Angkor Wat

Träume haben wohl alle, die auf Reisen gehen. Einer, der uns schon etwas länger beschäftigt, war der, Angkor Wat nicht nur auf Postkarten, sondern real zu sehen. Auch wenn unser Reiseplan höchst flexibel ist und eigentlich nur durch zwei Eckdaten: „wann fliegen wir her“ und „wann fliegen wir zurück“ determiniert ist, war eines sicher, Kambodschas weltkulturell geschützte Region musste dieses Mal dabei sein.

Wat Angkor ist eigentlich nur ein einprägsamer Oberbegriff für einen archäologischen Park, dort, wo früher einmal das machtpolitische und spirituelle Zentrum der Khmer war. Heute verstehen wir darunter den Tempelbezirk, der 9 Quadratkilometer umfasst und neben dem Angkor Wat Tempel noch eine Vielzahl anderer Heiligtümer aber auch weltlicher Bauten umfasst.

Die Silhouette des berühmten Haupttempels, die von der Form her wirken wie große Ananasse, hat wohl jeder schon mal gesehen. Wahrscheinlich hätten wir, gäbe es Angkor Wat nicht, kaum die Idee gehabt Siem Reap zu besuchen. Dort, etwa 7 km entfernt vom Objekt unserer Besichtigungslust, hatten wir uns für 5 Nächte in einem angenehmen Hotel einquartiert. Dass ein Tag kaum ausreichen würde, diese Anlage einigermaßen richtig kennenzulernen, wussten wir. Gleich am Ankunftstag besorgten wir uns ein 3-Tage-Ticket, das zwar seinen stolzen Preis hat, aber wie oft ist man schon mal hier und außerdem, die Anlage ist es wert.

Es macht Sinn, sich gut vorzubereiten und wenigstens einmal kurz anzulesen, wie die Khmer diesen Ort angelegt haben, welche Highlights man unbedingt mitnehmen sollte und an welchen Stellen man etwas oberflächlicher sein darf. Die Größe der Anlage verbietet es, sich ohne Vehikel hineinzubegeben. Entweder man leiht sich ein Fahrrad, einen Elektroroller, lässt sich auf dem Rücken eines Elefanten befördern oder macht es wie die meisten Besucher und mietet sich ein Tuk-Tuk. Am besten natürlich tageweise, das ist schlussendlich ökonomischer.

Erste Aufgabe ist, den richtigen Tuk-Tuk-Fahrer aufzugabeln. Wir waren einmal etwas leichtfertig und hatten uns auf das freundliche Mondgesicht eines Fahrers eingelassen, der sich bei der Fahrt aber als ein wahrer Griesgram entpuppte und sichtlich frustriert reagierte, weil wir individuelle Vorstellungen darüber hatten, welche Stellen wir in welcher Reihenfolge besuchen wollten.

Es gibt natürlich Standardtouren, aber die interessierten uns nur marginal, weil das nämlich bedeutet hätte, immer mit mehreren hundert Besuchern gleichzeitig an einem Besichtigungsort aufzuschlagen. Wir wollten antizyklisch – gegen den Besucherstrom – erkunden, in der Hoffnung, dann möglichst viel Bilder machen zu können, wo es nicht von Menschen wimmelt.

Um das hinzubekommen braucht es einen Tuk-Tuk-Fahrer, der ausreichend Englisch beherrscht, bereit ist, sich an seine Fahrgäste anzupassen und trotzdem gut drauf zu sein, also nach dem Motto: Nicht der Schwanz wackelt mit dem Hund sondern umgekehrt, die Tour zu planen. Außerdem sollte man natürlich wissen, zu welcher Tageszeit man wo sein will, also konkret: wo möchte ich Sonnenauf bzw. -untergang sein.

An zwei von drei Tagen hatten wir klasse Fahrer, wobei der letzte sogar gekühltes Trinkwasser griffbereit im Gefährt hatte und wusste, auf welchen WCs sich Touristen sauber, gepflegt und unentgeltlich erleichtern können (nein, nicht im Dschungel sondern in speziellen Lokalitäten). Apropos Stoffwechsel, natürlich finden sich an unzähligen Stellen Verpflegungsstände, man muss keine Lunchpakete mitbringen, schließlich liegt Angkor Wat ja in Südostasien und nicht in Sparta.

