Hoi An

Es war einmal, in einem Land vor unserer Zeit, dass am südchinesischen Meer das Volk der Cham eine Stadt gründete, die prädestiniert war, ein bedeutender Hafen der südlichen Seidenstraße zu werden und Hoi An heißen sollte. Später, die Cham waren schon abgetreten, erlaubten neue Herrscher betuchten Händlern aus dem fernen China und dem noch ferneren Nippon sich anzusiedeln und das zu machen, worauf Kaufleute immer Lust haben, nämlich Geschäfte, um noch betuchter zu werden. Doch die Zeiten änderten sich erneut und die asiatischen Händler wichen europäischen, aus Holland, England und Frankreich. Aber viel Umsatz machten die neuen Kaufleute nicht und da schon seinerzeit galt “ohne Moos ist gar nichts los”, verschwanden sie wieder. Der Hafen aber versandete, was ihn für Händler wertlos machte und ließ die Stadt in einen langen Schlaf fallen.

Selbst Kriege, die viele andere Orte zerstörten, verschonten die Stadt. Hoi An blieb wie es war und zwar so vollständig, dass es 1999 zum Weltkulturerbe deklariert wurde. Nunmehr wachgeküsst, befindet sich Hoi An in unseren Tagen, wie die Beute eines Kraken, fest im Griff des Tourismus.

Hoi An ist eines der touristischen Schwergewichte Vietnams. Wir stellen uns also darauf ein, mehr Besucher um uns zu haben als sonst. Die Anfahrt aus Da Nang lässt ahnen, was uns erwartet. Wir fahren am Meer entlang und passieren kilometerlange Abschnitte mit Riesenhotels und Ressorts. Das ist geballte Bettenkapazität, die in die Zigtausende geht. Und natürlich wollen die hier untergebrachten Massen unterhalten werden, etwa mit einer Tour in die nahegelegene Altstadt von Hoi An. Auf einem Parkplatz entdecken wir an die 50 geparkte Reisebusse und gerade rollt ein Tsunami aus vielköpfigen Reisegruppen durch das Weltkulturerbe, vorwiegend Koreaner, aber auch Europäer.

Obwohl die Altstadt für den motorisierten Verkehr ab 9.00 Uhr morgens gesperrt ist, besteht kaum ein Durchkommen. Rudel von „böp böp“ rufenden Rikschafahrern chauffieren bräsige Besucher durch die engen Gassen, reduzieren den Raum für Fußgänger auf ein Minimum. An den Hotspots, wie etwa der Japanischen Brücke, drängeln Smartphone bewehrte Menschentrauben, selbst die Flucht in Restaurants ist verwehrt, alle Tische und Sitzplätze sind besetzt. Gut für die Wirtschaft Hoi Ans, beklemmend für den Touristen, der da unvorbereitet hineingerät.

Wir beschließen, unsere Erkundung und Fotosafari in die frühen Stunden des Tages zu verlegen und starten kurz nach dem Frühstück. Jetzt ist die Stunde der Hochzeitsfotos und romantischen Bilder. Paare im schrillen Partnerlook sind unterwegs, begleitet von Fotografen, aufgebretzelte Bräute und Bräutigame, oder Leute, die sich in traditionelle Kostüme werfen. Verkleidet als Vietnamesin, mit langen Hosen geschlitztem Oberteil und Reisstrohhut, den Ort zu besichtigen, ist bei koreanischen Touristinnen der Renner, vergleichbar dem Hype beim Münchner Oktoberfest, wo sich Nichtbayern mit Lederhosen oder Dirndl ausstaffieren.

Natürlich ist es ungerecht, Hoi An auf die Momente zu reduzieren, wo Massentourismus alles überschwemmt, denn zu entdecken gibt es viel. Da ist vor allem das pittoreske Stadtbild, eine Verschmelzung einheimischer und fremder Einflüsse. Die chinesischen und japanischen Händler hatten ja ihre Wohnkultur mitgebracht, sich Häuser nach eigenen Vorstellungen bauen lassen, Pagoden errichtet und prächtige Gemeinschaftsgebäude für Versammlungen

Von all dem sind nicht nur Fassaden erhalten, sondern auch die inneren Bausubstanzen. Da verfällt nichts, sondern wird gepflegt und restauriert, allerdings zum Preis der Gentrifizierung, die profitorientierte Nutzung erlaubt und kein normales Bewohnen. Betroffen ist das ganze alte Quartier.

Keine Frage, dieses Hoi An ist ein Augenschmaus, gezielt dekoriert mit knallfarbigen Laternen. Die Lampions hängen überall, an Häusern und sogar über ganzen Straßenzügen.

Die Reste des Hafens, der heute von Fischern und Ausflugsbooten genutzt wird, ergänzen das prächtige Stadtbild. Hoi An war immer vom Fluss abhängig, im Guten wie im Schlechten. Der Fluss brachte prosperierenden Handel, später Versandung und Niedergang und war immer Risikobruchstelle für Katastrophen, Überschwemmungen, die regelmäßig weite Teile der Stadt unter Wasser setzen. Aber wer denkt schon daran, schaut er dem Treiben der Schiffe zu, die bunt geschmückt auf dem Fluss kreuzen.

Im Bewusstsein des Staates Vietnam hat die Stadt, warum auch immer, eine besondere Bedeutung, davon kann sich jeder durch einen Blick in seinen Geldbeutel überzeugen. Die Rückseite des 20.000 Dong Note zeigt nämlich die japanische Brücke von Hoi An.

