Tel Aviv-Jaffa

Einige Orte besucht man als Reisender, weil sie vor langer Zeit eine kolossale Bedeutung hatten und Zeugnisse dieser Zeiten heute noch zu sehen sind. Andere Orte besucht man, weil man Spaß haben will, einfach nur abhängen möchte. Und noch andere Orte besucht man, weil sie den Pulsschlag einer Gesellschaft typisch und ohne Verzerrung wiedergeben. Tel Aviv gehört für uns zu dieser letzten Kategorie, obwohl, zugegeben, auch noch ein wenig Familientreffen mit hineinspielt. Es gibt da nämlich eine längst verstorbene Großmutter, die nach dem furchtbaren Krieg so mutig war, als Deutsche einem Israeli ihr Ja-Wort zu geben und sich in Israel niederzulassen. Aber das ist eine andere, privatere Geschichte als unsere Reise.

Tel Aviv erleben wir als eine moderne Stadt, die irgendwo in Westeuropa sein könnte. Eine großartige Infrastruktur was den Verkehr betrifft finden wir dort, anständige Hotels, natürlich auch Luxusbauten und die grossen Namen der Branche. Wir sind, soweit das in Tel Aviv möglich ist, bescheidener unterwegs. Die Preise für Essen und Wohnen können preislich mit jeder Großstadt mithalten.

Die Lage dieser Stadt ist fantastisch; Strandleben und Urbanität bilden ein harmonisches Miteinander. Das eine passt gut zum anderen und bestimmt unseren Tagesablauf. Wir nutzen die Vormittage, mehr von der Stadt zu sehen. Zu Fuß geht es von unserer Unterkunft in die Viertel, die bereits vor der Ausrufung des Staates Israel entstanden sind, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Diese ersten Jahre haben im damals noch von den Briten verwalteten Gebieten ein erstaunlich gestalterisches Potenzial freigesetzt. Die Kibbuze wurden geboren, aber auch die moderne städtische Kultur Israels. Keine Traditionen, keine Regeln, keine Grenzen. Städtebaulich entstand hier so etwas wie ein architektonisches Meisterstück. Häuser im schlichten Bauhausstil, die ganze Straßenzüge prägten, wurden gebaut, die heute noch ansehnlich sind. Wir machen uns auf, einige dieser Häuser zu finden und beginnen unsere Tour am Rothschild Boulevard.

Dabei entdecken wir – oft noch in erster Reihe – Häuser, die scheinbar von jeder Stilrichtung der Vergangenheit und der Neuzeit etwas mitbekommen haben. Schilder an den besonders auffälligen Ecken klären uns auf, Eklektizismus nennt sich dieser Mischmasch und er wirkt durchaus ansprechend. Kolonialstil mit Art Deco und ein bisschen Arabisches. In der zweiten Reihe dieses Boulevards, oder dort, wo die Zeit bauliche Lücken gerissen hat, türmen sich moderne Hochhäuser in den blauen Himmel. Das passt, finden wir, Moderne und Gründerjahre verschmelzen zu einem repräsentativen Gesamtbild.

Über die Dizengoff Street, die den Rang einer erstklassigen Einkaufsstraße einnimmt, mit viel Lokalkolorit und auf den ersten Blick wenig globalen Marken, schlendern wir in Richtung Dizengoff Platz. Ein Muss für Bauhausfans; die bauliche Einfassung ist noch im Stil der frühen Jahre.

Gute Wohnviertel gibt es hier, die eine gediegene Bürgernähe schaffen mit Bänken unter schattigen Bäumen, Kiosken und Tischen. Wer will, mag dort sitzen, lesen, essen oder einfach nur mit Nachbarn plaudern.

Wir ziehen weiter, über die Querstraße Ben Gurion ans Meer. Die Promenade, die am südlichen Zipfel in der Altstadt Jaffa beginnt, schlängelt sich weit nach Norden und geht irgendwann in die Straße nach Haifa über. Hier in Tel Aviv sind die Strände goldgelb und feinsandig. In kurzen Abständen finden wir Duschen und Strandhütten, dazwischen Sonnenschirme und Liegen. Der Zugang ist überall möglich, Liegen und Schirme werden – wie überall auf der Welt – vermietet, eine Kurtaxe gibt es in Tel Aviv nicht.

Obwohl kein Wochenende ist, sind die Strände gut besucht. Die Menschen, Einheimische wie Touristen, genießen diese Möglichkeit, am Meer zu liegen und zu baden. Wer will, kann sich einen Imbiss bringen lassen, Ballspielen oder einfach nur faulenzen.

Wir kennen die Promenade jeden Tag ein wenig besser. Einen Teil unserer Laufstrecke haben wir hierher gelegt. Läufer und Radler prägen diese Gegend eigentlich den ganzen Tag über. Erstaunlich, wieviele Menschen hier ungezwungen trainieren, um fit zu bleiben. Und wir haben einfach Spaß, frühmorgens entlang des Mittelmeers laufen zu können.

