Im Hinterland der Côte d‘Azur

Unseren Aufenthalt in Südfrankreich nutzen wir vor allem, unterwegs zu sein, Küste und Hinterland zu erkunden. Nicht nur, weil diese Vorsaison klimatisch recht durchwachsen ist, auch sonst sind wir eher entdeckungsfreudig als kontemplativ. Auf Strandliegen halten wir es maximal einige Stunden, nicht aber mehrere Wochen aus. Da kommt es uns gelegen, dass die Region tatsächlich so viele Sehenswürdigkeiten bereithält, dass wir aus einer Fülle von Zielen wählen können und nicht etwa einen Mangel überbrücken müssen.

Lohnenswerte Ausflugsziele in der zweiten Reihe der Côte d‘Azur, aber keineswegs zweitklassig, suchen wir nach Tagesform auf. Mal gilt es weitere Anfahrten zurückzulegen, mal liegt das Ziel quasi vor der Haustür.

Für den Besuch der Grotte der Heiligen Maria-Magdalena, einer berühmten Pilgerstätte auf dem Plateau Plan-d‘Aups-Sainte-Baume, fahren wir über Landstraßen landeinwärts.

Vorbei an Dörfern, die zum Verweilen einladen, freundlich und interessant anzusehen und durch bewaldete Gebiete, die sich anbieten, durchwandert zu werden, erreichen wir über die D 95 den Parkplatz „Trois Chênes“, von dem aus wir den Rest der Strecke zu Fuß gehen. Nicht zu übersehen zeigt uns das Schild an der Einmündung, dass wir hier richtig sind für die „Grotte Sainte Marie-Madeleine“.

Obwohl wir die Besichtigung eher als leichten Spaziergang einschätzen, ziehen wir unsere Wanderschuhe an, passen uns damit im Outfit den anderen Leuten an, wir wollen ja nicht provozierend underdressed wirken. Eine gute Entscheidung. Der Pfad entpuppt sich bald als kräfteverbrauchender Anstieg über feinem Schottergrund. 30 Minuten soll er dauern, sagt der Wegeplan. Pilgern ist eben kein Defilee, sondern ein Einswerden mit der Mühseligkeit, oder so ähnlich. Aber was Maria einst schaffte, das können wir auch. Wir schnaufen schon ein wenig, als uns eine Tafel gebietet zu schweigen und über uns im Fels der urige Klosterbau sichtbar wird.

Die Dominikaner sind hier zuständig und heute, am Karfreitag zelebrieren sie eine Messe. Die Veranstaltung ist gut besucht, auch das ist Frankreich. Über die letzten Stufen erreichen wir die Kirche, passieren dabei ein Ensemble mit Gekreuzigten und lassen das Geschehen auf uns wirken. Päpste sollen schon hier gewesen sein und der Sonnenkönig Ludwig XIV. Unseren Besuch wird wohl keiner offiziell registrieren außer wir selbst und die Leser dieses Berichtes. Selbst wer nicht gläubig ist, wird die Grotte mögen, die – wäre sie irgendwo in Indien oder Asien – genauso viel Wertschätzung genießen würde, wie hier in Frankreich. Wir machen uns auf den Rückweg, schauen beim Abstieg selbst auf die Uhr: 15 Minuten bergab bis zum Auto.

Das küstennahe Maurenmassiv, ein kleiner Gebirgszug, verläuft parallel zur Küsten zwischen Hyères und Fréjus. Sanfte, bewaldete Höhen, die bis 780 Meter hoch ragen, dazwischen enge Straßen, viel ruhiger als unten auf der Küstenstraße und natürlich ein entschleunigter Verkehr, denn an vielen Passagen gilt es, sich mit dem Gegenverkehr abzustimmen, um voranzukommen. Und das ist gut so, denn einige Stellen verführen anzuhalten, sich mit prächtigen Ausblicken ins Land und hinunter zum Meer zu belohnen. Die Region eignet sich ausgezeichnet dazu, erwandert zu werden; Lage und Topografie wirken ideal.