Generell lässt sich zu der Anlage sagen, dass ihre Erbauer wahre Meister waren, die neben den finanziellen Ressourcen, die es braucht, so etwas zu errichten zu ihrer Zeit, also vor rund 1.000 Jahren, enorme Kenntnisse als Ingenieure, Bewässerungsspezialisten, Städteplaner, Architekten und Kunsthandwerker besaßen. Für seine Zeit war Angkor Wat sicherlich der Ort, der global betrachtet, zu den fortschrittlichsten zählte. Spirituell wurden die Bauten hinduistisch, später buddhistisch geprägt. Je nach politischer Bedeutung dominierte mal die eine, dann die andere Richtung die Gestaltung. Was gerade nicht in die Periode passte, wurde umgestaltet, was nicht sonderlich schwierig war. Bei einigen Figuren genügte es bereits, die Darstellung der Beinhaltung umzumeisseln. Fluppdiewupp wurde aus einem Hinduheiligen ein buddhistischer. Da ansonsten viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionen bestehen, etwa den Mythen und der Epen, vermischten sich die Werke zum Teil fliessend. Von der einstigen Metropole, der größten ihrer Zeit, sind nur noch die aus Stein errichteten Bauten erhalten. Wohngebäude und Paläste, die aus Holz waren, sind auf immer verschwunden.

Wir hatten unsere Rundgänge zunächst im Haupttempel Angkor Wat begonnen und haben uns dort mit der Welt der Formen und Bilder der Khmer vertrauter gemacht. Man kann sich stundenlang den Figuren der Tänzerinnen, Götter, Unholde und Heldengestalten widmen, die auf raumfüllenden Fresken um die Mauern herum und innerhalb der Bauten eingearbeitet wurden. Alle unterscheiden sich, zumTeil nur in winzigen Nuancen.

Nicht nur im Westen bekannt durch den FilmTomb Raider, sind die etwas entfernter liegenden Gebäude von Ta Prohm, wo noch zugewachsene, von riesigen Bäumen umschlungende Tempel liegen. Man weiß nicht, was beeindruckender ist, die von Menschen erschaffenen Gebäude oder die gewaltige Rückeroberung durch die Natur. Wahrscheinlich ist es die Kombination aus beiden Elementen. Übrigens, auch die Kambodschaner nennen diesen Ort ganz locker „Tombraider“ und fast jeder hat den Film mit Angelina Jolie wohl gesehen, in dem immerhin das nationale Kulturerbe Kambodschas eine zentrale Bedeutung hat. Wir kannten diesen Film noch nicht, werden diese Lücke aber nach unserer Rückkehr schließen.

In unserer Liste der zu besichtigenden Bauten standen natürlich auch die mystischen Gesichtertürme von Angkor Thom ganz oben. Auch sie optisch prägend für den Ort. Sie liegen im Süden des einstigen Staatstempels Bayon; ein beeindruckender Pyramidenbau, den zu besteigen sich lohnt.

Sehenswert sind auch die eindrucksvolle Tempelanlage Bayon, samt verschiedener kleinerer Tempel, Elefantenterrasse und Terrasse des Leprakönigs, des ersten Erbauers von Angkor, der angeblich an dieser Krankheit verstarb.

Am letzten unserer drei Besuchstage, wo wir Gesehenes vertiefen und Neues noch entdecken konnten, nahmen wir uns die Zeit für einen Gang durch die Klosteranlage Preah Khan. 5.000 Mönche sollen dort zur Blütezeit der Khmerkultur gelebt haben, die Größe der beeindruckenden Anlage bestätigt dies. Auch hier sind an einigen Teilstücken noch mächtige Baumriesen zu finden, die das Mauerwerk umschlingen.

In unseren drei Tagen haben wir viel sehen können und können uns nun immerhin rühmen, zu Angkor Wat ein gutes Basiswissen zusammen geklaubt zu haben. Wir sind ergriffen wie am ersten Tag, als wir die Fassade mit den „Ananas“-Türmen in der Sonne des Nachmittags und beim Sonnenuntergang besichtigen konnten. Es ist schön hier, die Welt schwingt ein wenig anders an diesem Ort.