Jerusalem

Jerusalem ist eine besondere Stadt, besonders, wenn man aus einer Welt kommt, die auf den ersten Blick säkular ausgerichtet ist. Hier ist es anders und die Frage ist nicht, ob uns das passt, sondern wie wir damit umgehen. Wer viel in der Welt herumkommt weiß, dass europäische Lebensart nicht das Maß aller Dinge ist. Wie Menschen sich geben und kleiden, hat eine Menge mit Klima, Landschaften und oft auch mit bewährten Traditionen sowie mit ihrer Einstellung zum Glauben zu tun. In Jerusalem kommt das geballt zum Ausdruck. Es wirkt, als ob hier, an den Schnittstellen der Konfessionen, Kleidung und Habitus gezielt eingesetzt werden, um eine bestimmte Religionszugehörigkeit öffentlich zu unterstreichen, oder um kund zu tun, dass man ein Säkularer ist.

Bei unseren Spaziergängen durch die Stadt werden wir immer wieder mit diesen Bildern konfrontiert, wie auch anders herum, unser Hiersein belegt, dass es noch eine Welt außerhalb Jerusalems gibt, die sich für diese Stadt interessiert, aber wir sind nicht sicher, ob das irgendwen kümmert. Wer hierher kommt, hat im Kopf, dass Jerusalem – als Objekt von Begehrlichkeiten und Schauplatz weltanschaulicher Rivalitäten – viel mehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist, als dass noch Raum für den Rest der Welt bliebe.

Gefragt, wann wohl die beste Zeit für einen Besuch dieser Stadt sei, sind wir geneigt zu antworten: Die Monate sind eigentlich nebensächlich, aber achtet darauf, von Montag bis Donnerstag hier zu sein. Die restlichen Tage gehören den Glaubensgemeinschaften und dann ist immer irgendwas gerade geschlossen.

In der Altstadt

Durch die verkehrsberuhigten Zonen der neuen Viertel machen wir uns auf zu einem der Tore in der gewaltigen Mauer, die noch Süleyman der Prächtige um das antike Jerusalem herum hat bauen lassen.

Vorbei geht es an gepflegten, mediterranen Stadt- und Geschäftshäusern aus Sandstein, zum Jaffa Tor. Eingänge, aber auch spezielle Punkte in der Altstadt werden durch Sicherheitskräfte bewacht; niemand will hier von Gewaltaktionen überrascht werden. Die Präsenz der Bewaffneten stört und nicht. Im Gegenteil, das vermittelt ein Gefühl der Sicherheit.

Straßen verengen sich zu Gassen und Gängen. Innerhalb der Mauern, altertümliche Bausubstanz, wohin man schaut, kaum durch moderne Einrichtungen unterbrochen. Alle Wege sind gepflastert, wie uns scheint mit Platten, die über die Jahrhunderte blank geschliffen wurden durch Millionen von Füßen. Gut restauriert wirkt das Innere der Altstadt, verwinkelt natürlich aber auch gut begehbar. Alles ist gut ausgeschildert, die markanten Besuchspunkte lassen sich leicht finden, vor allem, wenn man parallel dazu eine gute Karte zur Hand hat, für die Groborientierung.

Wir suchen und finden die bekanntesten Heiligtümer, die den Mythos Jerusalems und das immerwährende Ringen um die Herrschaft über diese Stadt illustrieren. Zum Tempelberg wollen wir zuerst, müssen noch durch eine Taschenkontrolle und sichten dann bereits die Klagemauer.

Aus jeder Ecke atmet Geschichte, das vereinnahmt den Besucher, verleiht jedem Rundgang ein ganz besonderes Flair. Vor der Klagemauer erblicken wir viele gläubige Juden, die dort laut ihre Gebete verrichten, sich dazu zeremonienhaft bewegen. Wir beobachten das Geschehen von der Holzbrücke aus, die zu den muslimischen Heiligtümern führt.

Den Mittelpunkt des Tempelbergs markiert der Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Auf seine Weise ist dieser sakrale Bau aus dem 7. Jahrhundert ein wahrhaft schönes Stück Architektur. Explosiv ist seine politische Dimension: Heiligtum für die Muslime, Stein des Anstoßes für orthodoxe Juden, denen der Ort als sakrosankt gilt, soll hier doch einst ihr 1. Tempel gestanden haben.

Betreten können wir den Felsendom ebensowenig wie die am Südhang erbaute Al Aqsa Moschee. Für Ungläubige ist der Zugang streng reglementiert. Freitags geht nie und an den übrigen Tagen sind Nichtmuslime nur zwischen 8 – 10 und 12.30 – 13.30 Uhr zugelassen. Das ist eine nicht verhandelbare Vorschrift, deren Umsetzung den eifrigen Wächtern einen Heidenspaß bereitet. Mit meinem türkischen Ausweis können wir zwar etwas zusätzliche Zeit schinden, aber die Sache fliegt auf, als einer der Eifrigen entdeckt, dass auf meinem Perso keine Religion vermerkt ist. So muss es sich anfühlen, als Atheist in Mekka erwischt zu werden. Wir verdrücken uns erhobenen Hauptes, aber relativ eilig durch das Baumwolltor.

Nun bewegen wir uns gegen den Strom der gläubigen Christen, die ihre Start-Ziel Route an den Apostelgeschichten ausrichten und chronologisch den Weg ihres Heilands, wie in den Evangelien erzählt, nachspielen. Beginn ist bei ihnen meist der Ölberg, Ende immer die Grabeskirche.