Auf einer unserer Fahrten steuern wir den kleinen Ort Collobrières im Maurenmassiv an, umgeben von Korkeichen, die entrindet irgendwie grausam misshandelt aussehen, und Kastanienbäumen. Wir sehen zwar keine, aber es muss sie geben – denn der Ort bietet als Spezialität Maronen an: Als Mousse, glasiert, in Schokolade getunkt, kandiert oder verarbeitet zu Eiscreme, Likör und vielem mehr. Klar, eine Portion wird erstanden und wandert in den Tagesrucksack.

Collobrières ist eines jener urfranzösischen Dörfer, die geblieben sind, was sie waren. Das ist übrigens ein Kompliment an die Gemütlichkeit und Vertrautheit, die auch den Fremden einfängt, lässt er sich darauf ein zu verweilen. Da sitzen die Alten gelassen an der Straße, führen ungeniert ihr Gespräch mit dem Nachbarn gegenüber und die Welt ist noch in Ordnung. Wer nicht nur durchbrausen will, findet übrigens einen Parkplatz auf der Rückseite der Hauptstraße, am Fluss, bei den Cafés und Restaurants.

Küstennäher und gleichwohl doch wie ein Stück Hinterland wirkend ist die Halbinsel Giens, die bei Hyères ins Meer ragt und auf der Landkarte aussieht, wie der italienische Stiefel. Gut zu erreichen, wenn man sich traut, durch das davor liegende Gewerbegebiet zu fahren und bereit ist für Überraschungen. Der Weg, eigentlich zwei Stränge aus Sand und Schwemmland, führt vorbei an einem kleinen Flughafen, Pinienwäldern und Salinen in der Uferregion. Wir steuern den Ort Giens an, biegen aber kurz vorher nach Westen, bis wir zur „Site Naturel Protégé Les Chevaliers“ kommen. Dieses geschützte Gebiet präsentiert sich auf den ersten Blick wie ein großer Park.

Wir folgen dem Weg dorthin, wo wir das Meer vermuten und erreichen bald ein mit dichtem Gehölz bewachsenes, ansteigendes Küstenstück. Dahinter kleine Buchten mit Stränden. Auf Baden sind wir nicht eingerichtet, also folgen wir dem Pfad, der inzwischen sogar gelb markiert ist, wie ein Wanderweg.

An einigen Stellen müssen wir klettern, wie an einer Steilküste. Obwohl nicht sehr hoch, sollte man vorsichtig sein und vor allem fit, denn auch ein Sturz aus 8 Metern Höhe ist kein Vergnügen. Wir umwandern die Westspitze, vorbei an kleinen Betonstrukturen, wohl Bunkern aus kriegerischen Zeiten, immer den Markierungen folgend, neben uns der Abgrund, steil abfallend. Irgendwann treffen wir französische Wanderer, die uns erklären, dass der Weg noch stundenlang weiterführt, eine echte Route sei, für die man sich Zeit reservieren muss. Die haben wir nicht und brechen die Tour ab. Durchs Gestrüpp, das wie ein Irrgarten wirkt, finden wir schließlich zurück zum Eingang der Schutzzone.

Mit dem Wagen fahren wir zur Ostseite, vorbei am kleinen Hafen von Madrague, durchqueren dabei den Hauptort Giens, der eigentlich ganz proper wirkt, mit seinem Mix aus alten Häusern und Gebäuden aus unserer Zeit. An der Südseite, östlich von Giens, steuern wir den Hafen an, von dem die Fähren zur Insel Porquerolles übersetzen. Kleiner Tipp für Fotografen, das Fort am Hafen ist ein tolles Motiv, das man unbedingt einfangen sollte.

Was als kurze, neugierige Erkundung gedacht war, entpuppt sich als interessanter Ausflug, mit Überraschungen, die wir nicht erwartet haben.

Wahrscheinlich sagen die Kenner, die schon seit Jahren in diese Region kommen jetzt, genau das ist Südfrankreich, neben dem Vertrauten stößt Du immer noch auf Neues. Und die haben recht. Was wir in den wenigen Tagen unseres Aufenthaltes entdecken ist nur ein kleines Stück. Aber es macht Lust auf mehr.

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