Hoi An als museales Ganzes ist eintrittsfrei. Allerdings verlangen einige Pagoden und Versammlungshallen Tickets. Wer vorhat, die Sehenswürdigkeiten Hoi Ans nicht nur von außen zu besichtigen, sollte sich deswegen die Sammelkarte für 120.000 Dong besorgen; damit kann man 5 Objekte besichtigen, das reicht in aller Regel. Wird man auf den Eintritt direkt angesprochen, was uns seltsamerweise beim Bummeln durch die Stadt passiert, signalisiert man am besten freundliches Unverständnis und geht weiter.

Die Atmosphäre lässt sich übrigens gut aufsaugen, besucht man eine der vielen Röstereien. Während eines halben Stündchens bei köstlichen Kaffee oder Saft, im bequemen Sessel zur Straße, lässt sich auch das geschäftige Hoi An ganz hervorragend ertragen.

Gegen Abend verwandeln sich viele Straßen der Stadt in einen Nachtmarkt mit viel überflüssigem Kitsch und Billigwaren. Auch der ewige Animierspruch „Madame, you want to buy something?“ macht die Angebote nicht attraktiver. Interessanter ist das Streetfood. Neben den üblichen Nutella Pancakes, gibt es Seltsames: bizarre Kreaturen auf Holzspießen, die wir gastronomisch nicht zuordnen können, weil ihnen der Kopf fehlt.

Nicht alles ist hochtouristisch; man findet immer noch Ecken, wo die Einheimischen zusammensitzen und sich selbst bekochen.

Auch auf dem Markt, der direkt am Flussufer beginnt und in die Altstadt ragt, geht es noch authentisch zu. Pauschaltouristen müssen sich ja nicht selbst bekochen und finden kaum hierher.

Erwähnenswert, obwohl wir selbst nichts davon ausprobieren, ist die enorme Ansammlung von Textilgeschäften in Hoi An. Die Angebote reichen aus, das dreifache einer Stadt dieser Größenordnung einzukleiden. Es heißt, hier gäbe es die besten Schneider, die günstig und gekonnt alles herstellen, was sich mit Nadel und Faden produzieren lässt.

Wenn das Wetter es erlaubt, sollte man einen Ausflug zum nahen Strand überlegen. Wir leihen uns dazu Fahrräder und radeln die 5 km zum Meer. Ungewohnt sind nicht Distanz oder Orientierung, sondern das Gefühl, unterwegs zu sein, wo keine uns bekannte Regel funktioniert und immer der Stärkere gewinnt. Denn wie landesüblich Hardcore, was den Verkehr betrifft, drängeln auch hier hunderte Motorräder aus allen Richtungen. Egal, wir schaffen es und natürlich genießen wir den Strand.

Thematisch zu Hoi An gehört das 35 km entfernte My Son Sanctuary. Verbindendes Element ist die Cham Kultur. Beides, Hafenstadt wie Tempelregion haben den gleichen kulturellen Ursprung. Zu unserem Budget am besten passt ein Besuch mit einer organisierten Tour, die pro Person 13$ kostet. Nach Abholung vom Hotel wechseln wir in einen Reisebus, der noch 1 Stunde unterwegs ist. Dabei ist natürlich ein vietnamesischer Fremdenführer, der, unüberhörbar blechern quäkend, auf seine Präsenz aufmerksam macht: „I am your English speaking guide, call me Mr. Yong“. Er hat dort, wo bei anderen Männern der Kehlkopf sitzt, ein Megafon, in der Hand das obligatorische Fähnchen und ein Charisma, das jede Gruppe zwingt, ihm zu folgen. Oder es bleiben zu lassen, wenn man willensstark ist wie wir.

Eintritt ist im Preis der Tour nicht enthalten, fällig werden jetzt noch einmal 150.000 Dong pro Person. Das Gelände ist riesig. Zum eigentlichen Zentrum fahren wir mit Elektroshuttles dorthin, wo französische Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ruinen aus dem Urwald schälten, die 300 Jahre lang vergessen waren.

Vielleicht für viele die Kernfrage: Lohnt sich der Besuch? Nun, My Son besitzt nicht die Dimension eines Angkor Wat und sollte nicht an diesem gemessen werden. Was wir sehen, ist nur ein Bruchteil dessen, was die Entdecker von My Son gefunden haben. Viel wurde während des Vietnam Krieges schwer beschädigt und stellt sich als unrestaurierbar dar. Fesselnd ist die Vorstellung, etwas zu betreten, was so lange im Dschungel verborgen war. Wer den Besuch als Ausflug mitnimmt, als “nice to have”, ist sicher nicht falsch beraten. Wir haben jedenfalls 2 Stunden vor Ort mit ausführlichen Erklärungen und man verschont uns mit Stopps bei Verkaufsstationen. Das zählt, wie auch die Fahrt zurück, bei der man das letzte Drittel mit einem Ausflugsboot zurück nach Hoi An machen kann. Das ist 2 $ teurer als der Bus, verschafft aber auch eine Ansicht von Hoi An, die nicht selbstverständlich ist, nämlich den Blick vom Fluss.

Hoi An, die Stadt aus einem Land vor unserer Zeit, läuft gerade hochtourig in den Massentourismus hinein. Ob der Ort, der schon so viel überstanden hat, diese Herausforderung bewältigt, werden spätere Generationen von Besuchern beurteilen und dann hoffentlich feststellen, dass Hoi An immer noch lebt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.