Athen

Griechenland ohne Athen, das wäre wie Hamburg ohne Elbe oder ein Körper ohne Herz. Da müssen wir hin, wenn wir schon mal das Land besuchen.

Die anderthalb Tage, die wir für die Hauptstadt Griechenlands reservieren, reichen natürlich kaum, die knapp 4 Mio. Einwohner zählende Stadt ausreichend kennen zu lernen. Aber so ambitioniert sind wir auch nicht, wir fokussieren uns auf den Bereich zwischen der Akropolis, der Emmou Street und dem Altstadtbezirk Plaka.

Unsere persönliche Erkundungen erweisen sich einfacher als gedacht. Die Befürchtung, beim Orientieren wie ein Analphabet an einfachsten Schildern zu scheitern, die sich von uns nicht lesen lassen, sind unbegründet. Alles Wichtige ist nicht nur mit griechischen Lettern beschriftet, sondern auch mit lateinischen Buchstaben – bis auf das Kleingeschriebene an den Metrohaltestellen.

Bereits am Tag unserer Ankunft landen wir nämlich ungeplant mitten im athenischen Leben, weil wir an der falschen Haltestelle aussteigen. Das Gepäck ist leicht, das Wetter heiter, wir sind es auch. Spontan akzeptieren wir die Situation und nehmen die Reststrecke zu unserem Hotel in Monastiraki per pedes. Glückes Geschick, vor dem Parlamentsgebäude geraten wir in einen kleinen Trupp Elitesoldaten, die im dröhnenden Parademarsch unterwegs sind zum Wachwechsel. Als Hanseaten, denen solche Ereignisse fremd sind, registrieren wir das kleine Ereignis als gutes Omen für unseren Aufenthalt und folgen ihnen.

Unterhalb des ehemaligen Palastes des Königs ziehen wir – jetzt ohne Ehrenwache – mit unserem Trolley vom Syntagma Platz die Emmou Street hinunter, über weite Strecken durch autobefreite, reine Fußgängerzonen. Finden sich im oberen Teil noch bekannte Ketten mit modernen Läden und Restaurants, wird die Emmou im weiteren Verlauf immer griechischer.

 Sie erweist sich als Traditionsstraße mit gut restaurierten Gebäuden, die einen Eindruck vermitteln, wie das Athen der Gründerzeit ausgesehen hat. Viele der Altbauten sind liebevoll im ursprünglichen Stil hergerichtet, hier wird erhalten, nicht platt gemacht. Sicher, Gentrifizierung vertreibt Einwohner aus dem Stadtbereich, die sich das Wohnen dort nach der Modernisierung nicht mehr leisten können. Doch daran denken wir jetzt nicht, angesichts der neuen Eindrücke. Es flaniert sich locker, der Verkehr ist dicht aber nicht chaotisch, unsere Stimmung: positiv.

Wir übernachten im Pella Inn Hostel nahe beim Monastiraki Platz. Gute Budget Unterkünfte sind rar, diese hier hat den Vorteil, dass über den Etagen mit den preiswerten Mehrbettzimmern noch Hotelzimmer sind. Dort haben wir ein Zimmer mit Ausblick auf die Akropolis. Nachts schlafen wir ein bei ihrem illuminierten Anblick, morgens wachen wir auf und erblicken sie im Tageslicht. Das hat seinen Preis, aber wenn man so einen Aufenthalt als Ausnahmesituation definiert, passt es.

Hinter unserem Hostel erstrecken sich Straßen mit Flohmarktständen, Antiquitätenläden, vielen Restaurants und Bars. Wichtiger für uns ist die Brezel Fabrik sowie der gute Bäcker mit leckerem Gebäck zu dezenten Preisen, bei dem wir Sonntagmorgen Zutaten fürs Frühstück besorgen.

Kaum angekommen, zieht es uns in die Nebenstraßen, die von der Emmoustreet in Richtung auf die Akropolis zulaufen, um uns in einem Viertel wiederzufinden, das uns auf Anhieb sympathisch ist. Erste antike Sehenswürdigkeiten zwischen Gastronomie und Andenkenshops, es wuselt voller Menschen, Touristen mischen sich hier mit Einheimischen, was der Gegend eine ausgesprochen kosmopolitische Atmosphäre verleiht. Fast überall finden sich Straßencafés und Tavernen, die zum Verweilen einladen und natürlich zum Verzehr. Vor vielen Lokalitäten spielen Musiker schon tagsüber und in den Abendstunden, wenn die Stimmungspegel gedopt durch Wein, Bier und Ouzo ansteigen, wird gerne auch spontan getanzt. Die Lebensfreude der Griechen ist spürbar, egal was die Wirtschaft dem Land zuletzt beschert haben mag, hier wird der harte Alltag vergessen. Was kümmern Sorgen, Schuldenlasten und politische Probleme, solange man heute eine gute Zeit haben kann, das Morgen kommt sowieso.

