Shan State

Unterwegs im Staat der Shan

Die Shan zählen historisch und kulturell zu den einflussreichsten Volksgruppen im Vielvölkerstaat Myanmar. Ihr Gebiet umfasst etwa ein Viertel der Fläche des Landes. Grenzen gibt es zu China, Laos und Thailand, wohl ein Grund für die Shan, ebenfalls über eine eigene territoriale Unabhängigkeit zu grübeln. Und das bereits seit fast 60 Jahren. Wobei das Nachdenken viel zu oft von Gewalt und Gegengewalt begleitet wird. Unter staatlicher Rigorosität und den separatistischen, wenigstens ebenso rigorosen Aktivisten, leidet das Volk schwer. Mit Wohlstand und Bürgerrechten hapert es. Besseres könnte sich aber nur im Frieden entfalten.

Für den Reisenden bedeuten schwierige Umstände im Ergebnis meistens, dass Reisewarnungen oder sogar -verbote ausgesprochen werden. Aber liest man jeweils darüber, dass eine Situation sich wieder beruhigt hat? Um das zu erfahren, kontaktieren wir vor der Anreise die Hotels, in denen wir Unterkünfte gebucht haben. Das ist verlässlicher als die Nachrichten. Und wir bekommen grünes Licht. 

Zu unserer ersten Station, Lashio, fliegen wir von Heho aus. Dann nehmen wir uns Zeit, das Land der Shan zu erkunden, soweit wir dürfen. Damit ergänzen wir die Eindrücke, die wir bei unserem ersten Besuch vor einigen Jahren im Shan-Staat gewinnen konnten, als wir die leichter erreichbaren Ziele Kalaw, Pindaya und Nyaung Shwe am Inle Lake besucht haben.

Lashio

Eine der größten Städte im Shan Staat, aber nicht seine Hauptstadt, wie manche denken. Das ist nämlich Taunggyi.

Ereignis, im besten Sinne dieses Wortes. ist das Marktgeschehen. Dazu suchen und finden wir den Lashio Market im Bezirk zwischen dem Lashio Hospital und der Moschee. Wir kennen Märkte in Deutschland, Europa und Asien. Aber was wir hier vorfinden, ist ein Superlativ. Das Warenangebot in jeder Branche ist überwältigend. Entsprechend tummeln sich hier nicht nur die Stadtbewohner, sondern auch Menschen aus der Umgebung und den Bergdörfern.

Wer noch keine chinesischen Tempel kennt, kann hier einen besichtigen, mitsamt dem daran hängenden Kloster. Zu Fuß ist der Weg nicht zu empfehlen, mit dem Motorrad Tuktuk aber einfach zu erreichen. Ein Weg über tausende von Schlaglöchern kostet schlappe 3.000 Kyat, startet man vom Markt. Vom chinesischen Tempel aus hat man eine schöne Sicht über die Stadt.

Eine Besichtigung wert ist die 2500-Jahre Thatana Pagode, die gut über eine lange Treppe zu erreichen ist. Sie ist wirklich schön, auch wenn sie nur einen Bruchteil der Jahre auf dem Buckel hat, den ihr Name andeuten will. Wir lassen uns hinfahren, den Weg zurück finden wir leicht.

Langweilig wird uns nie zwischen Morningmarket und Nightmarket. Wer es mag, findet dort auch immer Myriaden von Buden mit Street Food. Oder geht in eine der zahlreichen Bäckereien für guten Kaffee und Softdrinks. Gebäck, das allerdings nicht mit europäischen Produkten ähnlichen Aussehens verwechselt werden darf. Das Geschmackserlebnis ist in Myanmar ein eigenes. Was immer geht, sind Kekse. Unsere persönlichen Favoriten für Zwischenverpflegung.

Eigentlich mit gedämpften Erwartungen reisen wir weiter nach Hsipaw. Aber diese Vorurteile darf man als unternehmungslustiger Traveller bald vergessen. Die kleine Stadt ist voller Überraschungen.

Hsipaw

Die kleine Stadt am Fluss Duthawaddy gibt sich auf den ersten Blick eher überschaubar. Aber irgendwie kommt einem großes Kino in den Sinn. Die Hauptstraße durch den Ort erinnert nämlich an Mad Max. Hier rattern und knattern brachiale Fahrzeugmonster aus chinesischer Produktion, neben modernen Vans und unzähligen nicht TÜV-fähigen Vehikeln auf zwei und drei Rädern.

Aus Fußgängersicht ist das ein Niemandsland. Leider auch gastronomisch. Aber Jammern bringt nichts, durch dieses kulinarische Nadelöhr müssen wir durch. Mr. Food hat geschlossen, dafür werden wir in einer Snooker und Fußballkneipe fündig. Überraschung, hier gibt es tolle Gerichte. Und wer gar nichts mag, bestellt den Riesenteller mit Pommes und dazu natürlich Myanmar Bier. Hsipaw besticht mit seiner Gelassenheit und Authentizität.

