Yuanyang Reisterrassen

Unsere Fahrt zu den Reisterrassen von Yuanyang beginnt alles andere als chinesisch perfekt. Schlechtes Wetter, dafür kann niemand was, eine nicht enden wollende Fahrt durch Yunnans Süden und ein schlecht gewarteter Bus, der auf halbem Weg in den Bergen kollabiert. Die Reisezeit verzögert sich. Was geplant war als Ankunft um die Mittagszeit, verschiebt sich in den Nachmittag.

Unsere Unterkunft liegt innerhalb des ticketpflichtigen Parks am Rande des Reisbauerndorfes Pugao Laozhai, Duoyishu Village. Wie gut, dass unser Taxifahrer wenigstens diesen Ort schnell findet. Auf einem Parkplatz ist Schluss. Bevor wir in Ratlosigkeit versinken, nähert sich ein Mann, mit der Statur eines Bergbewohners. Klein, drahtig und mit offenem Blick. Das ist Jacky, unser Wirt, herbei telefoniert durch unseren Chauffeur. Er schultert eine unserer Taschen, wir folgen ihm im Nieselregen über Treppen und verschlungene Wege, hinab zu seinem Hotel. Das hat eine tolle Lage vor einer atemberaubenden Kulisse. Noch toller, Jackie upgraded uns. Wir bekommen das Loft im oberen Stockwerk, riesig groß mit einer Fensterfront von Wand zu Wand.

Die Region, auch bekannt als die Reisterrassen der Hani, gehört seit 2013 zum UNESCO Weltkulturerbe und ist nicht nur optisch faszinierend. Die Lebensweise seiner Bewohner, der Hani, ihre Anbaumethoden und kulturellen Eigenheiten haben sich fast unverändert über Jahrhunderte erhalten und das Land geprägt. Wir werden einiges davon während unseres Aufenthaltes kennenlernen. Wie meistens, zu Fuß und damit direkt im Geschehen. Einen ersten Eindruck von der Einmaligkeit dieser Reisterrassen bekommen wir vom Aussichtspunkt Pugao Laozhai, den wir schnell vom Dorf aus erreichen können.

Bereits im Dorf bekommen wir einen Eindruck von der Großartigkeit der Kulturlandschaft, die uns umgibt. Der Flickenteppich an Terrassen reicht fast bis zu unserem Panoramafenster und gibt so Gelegenheit, aus dem Bett heraus die Wirkung eines Sonnenaufgangs mitzuerleben.

Wenn es heller wird und die Luft sich erwärmt, steigen die Nebel aus den Tälern, geben langsam erst, dann immer mehr den Blick in die Weite frei. Wir haben Glück, erwischen die richtige Mischung aus Wolken und klarem Himmel und können eigentlich nur noch staunen, was die Natur zelebriert. Natürlich hält es nicht jeden auf dem Zimmer und so teilt sich unser kleines Team in einen Beobachter im kuscheligen Loft und eine, direkt im Geschehen, mitten in den Feldern, wo bereits die Bauern mit ihren Büffeln arbeiten.

Bis zu 2.900 Meter hoch ragen die Berge in der Region Yuanyang in die Höhe und an einigen Stellen schichten sich die Terrassen aus Tälern, die knapp 150 Meter überm Meeresspiegel liegen, in bis zu 3.000 steilen Stufen übereinander. Das Ergebnis sind grafische Landschaftsbilder, die den Betrachter faszinieren und inzwischen zig Fotobände füllen. Agrartechnisch ist diese Form des Reisanbaus übrigens eine hochkomplexe Sache. Bewässert werden die Felder über ein System von Kanälen, die mit Bambusrohren verbunden sind und sich von den Bauern präzise regulieren lassen. Erstaunlich für uns, weil wir das so noch nicht kennen: Die Terrassen bleiben auch zwischen den Ernten mit Wasser gefüllt und dienen als Bassins für Enten und Fische, kurz: alles hier hängt zusammen in ökologischer Balance, die sich jahrhundertelang bewährt hat.