Wir haben vor, das Viertel zu Fuß zu entdecken, passen uns schnell dem Rhythmus und den Strukturen der „Polis“ an. Hilfreich ist es, sich an den touristischen Hotspots zu orientieren, den unverrückbaren Markierungen der Antike, die eins geworden sind mit der Moderne. Wie selbstverständlich passen sich hellenistische, römische und byzantinische Bauten ins Stadt- und wohl auch ins Weltbild. Da triffst Du auf eine Bibliothek aus der Epoche des Hadrian, keine 150 Meter weiter stehst Du vor einer athenischen Agora, dazwischen ein byzantinisches Kirchlein und überall die unübersehbaren Menetekel zeitgenössischer Subkultur: knallbunte Graffitis und Street Art. Was für eine Kulisse.

Wochenende! Es scheint, dass wenigstens die Einheimischen sich adrett machen, fürs Ausgehen. Sehen und gesehen werden gehört dazu. Auch das erfreut das Auge. Wir genießen nicht nur das Essen sondern auch die Szene um uns herum, an unserem kleinen Tisch vor einem Restaurant, das bis auf den letzten Platz besetzt ist.

Wer meint, das sei jetzt alles spottbillig, nur weil wir im Süden Europas sind, irrt freilich. Der Euro hat nicht nur den Devisenumtausch überflüssig gemacht sondern auch das Preisgefälle aufgehoben, das früher einmal Reisenden angelockt hat. Das Preisniveau ist gesamteuropäisch, tendenziell im oberen Bereich. Sicher, die günstigen Ecken gibt es auch, aber die herauszufinden braucht es einen längeren Aufenthalt. Brot, Backwaren sind günstig, vielleicht auch das Bier, jedenfalls zur Happy Hour. Und – der Rücken reist leider mit – Standardmedikamente gegen das Ziehen im Kreuz. Das aus Deutschland bekannte Produkt kostet hier nur 1/5 von dem, was wir zuhause dafür bezahlen. Außerdem gibts ein freundliches Gespräch mit der Apothekerin gratis. Ja, jeder mit dem wir zu tun haben, ist freundlich, entspannt und gut drauf. Auch das fällt auf, kommst Du gerade aus Germany.

Den Sonntag nutzen wir für einen systematischen Gang durchs Viertel. Beginnend mit einem Bummel über den riesigen Antiquitätenmarkt in den Gassen unseres Viertels, tauchen wir anschließend in Monastiraki ein in den touristischen Bazar, der parallel zur Emmoustreet verläuft. Zwischen Kitsch und Kunst gibt es hier auch die Mitbringsel, die (unbedingt?) ins Gepäck gehören: Olivenöl, Schnaps und stilvolle Magnete für den Kühlschrank.

Auf dem Monastiraki Platz versuchen wir einen Blick in die freigelegte Unterwelt zu werfen, der legendäre Fluss Eridanos ist hier noch als Rinnsal zu bestaunen. Weiter ziehen wir durchs Fußgängerviertel bis zur kleinen Panagia-Kirche. 900 Jahre steht sie hier schon und ist dennoch schmuck anzusehen zwischen all den modernen Gebäuden.

 Von hier aus, Richtung Syntagma Platz, ist es nicht weit zur Kathedrale Mariä Verkündigung (Mitropolis), die gleichzeitig Sitz des Erzbischofs von Athen ist. Sie ist alt, Baujahr 1842, aber nicht antik und steht vor allem symbolisch für das neue Griechenland, das nach fast 400 Jahren Besetzung sich seiner Unabhängigkeit erfreute. Wer Zeit und Interesse hat, sollte sich auch einen Blick ins Innere gönnen, das wie alle Basiliken reich geschmückt ist mit Fresken und Ikonen.

Wir ziehen weiter, durch enger werdende Straßen näher an die Akropolis und höher hinauf in das kleine Viertel Anafiotika, das sich an den steilaufragenden Hügel schmiegt. Gebaut wurde es im 19. Jahrhundert durch Handwerker, die von der Kykladeninsel Anafi übersiedelten, ganz im Stil ihrer Heimatinsel: verwinkelte Gässchen, verschrobene, weißgetünchte Häuser mit kleinen Gärten, geschmückt mit leuchtenden Blumen. Du fühlst Dich in eine andere Zeit versetzt und eine andere Dimension der Gemütlichkeit. 

Keine Angst, raus findet man aus diesem kleinen kykladischen Irrgarten immer, einfach nur nach unten gehen und man ist wieder in Plaka, dem urigen Stadtteil und traditionellen Tavernenviertel.

Sollen wir oder sollen wir nicht? Das ist die Frage, kommen wir auf das Thema Akropolis zu sprechen. Einerseits ist der Anblick von außen ein großartiger und andererseits kennen wir Bilder vom Innenbereich. Kommt dazu, dass wir wenig Lust haben, uns im Tross von Touristenmassen zu bewegen. Schließlich siegt die Neugier oder ist es die Sammlerlust, erzählen zu können, ja wir waren drin?

