Ins Reich der Mitte

Früher Start in Ayutthaya mit dem Taxi, der Moloch Bangkok muss erst bezwungen sein, dann nehmen wir uns mit allem gebotenen Respekt China vor. Den brauchen wir bereits am Flughafen Suvarnabhumi. Unerwartet treffen wir GröBaz, die größte Bürokratie aller Zeiten, personifiziert durch Angestellte am Check-In-Schalter der China Southern Airlines. Man will unser Rückflugticket sehen. Das haben wir aber nicht, weil wir China am Ende der Reise in Richtung Vietnam über Land verlassen werden. Wir hatten das in Hamburg mit der Visumabteilung der Chinesischen Vertretung abgestimmt, so dass wir jetzt natürlich mit regulärem Visum im Pass am Flugschalter stehen.

Die Dame in der Abfertigung, charmant und beinhart wie eine Rotgardistin, sieht das trotzdem anders und meint, man würde uns wegen des fehlenden Rückfluges gar nicht erst einreisen lassen. Sie kontaktiert angeblich die Einreisebehörde am Zielflughafen, leider ohne eine finale Freigabe. Nach über einer Stunde hin und her unterzeichnen wir eine Erklärung, dass wir für alle Kosten einer eventuellen Abschiebung aufkommen und dürfen fliegen. Schaun wir mal, was passiert. Nun, gar nichts passiert. Wir kommen problemlos nach China rein und niemand interessiert sich für unsere Rückreise.

Der Flughafen in Guilin ist brandneu und nicht alles läuft schon so rund, wie es vom perfekten China zu erwarten wäre. In der riesigen Wartehalle gibt es nur einen ATM und der funktioniert nicht. Nach mehreren Anläufen und mit Hilfe eines freundlichen Chinesen, kommen wir an schlappe 500 CNY, weil zwischenzeitlich jemand Geld eingezahlt hat. Das ist zwar zu wenig, reicht aber fürs Taxi.

Im Hostel die nächste Überraschung, Zahlen mit Kreditkarte geht nicht. Will man dem unfreundlichen Knaben hinterm Counter glauben, akzeptiert angeblich ganz China keine ausländischen Karten. Wir subsumieren diese Information unter die Kategorie Schwachsinn und lassen uns den Weg zum nächsten großen Luxushotel erklären. Dort beschreibt man uns den Weg zu den Banken im Einkaufsviertel und endlich klappt das Abheben. Viele rote Scheine mit Mao-Porträt schmücken nun unsere Geldbeutel.

Lasst uns einige Gerüchte klären, die wir bei der Vorbereitung auf unsere Chinareise im deutschen Internet gefunden haben:

  • Nein, es ist nicht nötig, zwei Nullen vor der eigenen vierstelligen PIN einzutippen, nur weil in China 6-stellig Codes üblich sind.
  • Nein, die PIN muss nicht von rechts nach links, also rückwärts eingetippt werden, wer es trotzdem mehrmals macht, riskiert, dass seine Karte einbehalten wird.

Versorgt mit Bargeld essen wir bei McDonalds und schlendern durch Guilin im Regen. Schön farbig ist alles, fast wie zu Weihnachten.

Sei es kitschig oder schön, egal das ist ein echter optischer Overkill. Die Menschen um uns sind entspannt, sie laufen auch nicht als Kollektiv im Marschtempo. Und dann unvermittelt ein tolles Erlebnis: Unter einer Brücke formiert sich eine Tanzgruppe, vielleicht 20 Menschen. Was sie vorführen, wirkt einfach großartig, eine komplizierte Choreografie, gekonnt getanzt. Irgendwie surreal die Show, so etwas erlebt man selten.

Bereits nach wenigen Stunden in China bestätigt sich, dass unsere mitgebrachte Technik funktioniert. Sowohl der mobile Router mit der integrierten SIM, als auch das VPN Tool sind top. Übrigens, die Steckdosen akzeptieren unsere Stecker, ohne dass wir Gewalt anwenden müssen.