In unserem Wirt haben wir einen fabelhaften Kenner der Region; er stammt aus der näheren Umgebung, hat selbst als Fotograf bereits viel von der Welt gesehen und spricht fließend Englisch. Jacky kann Trekkingrouten quasi bedürfnisgerecht aus der Schublade ziehen, mit eigenen Karten, Angaben über Zeitdauern und Schwierigkeitsgraden.

Unsere erste Wanderung geht über knapp 4 Stunden. Sie beginnt mit einem 5 km langen Anmarsch über die Hauptstraße, die von Xinjie kommend, alle Dörfer verbindet. Ein staubiger, ein stressiger Abschnitt, da immer wieder Autos und Laster vorbei preschen. Im Huang Cao Ling Village versorgen wir uns mit Wasser und Proviant. Nichts dolles, Kekse eben, die irgendein Monopolist produziert und die in jedem Laden kiloweise angeboten werden, sowie Obst und Wasser.

Etwas weiter, bei der Polizeistation, finden wir den ausgebauten Weg, der hinab ins Tal führt. Vorbei geht’s jetzt gemütlicher an Terrassenfeldern, bis wir nach 2,8 km das Laoying Zui Cliff erreichen, eine markante Aussichtsstelle. Wir entscheiden uns für eine Rast an dieser Stelle.

Was jetzt mutiger ist, die Tüte Kekse zu vernaschen oder das Panorama ganz vom Rand der Felskante zu betrachten, mögen künftige Wanderer entscheiden. Beides überleben wir, was uns mit einem gewissen Stolz erfüllt. Ein Tor kündigt an, dass wir eine Ansiedlung erreichen, das Dorf Malizhai. Typisch erbaut im Mushroom-Style. Was das bedeutet werden wir noch erläutern.

Etwa 2,5 km weiter, wir gehen inzwischen über schmalere Pfade und Steintreppen, erreichen wir das Dorf Bada. Auch das eine traditionelle Siedlung der Hani, die inzwischen durch modernere Bauten aufgelockert ist. Von Bada steigen wir noch einmal etwa 1,5 km hinauf zur Hauptstraße. Wir haben jetzt 3 Optionen: Weiterwandern zum nächsten Dorf, zurückwandern zu unserem Ausgangspunkt, oder ein Sammeltaxi anhalten und uns zurückfahren zu lassen. Nach Straßentrekking steht uns nun weniger der Sinn, wir entscheiden uns fürs Taxi, das haben wir uns verdient.

Unsere zweite Wanderung führt uns wieder an der oberen Hauptstraße beginnend, diesmal in die andere Richtung, nach Azheke. Den Anmarsch kürzen wir ab mit einer Sammeltaxi-Fahrt und werden vor dem Zugang zum Mushroom Village abgesetzt. Das Dorf hier ist nahezu unverfälscht erhalten im typischen Stil der traditionellen Hani-Häuser. Teile des Dorfes haben inzwischen einen musealen Charakter, werden aber aktiv zu Wohnzwecken genutzt. Schlumpfhausen, möchte man ausrufen, die Häuser standen wohl Modell für die Erfinder des Dorfes der blauen Comiczwerge: Alle sind ockerfarben, weil mit Lehm verputzt, die Dächer gedeckt mit dem schilfähnlichem Reisstroh. Es gibt verschiedene Varianten, einige haben Balkone und Terrassen, andere stallartige Anbauten.

Was so romantisch aussieht, ist aber nach unseren Maßstäben pures Sparta. Häuser ohne Heizungen und sanitäre Einrichtungen. Nicht mal gemütliche Einrichtung können wir entdecken. Das Leben hier ist hart und arbeitsintensiv, vor allem das der Frauen. Sie schleppen Baumstämme und Körbe voller schwerer Steine. Die Behausungen spiegeln dieser Lebensweise; die Wohnung scheint nur als Schutz zu dienen, nicht dem Komfort. Sich da hineinzuversetzen, gelingt uns verwöhnten Europäern kaum. Trotzdem, die Menschen wirken zufrieden. Hühner und Schweine tummeln sich zwischen den traditionell gekleideten Frauen und spielenden Kindern. Sorgen, wenn es sie gibt, hängt man nicht öffentlich nach. Überhaupt, alles was wir sehen, wirkt intakt und harmonisch. Es gibt Märkte und die Kinder – soweit wir es beurteilen können – besuchen tagsüber die nahegelegenen Schulen.