Christliche Besuchergruppen sind so ungefähr das Auffälligste, was sich in der Altstadt bewegt. Organisierte Trosse, die mühelos ganze Gassen so zukorken, dass Einzelbesucher kaum Chancen haben, zu passieren; ausstaffiert mit uniformen Hütchen, Wimpeln oder Bändchen, einem Führer – vorzugsweise Mönch oder Priester – und selig erleuchteten Gesichtern. Echte Hardcore Gruppen transportieren ein grosses Kreuz, kein schweres übrigens sondern Modelle aus Styropor oder Balsaholz, rezitieren Bibelverse und stimmen Chorale an, wenn sie eine der nummerierten Stationen der Via Dolorosa passieren. Es sollte nicht wundern wenn Einzelne unter ihnen, vom Jerusalem-Syndrom befallen, sich als Inkarnation von Hiob, Lazarus, Maria Magdalena oder dem Heiligen Geist begreifen. Irgendwie mutet das gläubige Getümmel, nimmt man Muslime und Juden dazu, an wie ein Disneyland der Religionen.

Wie das jordanische Petra will Jerusalems Altstadt zu Fuß entdeckt werden. Einige Tage und viele Kilometer sind wir unterwegs, haken auf unseren Routen die Höhepunkte ab, was schwer genug ist, in einer Umgebung, wo jeder Stein eine aufregende Stelle aus Bibel, Thora oder Kuran symbolisiert. Den Bezug zu den theologischen Quellen nachzuschlagen, sparen wir uns. Entweder erinnern wir es, belassen es beim Ansehen oder vermuten, dass im Zweifel die Römer zuständig waren. Das reicht allemal und ist mehr als ergiebig.

Natürlich lassen wir bei unseren Besichtigungen die rein weltlichen Teile nicht aus, also die bunten Verkaufsstände und Läden oder die kleinen Cafés im arabischen, christlichen, armenischen oder jüdischen Viertel.

Und um den Besuch rund zu machen, verlassen wir durch das Löwentor den ummauerten Teil, schauen uns die Kirche aller Nationen an und schlendern durch den Garten Gethsemane, mit seinen knorrigen, tausendjährigen Olivenbäumen. Einige dieser Exemplare sollen nach Auskunft von Experten, die es ja wissen müssen, so alt sein, dass sie theoretisch Jesus erlebt haben könnten. Tja, wenn Bäume sprechen könnten, wäre vieles einfacher, vielleicht auch die Sache mit dem Glauben.

Hinter dem Garten Gethsemane führt ein Weg steil bergauf, vorbei am Jüdischen Friedhof, bis hoch zum Aussichtspunkt Mitzpe Ghandi auf dem Ölberg. Von hier aus genießen wir das herrliche Panorama über die Stadt und einen fantastischen Sonnenuntergang.

Außerhalb der Altstadt

Wie nennt man eigentlich die Teile Jerusalems, die nicht das geschichtliche Zentrum ausmachen? Wir fassen es der Einfachheit unter dieser Überschrift zusammen, sonst entsteht hier ein Roman.

Unser Hotel liegt an der Jaffa Road, einer der längsten und ältesten Straßen in Jerusalem, die die Altstadt mit Downtown verbindet. Von hier ist für uns alles ganz einfach zu Fuß oder mit der Straßenbahn erreichbar.

Unser Treffen mit israelischen Freunden, die wie wir das Erdbeben in Nepal im April 2015 überlebt haben, war geplant. Dass es auf dem Mahane Yehuda stattfinden wird, wussten wir nicht. Der Markt, er soll der größte in Israel sein, erreichbar von der Jaffa Road, zählt täglich um die 200.000 Besucher und bietet tagsüber was Herz und vor allem Magen begehren, also hauptsächlich, Obst, Gemüse, Lebensmittel, Fleisch, Fisch, Delikatessen.

Abends eröffnen hier Kneipen, in denen sich gepflegt sitzen lässt und gutes Bier serviert wird. Wir besuchen den Markt zu verschiedenen Zeiten, abends zum Treffen der Nepal Survivors und mittags zur Selbstversorgung. Beide Anlässe lohnen, aber wer nur gucken will, ist hier ebenso gut aufgehoben.

Wenn man über Jerusalem berichtet, wäre es vermessen, Yad Vashem nicht zu erwähnen. Wir stellen diese Eindrücke bewusst an den Schluss, weil sie eigentlich übergreifend für das ganze Israel und seine Geschichte stehen.

Die Holocaust Gedenkstätte beim Herzl Berg gibt es seit 1953. In ihrer heutigen Form besteht sie seit 2005. Wir besuchen die Ausstellung am zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Jerusalem. Lange sind wir in den einzelnen Gedenkstätten, in die sich die Anlage gliedert und wir sehen viel. Die globalen Zusamenhänge kennen wir, als Deutscher muss man das wissen. Was uns, die wir keine Zeitzeugen sind, fehlt, nämlich eine Vorstellung für die Dimension der persönlichen Schicksale, wird durch die Gedenkstätte vermittelt. Niemand hier bleibt unbeteiligt. Wir sind nach unserem Rundgang betroffen und ergriffen. Wer nach Israel kommt, sollte sich diesen Ort ansehen. Die Lebenden sind den Opfern schuldig, nicht zu vergessen.

Was uns auffiel und wie es für uns von hier weiterging.

Eilat   –  Tel Aviv  –  Akko  –  Haifa und Caesarea  –  Galiläa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.