Guilin ist unser Einstieg, wir wollen so schnell als möglich zu den Karstbergen von Guangxi und das am liebsten mit dem Boot über den Fluss Li. Ziel ist Yangshuo. Dafür haben wir bereits eine Tour über unser Hotel gebucht, die alles organisiert: Abholung, Transfer zum Ankerplatz der Fähren bei Xiachetou, Verpflegung. Das läuft tatsächlich chinesisch perfekt ab. Ungewohnt für uns, die wir die Dynamik geführter Reisegruppen nicht kennen: ein Mann mit quäkendem Megafon wedelt mit einer roten Flagge und übernimmt charismatisch die Spitze unserer Formation aus chinesischen und ausländischen Besuchern. Weil das mit den vielen Namen zu kompliziert ist, bekommt jeder eine Nummer, wir sind die 17. Alles ist bereit, allein die rote Fahne, gebeutelt durch den Regen, will gar nicht stolz im Wind flattern, wie es unserem Tross gebührt, sondern hängt als nasser Lappen, herab am Stab unseres Führers.

Obwohl wir nur gefühlte 10% der Anweisungen verstehen, die geschreddert durch das Megafon auf uns einprasseln, überwinden wir Sicherheitsschleusen, automatisierte Einlässe und Personenkontrolle. Dazu braucht es ein maschinenlesbares Ticket und natürlich den Reisepass. Erste Lektion für jeden Ausländer: Durch Türen, an denen Offizielle stehen, kommt man nie ohne Pass, egal was dahinter ist.

Unser Fährboot, eines von 15, die dort warten, ist kurz, breit, doppelstöckig, hat ein Aussichtsdeck und fasst wohl 100 Passagiere. Ein komfortables Fahrzeug, eingerichtet im China Barock, aber gemütlich und sehr proper. So ist auch die Besatzung, das wirkt alles recht solide. Unsere anfängliche Skepsis, mitten in einer Kaffeefahrt gelandet zu sein, löst sich bald auf, niemand versucht, uns Heizdecken oder Ginseng zu verkaufen.

Für die Passage zahlen wir pro Person 400 CNY, umgerechnet 50€. Dafür gibt es eine Komfortreise, mit Wifi an Bord, niemals versiegende Kannen grünen Tees und eine gute warme Mahlzeit. Fast 4 Stunden gleiten wir ruckelfrei über den Fluss Li, ohne Stress, dafür aber mit vielen Highlights. Es ist wohl der schönste Weg, um nach Yangshuo zu kommen. Durch eine einzigartige Bilderbuchlandschaft windet sich der Fluss, vorbei an hochaufragenden Karstfelsen und üppigen grünen Pflanzen. Fischer und Flößer begegnen uns, wir passieren Ortschaften, einige malerisch andere eher beliebig. Der Li ist stark befahren, aber das stört nicht. Die Umwelt wirkt intakt, obwohl man ja China nachsagt, mit der Natur Raubbau zu treiben. Für uns ist diese Flussfahrt trotz Regenböen und Wind ein ganz besonderes Erlebnis.

Während der ersten Tage in Yangshuo hält das Regenwetter an. Wir verbinden deswegen einen Pflichtbesuch, der für unsere Weiterreise wichtig ist, nämlich die Abholung von Zugtickets, mit einer kleinen Besichtigung. Dazu fahren wir zum nächsten Bahnhof, der ebenfalls Yangshuo heißt, 40 km entfernt, nahe der Stadt Xing Ping, nicht weit vom Aussichtspunkt „20 Yuan“ am Fluss Li. Mehr über diesen Ort findet Ihr im Bericht zu Yangshuo. Hier wollen wir nur bestätigen, dass auch die Aushändigung der Bahntickets, die wir vor Reiseantritt über trip.com buchten, total einfach verläuft: Am Ticketschalter legen wir Pässe und Reservierungs-Infos vor. Das genügt dem Beamten, die Fahrkarten auszudrucken und zwar für alle Reisen, egal von welchem Bahnhof wir fahren.

Wir sind gut in China angekommen und merken, wie uns jeder Tag leichter wird, vielleicht auch, weil wir einige Vorurteile über Land und Leute schnell abwerfen und zunehmend Spaß an dieser Reise haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.