Erst am letzten Tag unseres Aufenthaltes entdecken wir das empfehlenswerte „River View“. Dicht beim Morningmarket, am Fluss. Mit guter Küche und noch besserer Aussicht über den Duthawaddy.

Auch hier entdecken wir den Markt recht schnell und es scheint, eine der Hauptvorlieben im Shan-Land ist Einkaufen. Einen überdachten Markt hat Hsipaw, zum Verirren groß.

Dazu mehrere Straßen drumherum, viele mit Marktständen. Das reicht bis hinunter zum Fluss; dort schließt sich nahtlos das Viertel um den Morningmarket an. Alles zusammen ist gut für einen mehrstündigen Bummel; Zeit, die wir gerne investieren.

Was wir nicht sehen, ist der Shan Palast. Wir kommen zur falschen Zeit, stehen vor einem geschlossenen Tor. Geöffnet hat er täglich nur zwischen 15:00 – 17:00 Uhr. Wir gehen weiter in eine Richtung, die laut Karte „Little Bagan“ heißt.

Dieses Viertel, sein eigentlicher Name ist Myauk Myo, gilt als ältester Teil Hsipaws, die Straßen gesäumt mit Häusern, die recht chinesisch anmuten. Little Bagan ist hier kaum zu verfehlen und ein kleiner Traum. Was hier an Ruinen einfach herumsteht, überwachsen ist von Pflanzen, und den morbiden Charme alter Kulturen verströmt, ist unglaublich. Wir erleben entweder einen Zustand kurz vor einem totalen Verschwinden oder den absoluten Nullpunkt vor seiner glorreichen Wiedererweckung als hippes Touristenziel.

Wer schon mal in Little Bagan herumstöbert, wird kaum das Biorestaurant „Mrs. Popcorn‘s Garden“ verfehlen. Unsere Empfehlung für eine gemütliche Pause bei einer Tasse gutem Kaffee oder einem Obstshake. Ganz in der Nähe befindet sich auch die Stupa, aus der malerisch ein Baum herauswächst.

Viele Besucher Hsipawas sind aus anderen Gründen hier als Essen und Einkaufen. Es geht um Wanderungen, moderner und polyglotter: Trekking. Zeit und Lust haben wir, wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit bekommen. Mit einer kleinen Agentur planen wir unsere Touren individuell durch. Wir machen es halt gerne allein, ohne Gruppe.

Mit dem Boot auf dem Duthawaddy River

Achtung, auf den Online Karten heißt der Fluss auch Myitnge. Wir fahren flussaufwärts, dorthin, wo der Zufluss Nampaung auf ihn trifft. Für die Fahrt steigen wir in einen typischen flachen, motorisierten Kahn, wie er in dieser Region Standard ist. Vor dem saftigen Grün der Wälder und Felder ragen knorrige Büsche und abgestorbene Bäume wie Skelette aus dem Wasser. Was aus der Ferne aussieht wie eine mystische, animistische Dekoration entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Abfall: Reste von ausgebleichten Plastiktüten und Flaschen, die von der letzten Flut in die Äste getrieben wurden und dort nach Absinken des Wasserspiegels verblieben sind. Skurril und überflüssig. Wasserbüffel passieren wir, kleine Dörfer, Menschen, die am Fluss leben.

Wie so ein Gehöft aussieht, schauen wir uns genauer an. Proper und intakt, ein Flussbauer, der hier Gemüse und Obst anbaut. Hier ist das Wasser einladend frisch und klar, hier lässt es sich baden. Danach knattern wir zu einer verdeckten Anlegestelle, wo ein Weg ins Dickicht führt. Wir treffen ein freundliches Weiblein, das hier alleine in ihrer Hütte lebt und sich über jeden Besuch freut. Nach einem Marsch von einer guten halben Stunde erreichen wir ein großes Kloster aus Teakholz. 40 Mönche samt Novizen leben hier. Die Atmosphäre: freundlich, sauber, einladend. Die Novizen sind um diese Zeit in der Schule.

Zurück und geht es mit Halt in einem Shan Dorf, das eine eigene Bahnstation hat. Sauber, idyllisch, freundlich ist alles, wie aus einem Bilderbuch. Die Häuser einladend, ohne Strom. Einige haben Solarzellen ausgelegt. Wasser wird aus Brunnen geschöpft, die sich als soziale Treffpunkte entpuppen. Auch Männer treffen wir im Dorf. Einige sind tätowiert. Ihre Körperbilder präsentieren sie stolz in unsere Kamera.


