Yangshuo

Die Stadt Yangshuo, die für einige Tage unser Ankerzentrum ist, liegt in der südchinesischen Provinz Guangxi inmitten großartig anzuschauender Karstlandschaften, direkt am Fluss Li. Etwa 70 km südlich von Guilin, ist die Stadt zwar gut per Bus erreichbar, aber es wäre Frevel, nicht mit dem Boot anzureisen. Wann sonst, wenn nicht jetzt, gilt: Der Weg ist das Ziel!

Die ausgesprochen spannende Fahrt nach Yangshuo lässt sich hier nachlesen. Aber damit ist der Fluss für uns noch nicht erledigt, besonders zwei Hotspots am River Li widmen wir unsere Aufmerksamkeit in den nächsten Tagen noch. Zunächst empfängt uns eine regnerische Anlegestelle. Hunderte von Menschen kommen gleichzeitig an und drängeln Richtung Stadt. Unter einer Art Baldachin, vielleicht 500 Meter lang, schieben wir uns durch die Neuankömmlinge, vorbei an Verkaufsbuden und Koberern, die noch Gäste für Unterkünfte suchen.

Yangshuo ist nicht nur beschaulich, sondern auch Magnet für vergnügungssüchtige Touristen. Da passt es ganz gut, dass wir für unsere Unterkunft ein paar Yuan mehr ausgeben, um gehoben mit Flussblick unterzukommen. Der Trubel ist nur ein paar Ecken entfernt, aber davon merkt man im „River View Hotel“ kaum etwas. Dort haben wir nicht nur eine exzellente Küche – Achtung: diese Bewertung hat rein gar nichts mit dem europäischen Frühstück zu tun – sondern auch Personal, das sich rührend um uns kümmert und jeden Wunsch perfekt umsetzt.

Beliebt bei einheimischen wie ausländischen Besuchern ist Entertainment, das Hauptgeschäft in Yangshuo. Unterkünfte, Souvenirshops, Restaurants, die gesamte Palette der Branche ist vertreten. Gigantisch sind die Einkaufsstraßen, im inneren Bezirk um die West Street. Eine Vergnügungsmeile neben der ein Ballermann auf Mallorca eher wie ein besinnliches Refugium für Pensionäre wirkt.

Es jubelt, trubelt… das ist chinesisches Volksfest. Musik, Gerüche, grelle Farben, schrille Leuchtreklamen, hier gibt es nichts Dezentes; die Sinne werden permanent reizüberflutet. Den Besuchern gefällt’s. Sie sind ausgelassen, kaufen, konsumieren, fotografieren sich und alles drumherum und produzieren selbst einen heftigen Geräuschspiegel als Kontrapunkt zur Basisbeschallung. Sogar ein wenig verschämte Erotik wagt man hier: Einige Karaokebars und Discos locken im Schaufenster mit sexy bekleideten Girlies, die noch ein bißchen weniger Textil tragen, als die jungen Passantinnen.

Die Kehrseite Yangshuons findet man am Fluss und bei den Karstbergen. Unsere Ideen für Aktivitäten in dieser Umgebung holen wir uns aus dem Reiseführer, dem Internet und den Angeboten unseres Hotels:

Es regnet, wir müssen eigentlich zu einem Bahnhof, würden gerne Neues entdecken, warum nicht beides verbinden? Der Bahnhof von Yangshuo liegt 40 km entfernt, ist gut mit dem Bus zu erreichen und – Glückes Geschick – er liegt nahe bei Xing Ping, einem populären Ausflugsziel am Li River, das angeblich nicht ganz so touristisch entwickelt ist wie Yangshuo. Die Fahrt ist eine kleine und erfolgreiche Generalprobe, unsere erste unbetreute Exkursion. Xing Ping ist die chinesische Version dessen, was viele Urlaubsorte um den ganzen Globus anbieten: Kleine Fressgassen, Souvenirläden und Dienstleistungen. Es gibt noch ältere Häuser, aber die Gentrifizierung hat den Ort schon fest im Griff.

Nett anzusehen ist er trotzdem, besonders auch am Fluss, und hat noch etwas besonderes zu bieten: Den Aussichtspunkt „20 Yuan“. Der heißt so, weil eine bestimmte Karstformation am Fluss, die man hier real sehen kann, auf dem Rücken der 20er Banknote abgebildet ist. Jeder versucht genau diesen Punkt zu finden und vergleicht die Landschaft mit dem Bild auf dem Geldschein.

Der nächste Tag wird dynamischer. Zwei Motorroller-Ladies bringen uns – günstiger als jedes Taxi – auf dem Rücksitz zur „Butterfly Spring“, gepriesene Sehenswürdigkeit, die angeblich keiner auslassen sollte. Nicht jede Empfehlung taugt etwas. Diese hier ist für Westler eher abschreckend.

Die ausgebaute Höhle ist hyperkitschig mit Fake Stalaktiten dekoriert, Material und Farben erinnern an ein Disneyreich, erzeugt in Laboren von BASF. Eine Aussichtsplattform vermittelt zwar einen guten Rundblick, aber das bekommt man preiswerter als für 45 Yuan, die man hier pro Person als Eintritt zahlt. Weitere „Sensationen“, wie eine Hängebrücke oder eine Rutsche, die den Abstieg ersetzt, kosten zusätzlich. Wieder draußen atmen wir befreit durch und setzen den Weg zu Fuß fort.