Wir starten im Fußgängerbereich an der Metrostation Thission und folgen dem breiten Weg, der ca. 1 km lang, südlich um den Akropolishügel herumführt.

Vorbei an Andenkenhändlern, die zu beiden Seiten des Weges ihre Schautische aufgestellt haben. Kein störender Verkehrslärm oder Hektik herrscht hier, eher Gemütlichkeit und gelassene Erwartung, denn immer wieder wird die Akropolis sichtbar.

25 Minuten mag es dauern, bis wir am Ticketbereich ankommen. Bald, so die Hinweise, soll das elektronische Ticket erhältlich sein, was sicher in Zeiten mit erhöhten Besucherzahlen das nervige Anstehen überflüssig macht. Heute ist es überschaubar und Überraschung: Wer das Alter 65 erreicht hat, zahlt nur den reduzierten Eintritt für Heranwachsende nämlich 10 €. Das normale Ticket kostet 20 € Euro, ein stolzer Preis, der aber im Rahmen liegt, vergegenwärtigt man die Eintrittspreise bei vergleichbaren Sehenswürdigkeiten im Rest der Welt. Um es vorwegzunehmen, ja, der Besuch lohnt sich. Es ist diese Mischung aus Staunen, Neugier und so etwas wie Ehrfurcht, über diesen Boden zu gehen. Geschichte pur, Bauwerke an die 2.500 Jahre alt, neben denen wir – selbst heute – klein wirken, und staunen, wie so etwas entstehen konnte. Die nächsten 90 Minuten schauen wir, suchen uns Perspektiven zwischen Propyläen, Nike Tempel, Erechtheion und dem riesigen Parthenon, warten bis Besucher aus dem Bild treten, das wir gerade im Sucher haben, bis wir selbst zum Obstakel für andere Fotografen werden. Schön ist es hier oben und die Ausblicke sind fantastisch.

Während des Nachmitags sind wir hier oben. Ob es die beste aller Zeiten ist, wissen wir nicht. Wir denken, morgens, mittags oder abends, jedes Zeitfenster wird seine Besonderheiten haben. Man wählt selbst, der separierte innere Bereich ist ja von 8:00 bis 20:00 Uhr geöffnet.

Vor dem Rückweg legen wir weitere Abstecher ein, für besondere Blicke auf den Tempelberg. Nächstliegend ist der Aeropag, ein kleiner felsiger Hügel. Schwierig soll das Erklimmen sein, sagt unser Reiseführer und warnt vor glatten Steinen. Tatsächlich ist der Aufstieg über die stabilen Metalltreppen inzwischen recht risikolos, zumindest solange es nicht regnet. Der Ausblick von hier auf die Akropolis ist wirklich spektakulär.

Wir gehen weiter und suchen auf Höhe der Busankunft, dort wo auch die Straße für die Fußgänger in das Areal der Akropolis mündet, nach dem Zuweg zum Philopapposhügel. Wir finden ihn hinter einem Kiosk. Durch einen kleinen Wald geht es hinauf, wir kürzen die Schlaufen ab und erreichen nach etwa 10 Minuten den Gipfel mit dem Denkmal, das hier seit dem Jahr 119 zu bewundern ist. Das eigentlich Faszinierende hier oben ist allerdings das Panorama, das sich bietet, geht man den kleinen Weg bis zur Abruchkante hinunter. Seltsam, dass kaum Besucher hierher finden, wir sind allein.

Der Spätnachmittag, gastronomisch gerne auch zur „Happy Hour“ verklärt beschert eiskaltes Alpha Bier zum halben Preis und einen griechischen Kaffee.

Fast nahtlos geht es über in die Essenszeit. Was uns fehlt, ist die passende Taverne, zu viele gibt es hier, auch ausgesprochen touristische Fressmeilen, die wir umgehen. Es heißt, orientiere Dich an den Einheimischen, aber eine Entscheidung fällt schwer. Vermutlich ist es mit den Tavernen so, wie mit einer Partnerschaft. Du musst lange suchen und probieren, vielleicht auch Fehlschläge hinnehmen, bis die Richtige auftaucht. Und wenn Du sie einmal gefunden hast, bleibst Du ihr treu.

Unser Athenaufenthalt geht seinem Ende zu. Wir fahren per Schiff weiter zu den Kykladeninseln. Eine Welt für sich, wie uns der junge Mann in der Rezeption unseres Hostels verspricht. Dazu müssen wir früh morgens am Hafen von Piräus sein. Kein Problem, wir fahren mit der Metro Linie 3 bis zur Endstation. Zu früh für uns, das Hafengebiet detaillierter in Augenschein zu nehmen. Dass Piräus aufregend ist, sehen wir bei der Abfahrt vom Heck der riesigen Fähre, die uns nach Naxos bringt. Adio Athen, Du bist eine großartige Stadt.

Wie wir hierher gekommen sind und wie es weiter ging, könnt Ihr hier nachlesen.

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