In den Bergen mit Bobo und Win

Mit dem Wagen geht es wieder über den Oriental Highway, dann biegen wir an der Bawgyo Pagode ab und fahren durch die Maisfelder bergauf. Beim Dorf Oomu parken wir und wandern den Rest der Strecke. Wunderschön sind die Landschaften in dieser Jahreszeit. Irgendwann sehen wir ein Dorf in den Hügeln. Kurz bevor wir die Häuser erreichen, passieren wir einen Kontrollpunkt. Zwei gut gelaunte Soldaten begrüßen uns auf Shan „mai sung ka“, hallo und danke. Alles in Ordnung, wir dürfen passieren. Wir sind im Dorf Man Loi, bei den Palaung, einer Mon Khmer Minderheit.

 

In einem der ersten großen Häuser werden wir freundlich empfangen. Wir betreten mit einem „tscham sa“ was wohl „Hallo“ heißt, den großen, blitzsauberen Raum. Alle, Männer wie Frauen begrüßen uns mit Handschlag. Man bietet uns Tee, Zigarren und Betel an, die traditionellen Gaben für Gäste.

Die Frauen, gekleidet in traditionellen Gewändern, klein, zierlich. Viele mit geschorenem Kopf, wie es hier Sitte ist. Kommuniziert wird über unser Guide Win. Fotografieren ist kein Problem, im Gegenteil. Nicht nur hier, auch beim Rundgang durchs Dorf. Jeder möchte gern aufs Bild und vor allem fertige Fotos sehen. Es ist unglaublich, wie freundlich und unvoreingenommen die Menschen sind. Es gibt nur wenig Hunde. Situationen, die wir anderswo erlebt haben, wo wehrhafte Hofhunde den Fremden verbellen, gibt es hier nicht. Idyllisch ist es, entspannt und angenehm.

Auch im Kloster auf dem oberen Hügel. Dort treffen wir auf einige winzige Novizen, Kinder halt, die wie überall auf der Welt, gerne lachen, spielen und neugierig sind.

Gokteik Viadukt

Eine gewaltige Sehenswürdigkeit wollen wir unbedingt sehen und verbinden das Ziel mit unserem Weg. Der Gokteik Viadukt, zur Zeit seiner Fertigstellung mit einer Höhe von über 100 Metern und einer Gesamtlänge von 689 Metern die größte Eisenbahnbrücke der Welt. Ein technisches Wunderwerk aus Stahl. Natürlich fahren wir dorthin zünftig mit der Eisenbahn. Und wir nehmen nicht etwa die Kurzstrecke zwischen den beiden Stationen, die direkt vor und hinter der Brücke liegen. Ehrensache, wir entscheiden uns für das volle Programm, also Start in Hsipaw und Fahrtende in Pyin Oo Lwin. Im Ergebnis bedeutet das fast 7 Stunden enervierende Fahrt mit dem Bummelzug, der mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von stolzen 15 km/h nicht nur schwankt wie ein Schiff im Sturm, sondern Bocksprünge wie ein ungezähmter Mustang vollführt. Spannende Erwartung, lässt uns vergessen, dass wir gerade einen Mix aus Geister- und Achterbahn erleben, der sich eigentlich nur mit einer Doppelration an Reisetabletten ertragen lässt.

Dann erreichen wir den höchsten Streckenabschnitt. Im Schritttempo tastet sich der Zug über die Brücke. Niemand bleibt unbeteiligt und keiner, der sich nicht an eines der kleinen Fenster drängen würde. Um zu schauen, zu fotografieren, zu jauchzen wie die kleinen Mädchen auf der nächsten Bank oder einen Schauder zu spüren, angesichts der tiefen Schlucht unter uns (immerhin 111 m!) . Etwa 20 Minuten brauchen wir um den ganzen Viadukt zu bewältigen.

Haben wir schon erwähnt, dass der Zug sich stundenlang wie eine landwirtschaftliche Maschine durch die hohe Vegetation fräst, in dem sich das Gleisbett versteckt? Unmengen an abgeraspelten Pflanzenresten wehen ins Zuginnere und bedecken alles und jeden. Aber wen kümmert’s. Wir haben den Gokteik Viadukt bewältigt, das alleine zählt.

Unser Fazit: Der Shan-Staat ist den Besuch wert und mit Glück wird es dort eines Tages einen dauerhaften Frieden geben. Das wünschen wir diesen freundlichen Menschen aus vollem Herzen.

Yangon, Kalaw und Pindaya, Inle See, Mandalay, Monywa, Bagan, Bago, Golden Rock,   Hpa-an, Mawlamyine, Ye / Dawei / Loikaw, Pyin Oo Lwin, Chin State, Tanintharyi Region

Der zweite Besuch im Herbst 2019

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.