen sturmumtosten Berg, dem gigantischen Grabhügel, den Antiochos I., König von Kommagene, vor über 2.000 Jahren (69-36 v. Chr.) für sich selbst errichten ließ.

Dieses einzigartige Kulturdenkmal steht heute nicht umsonst auf der UNESCO-Liste. Einige beeindruckende Zahlen hatten wir uns gemerkt. Allein für die Schaffung des Gipfelplateaus mussten schätzungsweise 200.000 Kubikmeter Fels abgetragen werden – nur mit Menschenkraft!

Besucher haben immer die Qual der Wahl, sich entweder für eine Tour zum Sonnenaufgang oder zum Sonnenuntergang zu entscheiden, oder wenn alle Umstände stimmen, salomonisch beides Anlässe zu nutzen. Zeit- und Reiseplanung, aber auch die Überlegung des männlichen Parts unseres kleinen Teams, dass frühestes Aufstehen dieses Mal nicht so richtig passen würde und die Erkenntnis des weiblichen Parts, dass sie damit bei der nächsten Besichtigung “einen gut hätte”, gaben schließlich den Ausschlag. Wir fuhren so, dass wir erleben würden, wie die Sonne verschwindet.

Die Landschaft um den Nemrut hatte ihren eigenen Reiz. Strahlend blauer Himmel vor gelblich ockerfarbenen Felsen verschaffte tolle Lichteffekte und eine extrem klare Sicht bereits bei der Anfahrt. Die Umgebung riecht förmlich nach Altertum; nichts was an die Moderne erinnerte als wir und unser Kleinbus. Das Gelände um den Nemrut ist weitläufig und gespickt mit Objekten, Säulen und kleinen Ruinen, so dass der Weg für uns eine ganz spezielle Dramaturgie entfaltete.

Es ist theoretisch möglich, mit geländegängigen Fahrzeugen recht gipfelnah zu gelangen. Aber wie so oft, gehört zu Monumenten wie dem, das wir besuchen wollten, auch ein monumentales Erleben der Atmosphäre, also der Aufstieg zu Fuß. Der hält weitere Überraschungen bereit, etwa einen Stand, an dem Wein verkauft wurde. Klar, auch die übliche Coca Cola, aber die hätte nicht gepasst zu dem, was wir beabsichtigten. Im übrigen, dass sogar in dieser eher bigotten Region des Landes Alkohol angeboten wurde, deuteten wir als Lichtblick, wobei wir allerdings nicht ganz schlüssig waren, ob wir Zeugen eines Erlöschens oder eines Aufflackerns des Lichts der Aufklärung geworden waren. Die Zeit sollte es zeigen. Wir kauften jedenfalls eine Flasche Roten.

Den Weg bergaufwärts muss man sich vorstellen, als Gang über ein fast endloses Feld aus klein zerhackten Steinen. Steine, die von tausenden von Arbeitern aus Felsen gehauen und in Körben aufgeschichtet wurden. Meter um Meter immer höher. Unser Fahrer, der uns auch als Führer begleitete, war gut informiert, über den Stand der Arbeiten am Berg, die nach wie vor andauerten. Viele Geheimnisse sind noch offen um das Grabmal. Es ist zwar von außen vermessen, unklar ist aber immer noch, was im Inneren des Kultberges verborgen ist. Nach längerem Fußmarsch erreichten wir das obere Plateau mit den bekannten Figuren und Gesichtern, die fast jedes Plakat schmücken, mit dem für den Südosten der Türkei geworben wird.

Glückes Geschick, unser Begleiter war Freund mit dem Wärter des Museums, das im Eingangsbereich als erstes auftaucht, betritt man das letzte Plateau. Glückes Geschick auch für den Wärter, wir teilten mit ihm den mitgebrachten Wein und er mit uns Tomaten aus seinem kleinen Garten, Ziegenkäse und Brot.

Bis zum Sonnenuntergang war genügend Zeit für das Betrachten der Artefakte der Kommagener, die auf ihre Art mystisch und erhaben wirken. Zeit auch, die nötig wurde, um uns einen guten Platz zu sichern an exponierter Stelle, den Sonnenuntergang zu begleiten. Tatsächlich erlebt die Kultstätte in den letzten Jahren touristische Anstürme der dritten Art, gehört sie doch zu den Höhepunkten in allen Reiseführern, die die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Welt gelistet haben. Dunkle Kehrseite der Medaille: durch die vielen Besucher wird der Berg langsam zerstört, um 25 Meter soll sich die Kegelspitze in den letzten Jahren verringert haben, bis ihre Besteigung untersagt wurde.

Wir Besucher hatten an diesem Abend Glück, der Sonnenuntergang bescherte uns fantastische Eindrücke. Nach so einem Erlebnis wird der Abstieg meist friedvoller als das Hinaufsteigen. In die Dunkelheit, um dann nach Fahrt durch eine tiefschwarze Landschaft, wieder im Shining-Hotel in Kahta anzukommen. Übrigens, der kurdische Jack Nicholsen hatte in dieser Nacht wohl dienstfrei.

Istanbul, Kappadokien, Lykische Küste, Bafa See

2 Gedanken zu „Nemrut

  1. Danke für den schönen Bericht! Zum Nemrut Dağı wollten wir 1987, damals lief uns dann irgendwie die Zeit davon, es gab keine Karten (irgendwie hätten wir ihn schon gefunden) und es hat damals leider nicht geklappt. Klar, dass so ein Highlight sich inzwischen so mit Menschen füllt, dass die Stimmung und auch die Sehenswürdigkeit an sich leiden. Trotzdem sicher eine tolle Erfahrung.

    • Ich vermute, es sind weniger Besucher dort, in diesen Zeiten. Der Südosten der Türkei ist leider eine Region, wo es immer wieder zu Gewalt gekommen ist, in jüngster Vergangenheit. Da machst Du als Tourist besser einen Umweg, bis die Verhältnisse sich ändern.

      Der Nemrut hat schon andere Phasen überlebt.

      Gruss zurück an http://barbaras-reisen.blogspot.de/

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