Unser Dorf

Bei aller Reiselust und Freude, in fremden Ländern unterwegs zu sein, sind wir doch immer wieder gerne zuhause. Das ist kein Zufall, weil tatsächlich alles, was das Leben an unserem Ruhepol ausmacht, stimmig ist und zu uns passt. Wäre es anders, hätten wir schon lange die Zelte abgebrochen und uns anderswo niedergelassen. Kein Problem, wenn man das Privileg hat, von Arbeit- und Geldgebern unabhängig seinen Wohnort frei wählen zu können. Wer mit seinem Umfeld hadert, weiß oft genau, was ihn am meisten stört. Genauso sollte man sich aber bewusst machen, wenn man gerne in seinem Ort wohnt, was einem daran am besten gefällt und sich, wie wir, seines Lebens freuen.

Trotz seiner Nähe zu einer bemerkenswerten Metropole, nämlich der Stadt Hamburg, die keine 25 Minuten entfernt liegt, ist unser engeres Umfeld nicht urban. Wie nennen es der Einfachheit halber „Unser Dorf“. Wie es dort ist? Na, eben so:

In unserem Dorf – lassen sie das Dorf bei der Kirche und nicht die Kirche im Dorf. Das hat mit einer Besonderheit zu tun: Erst wurde in der Karolingerzeit hier die Taufkirche errichtet, dann bildete sich der Ort. Die Kirche, die nach St. Mauritius, Schutzheiliger des Heeres und der Waffenschmiede, benannt ist, wirkt mit ihrem Backsteingemäuer und ihrem separaten Holzturm so adrett, dass viele Brautleute sich dort trauen lassen. Wo bekommst Du sonst so schöne Motive.

Vielleicht noch beim Standesamt, am anderen Ende der Straße, das sich nicht verstecken muss.

In unserem Dorf – kann jeder ganz leicht herausfinden, wie lange es schon existiert. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgt im Jahr 1107. Dann findet ein gewisser Heinrich der Löwe an dem Ort so einen Gefallen, dass er ihn 1156 kauft. Das braucht sich niemand zu merken, weil das Gründungsjahr in den Findling bei der Kirche eingraviert ist. Wozu das nutzt? Nun, ein guter Grund wäre, sich auf den nächsten runden Geburtstag zu freuen, wegen der Party, die dann ansteht.

In unserem Dorf – lässt es sich echt gut Essen, weil Ronald mit den Fleischklopsen hier keine Dependance gegründet hat und wir die Bewirtung lieber gestandenen Gastronomen überlassen, die edel und gekonnt dafür sorgen, dass dem Gast, Italien auf der Zunge zergeht. Und optisch macht so ein Restaurant viel mehr her als ein Fast Food Store unterm gelben Bogen.

In unserem Dorf – hast Du keine Wartezeiten beim Amt, wenn der Ausweis erneuert werden muss oder der übliche behördliche Krimskrams ansteht, der ein bürgerliches Leben begleitet. Da ist man schlank organisiert und effizient. Sogar auf Politessen und ihre Knöllchen verzichtet das Dorf, die gibts tatsächlich nur woanders.

In unserem Dorf – kaufen wir Blumen direkt vom Feld, das freut den Bauern und seine Kundschaft, weil jeder sich den Strauß seiner Wahl persönlich schneidet und sein Scherflein in die Kassenbox wirft. Das Geschäftsmodell funktioniert übrigens. Wer keine Lust auf Schnittblumen hat, freut sich am Anblick der bunten Flächen, wo sonst hast Du so was noch ganz umsonst.

In unserem Dorf – gibts mehr Graffiti als anderswo. Voran die Kids von der Jugendfeuerwehr und die Künstler aus der Gruppe „Farbwelten“-Atelier im Haus Huckfeld, einer Einrichtung, die vormacht, wie Inklusion unser Leben bereichern hilft. Die frechen Bilder machen das Warten auf den Bus zum Vergnügen und stimmen auf die bunte Bahn-Station ein. Damit nicht genug, bei uns sind sogar die öffentlichen Abfalleimer kleine Kunstwerke und seit neuestem auch die Stromverteilerkästen.

In unserem Dorf – gibt es Imperiales aber ganz zivil. Wer seinen alten Kaiser Wilhelm wiederhaben will, bekommt ihn zwar auch bei uns nie und nimmer, aber er darf dafür eine Kaisereiche bestaunen, die zu Ehren des Monarchen am 22. März 1897, seinem 100. Geburtstag, gepflanzt wurde. Und das schönste daran ist, dass dieser Baum die längste Zeit seines stillen Daseins in einer Demokratie verbringen durfte.

In unserem Dorf – starten wir, um den Sonnenaufgang zu erleben, frühmorgens bei der Wiese, vorm Haus wo manchmal Kühe weiden, auch mal Esel herumlungern oder Rehe sich umschauen. Der Morgennebel steht der Wiese gut und wenn die ersten Strahlen der Sonne durch die Zweige der Bäume brechen ist das Bild perfekt.

In unserem Dorf – lässt es sich trefflich spazieren gehen und gut laufen. Da führen unsere Lieblingsstrecken über beschauliche Wirtschaftswege, durch viel Natur, vorbei an Wiesen und auch den Wald, der gleich nach den Feldern beginnt, hinten an der Ecke, beim Wegstein mit dem Muschelzeichen des Jacobsweges! Und unterwegs sagen die Leute „moin“, wenn Du an ihnen vorbeiläufst, wie es im Norden üblich ist.

In unserem Dorf – pflegen und hegen die Lieferanten von Lebensmitteln ihre Produkte noch artgerecht auf der Wiese nebenan und wenn die Kinder wissen wollen, wo Milch, Käse, Rindfleisch und der Gänsebraten eigentlich herkommen, besucht man den Bauernhof in der Nachbarschaft.

In unserem Dorf – fährst Du in die Brombeeren, wenn Du leckeres Gelee selbst kochen willst und ein bisschen weiter, wenn es mal ein Aufstrich aus Waldhimbeeren werden soll.

Und wenn Du eine ganz spezielle Landschaft suchst und wandern möchtest bis zum Abwinken, bist Du schneller als Du für ein gutes Mittagessen brauchst, direkt in der Heide.

Wir sind sicher, dass es zehntausende von Dörfern gibt wie unseres, in Deutschland und noch viel mehr in Europa, dass die Menschen dort ihre Lebensweise schätzen und hoffentlich so gut erhalten können, wie wir das bei uns schaffen. Wir nennen es „Unser Dorf“, aber auf der Landkarte von Niedersachsen findet es sich in der Gemeinde Seevetal und trägt den Namen Hittfeld. Der Ort, mit dem Löwen im Wappen.

5 Gedanken zu „Unser Dorf

  1. Unser Dorf hat ein Einhorn im Wappen. Davon abgesehen gibt es viele Ähnlichkeiten und ich finde unser Dorf auch sehr erdend, entspannend und einfach schön. Das erleichtert das Heimkommen.

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