Wir lassen das Pilzhaus-Dorf hinter uns und folgen dem Weg, der nach unten führt. Wir passieren einen offiziellen Aussichtspunkt, eine Plattform aus Holz mit einem Geländer und wagen uns weiter hinab.

Zuerst gepflastert und relativ leicht begehbar, verengt er sich zum Pfad ohne Belag. Es wird steiler und glitschiger, diese Strecke wird auch von den Büffeln genutzt und ist an einigen Stellen recht aufgewühlt. Gut, dass es nicht regnet. Aber die Aussichten auf die Reisfelder um uns herum sind spektakulär.

Schließlich erreichen wir einen auffälligen, schräg hochragenden Felsen, den wir von Bildern aus unserem Hotel kennen. Dort wird genußvoll gerastet. Noch ein wenig weiter nach unten und wir stehen am Rand von Reisfeldern. Eine Chance, hier trockenen Fußes auf die gegenüberliegende Seite des Tales zu kommen, wo der Wanderweg sich fortsetzen ließe, sehen wir nicht, haben aber auch wenig Lust, wie ein Reisbauer durch schenkelhohen Schlamm zu stapfen. Wir haben viel gesehen mit tollen Sichten ins Tal, das möge heute genügen.

Der Aufstieg ist tatsächlich weniger mühevoll als befürchtet. Im Dorf treffen wir um die Mittagszeit ein, der wärmsten Zeit des Tages. An den Wasserstellen waschen sich Erwachsene und Kinder die Haare. Das Wasser muss eiskalt sein, aber daran stört sich keiner. Ja, hart sind die Menschen hier.

Über die Hochstraße marschieren wir die 4 km zurück zu unserem Dorf und genießen selbst von hier fantastische Ausblicke auf die kunstvollen Reisterrassen.

Was uns auffällt, sind die enormen Bauaktivitäten in und um die Region. Straßen entstehen, gigantische Brücken, Tunnel und Bahntrassen. Das alles wächst natürlich nicht zum Selbstzweck, sondern wird das relativ unzugängliche Gebiet noch besser an das Verkehrsnetz anbinden. Es wird dann einfacher sein, hierher zu reisen und zu befürchten ist, dass mehr und mehr Touristen die Reisterrassen besuchen. Welche Auswirkungen das haben kann, möchte man nicht zu Ende denken. Wird sich das harte Leben eines Reisbauern noch rentieren, wenn im Fremdenverkehr das leichte Geld verdient werden kann?

Ob sich dann noch erleben lässt, dass dem Besucher uneigennützig geholfen wird, so wie Jacky unser Wirt es tut, der sich an unserem regnerischen Abfahrtstag frühmorgens spontan ins eigene Auto setzt, um uns ins 28 km entfernte Xinjie zu fahren, weil uns der Taxifahrer versetzt hat und telefonisch keine Sammeltaxis zu bekommen sind? Wir haben uns gefreut, dass wir die Yuanyang-Reisterrassen noch in so einem authentischen Zustand genießen konnten.

Hier haben wir übernachtet, uns sehr wohl gefühlt; eine Unterkunft, die wir vorbehaltslos empfehlen können!  

 

4 Gedanken zu „Yuanyang Reisterrassen

    • Hallo Stefanie,

      Danke.

      November waren wir dort und es heißt, dass dann die schönsten Eindrücke eingefangen werden können, weil die Felder abgeerntet sind und Himmel wie Umgebung sich in den Wasserflächen spiegeln.

      Gruss Christiane & Aras

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.