Weiter wandern wir 30 Minuten über ausgebaute Straßen, in einem separierten Bereich, der für 2-Räder und Fußgänger reserviert ist. Radfahrer und E-Bikes überholen uns, auch seriöse Männer, ungeniert auf HelloKitty-Motorrollern. Hinter der Gongnong-Brücke bei der Busstation „Big Banyan Tree“, besuchen wir, für einen Eintritt von 20 Yuan pro Person, einen weiteren touristischen Hotspot, eben jenen gewaltigen Baum. Sie läppern sich zusammen, die Eintrittspreise auf so einer Strecke, da ist man schnell bei Beträgen, für die man locker ein gehobenes Mittagessen bekommt. Egal, wer weiß, was wir jetzt verpassen würden und ob wir jemals wieder in diesen Teil der Welt konmen.

Der Verlockung, den Karsthügel namens „Drei Ferkel Berg“ aus der Nähe zu sehen, widerstehen wir. Weiter gehts zum „Moon Hill“. Wer jetzt meint, wir durchkämmten romantische Wildnis, vergisst, welche Mittel Chinesen haben, Wege und Natur zu domestizieren. Alles um uns herum ist ein gigantischer Park, adrett, mit Aufwand gepflegt und reglementiert. Für den Aufstieg auf den Mondberg wird zwar – naiv, anderes zu erwarten – Eintritt fällig, da hier aber eigene Muskelkraft eingesetzt wird, nur 11 Yuan pro Person. Dann steigen wir 800 Stufen empor und sind nach 20 schweißtreibenden Minuten auf dem Gipfel. In der Tat, eine spektakuläre Formation, leider ohne weiträumige, verträumte Aussicht, das Wetter spielt gerade nicht mit.

Die Distanzen zu den einzelnen Besuchspunkten unterschätzt man gerne, in China ist alles viel größer als in unserer engen Heimat, unsere Beine melden sich. Kein Problem, nicht weit ist ein Fahrradverleih. Das Mieten der Drahtesel geht ganz einfach: Pro Rad 100 Yuan deponieren, den Mietpreis von 15 Yuan hinblättern, das war’s. Man bekommt robuste Räder, ohne Gangschaltung. Damit kommen wir schnell zum Dorf Longtan, das als historisches Dorf beschrieben wird, Eintritt für jeden 16 Yuan. Unser Eindruck, um das Dorf historisch genau zu restaurieren, bleibt noch viel zu tun. Toll wäre es, den stilistischen Mischmasch wegzuräumen und unpassende neue Gebäude so umzugestalten, dass ein harmonischer und authentischerer Gesamteindruck entsteht.

Am Abend schauen wir uns an, wie Kormoranfischen funktioniert. Vom Begleitboot beobachten wir den Fischer und sein Kormoranteam. Die Tiere sind nicht angeleint, aber ihr Schlund ist mit einem Band verengt. Mit ungeheurer Eleganz werfen sich die Vögel ins Wasser, tauchen unter und wieder auf, im Kropf den Fang. Ab und zu nimmt der Fischer einen Vogel ins Boot, um die Fische zu bergen und setzt den Kormoran erneut ins Wasser.

Wer jetzt protestiert und über die Ausbeutung von Tieren lamentiert, möge bedenken, nur wenn der Kormoran gut behandelt wird, lässt sich mit ihm fischen und natürlich bekommt er nach der Arbeit einen Anteil vom Fang. Wir treffen auf Traditionen, die seit Menschengedenken praktiziert werden und maßen uns nicht an, die besseren Menschen zu sein. Ich sage nur Kükenschreddern und Ferkelkastration.

Die Menschen dieser Region leben mit und vom Fluss und die einfachste Methode, mobil zu sein, ist immer noch das Bambusfloß. So eine Fahrt wollen wir natürlich auch machen. Mit einem Taxi lassen wir uns für 80 Yuan zur etwa 9 km entfernten „Dragon Bridge“ bringen, einer historischen Steinbrücke, malerisch anzusehen. Von dort ist es nicht weit zum „Bamboo Raft Terminal“. Wir haben eine Flussfahrt gebucht, für 300 Yuan über den ruhigen „Yulong River“. Zwei Stunden dauert die gemächliche Fahrt, entspannt sitzen wir, lassen Ufer und Flussgeschehen vorbeiziehen, genießen die spektakuläre Landschaft.

Ganz entschleunigt geht es nicht, wir passieren einige Wehre, wo die Flößer über Rutschen ein Gefälle meistern müssen und wir Kontakt mit Spritzwasser haben. Am Ziel, nahe beim Dorf Xia Tang, leisten wir uns einen kurzen Tuktuk-Transfer zum Dorf Jima. Von dort wandern wir noch rund 4 km durch typisch chinesische Straßenszenen zurück zur Stadt.

Einen Höhepunkt bewahren wir uns bis zuletzt, den Besuch des Xiangong Hill, gelegen an einer spektakulären Schleife des River Li. Es heißt, Sonnenaufgänge sind hier besonders schön. Leider sagt die Wetterapp für den frühen Morgen Regenwolken an, so entscheiden wir uns für den Sonnenuntergang. Die Tour beginnt um 16:00 Uhr, ein Taxi bringt uns für insgesamt 120 Yunan hin und zurück. Ein fairer Preis, immerhin sind wir jeweils fast eine Stunde unterwegs. Am Berg die Aussichtsebenen zu erklimmen, lässt sich in 10 Minuten gut schaffen. Und der Ausblick von dort oben sowie die fast mystische Atmosphäre sind grandios. Wie heißt es: Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Die folgenden Ansichten sind wohl der schönste Abschluss, den ein Bericht über Yangshuo haben kann.

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