Der Rückweg führt uns immer am HaCarmel-Markt vorbei.Wir sind Selbstversorger, haben ein Apartment mit Küchenzeile und besorgen uns auf dem Markt, was wir brauchen und was das Herz begehrt. Obst, Gemüse, auch frisches Brot oder Fleisch beim Schlachter.

Bunt ist es auf dem Markt, laut und alles, was wir brauchen, finden wir im Überfluss und es entlastet unsere Reisekasse. Ausgehen ist auch in Tel Aviv kein billiges Vergnügen.

Natürlich sind Städte immer das, was ihre Bewohner aus ihnen machen. Wir kennen inzwischen das streng religiös gefärbte Jerusalem, mit seinen säkularen Strähnchen und den unübersehbaren Orthodoxen, die das Erscheinungsbild oft dominieren. In Tel Aviv haben wir nicht viele entdeckt, von den in Schwarz gekleideten Männern mit den Schläfenlocken. Hier herrschen T-Shirts, Shorts, kurze Röcke, freche Kleidchen… Tel Aviv ist westlich modern.

Unterwegs in den Vorstädten von Tel Aviv bemerken wir, dass die gewaltigsten Veränderungen hier stattfinden. Wo früher meilenweit Obstplantagen zu finden waren, sind heute moderne Trabantenstädte zu finden. Die Jaffa Orange ist der Chip-Fabrik gewichen, hier blüht HighTec und – ohne das Original in den USA zu kennen – sieht es hier für uns aus, wie in Silicon Valley. Die Züge, mit denen man hier fährt, sind nahezu identisch mit den Modellen, die wir aus unserer Heimat kennen, außer dass sie zusätzlich mit Wlan und Steckdosen, alles unentgeltlich für die Fahrgäste, ausgestattet sind. Soweit ist man in Deutschland noch nicht.

Einer der Orte an der Peripherie von Tel Aviv hat uns besonders interessiert: Jaffa.

Der Ort wird schon in der Bibel erwähnt, aber das Altertum interessiert uns weniger bei unserem Besuch. Wenn wir in Tel Aviv geschichtlichen Zusammenhängen nachgehen wollen, dann denen der Neuzeit, beginnend mit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, vor der Gründung des Staates Israel, also die Phase der Besiedlung, durch Zionisten.

Jaffa war in der Vergangenheit ein Mittelmeerhafen mit großer strategischer Bedeutung. Während der Kreuzzüge für die aus Europa einfallenden Streiter, nach Abzug der Kreuzfahrer, als es unter arabische Herrschaft fiel und schließlich für die Osmanen, immer als Pilgerhafen für die Weiterfahrt nach Jerusalem. In der Zeit der Begrünung dieses Landstriches mit Orangen, war Jaffa der Hafen schlechthin, für den Versand des Obstes nach England. Hier wie dort war das Markenzeichen dann die Jaffa Orange, die wir wohl alle noch kennen.

Parallel zu der rasanten Besiedlung Tel Avivs durch die Juden, nahm jedoch die Bedeutung von Jaffa ab. Heute ist es quasi das Anhängsel zu Tel Aviv und so eingegliedert in die Großstadt, dass eine Stadtgrenze kaum erkennbar ist.

Die typischen Häuser der Altstadt sind renoviert und lohnen einen Rundgang, der in in überschaubarer Zeit möglich ist. Wir beginnen unsere kleine Tour am Uhrturm und folgen den Hinweisschildern zu den alten Lagerhäusern und dorthin, wo in den Nebenstraßen der über die Grenzen von Jaffa hinaus bekannte Flohmarkt stattfindet. Wer hier fündig werden will, ist entweder Sammler oder Besitzer eines großen, leeren Koffers. Beides trifft nicht auf uns zu, wir sind heute für die Anbieter des Krimskrams nicht die ideale Kundschaft.

Bald erklimmen wir den kleinen Hügel, der Jaffa vom Meer trennt. Hier gruppieren sich Gärten, malerische Mauern, kleine Häuser, eine Kirche um einen weitläufigen Platz, der alles hat, was ein malerisches Mittelmeerdörfchen braucht, außer Besuchern. Nur wenig Menschen finden hier herauf, obwohl die Aussicht übers Meer prächtig ist. Durch ein gemauertes Gängeviertel steigen wir hinunter zum Hafen.

Vorbei an den großen Restaurants schließen wir den Kreis und schwenken, an der Moschee vorbei, auf die moderne Uferpromenade. Nach der Besichtigung, das haben wir uns zur Regel gemacht, ist ein Strandbesuch angesagt. Leben wie Gott in Frankreich? Hat er etwa Tel Aviv und Jaffa nicht gesehen? Hier lässt es sich wunderbar aushalten.