Bajawa

Bajawa auf Flores ist einer dieser Orte, deren touristischen Mehrwert wir nur schlecht einschätzen können. Wir wissen, dass Bajawa Hauptstadt einer Region ist, die mehrheitlich von den Ngada bewohnt wird, einer ethnischen Gruppe, die insgesamt nur 60.000 Menschen zählt, eine eigene Sprache hat und spezielle Traditionen. Zuwenig um vorab konkret festzulegen, wieviel Tage wir bleiben. Als Pragmatiker lassen wir die Dinge an uns herankommen und entscheiden spontan umd vor Ort.

Geografisch gesehen liegt Bajawa im Südwesten von Flores, im waldreichen Gebiet um den Inerie Vulkan, der übrigens der höchste auf dieser Insel ist und seit 10.000 Jahren schläft. Die Stadt selbst ist nicht sonderlich spannend, vor allem nicht, wenn man in der Regenpause am Sonntagnachmittag eine Besichtigung vornimmt. 45 Minuten brauchen wir für den Weg zum Markt und zurück zu unserem Hotel am Stadtrand und haben den Eindruck, damit schon alles von Bajawa zu kennen. Ausgesprochen freundlich gehen die Leute mit uns um, wer sich auf sie einlässt, bekommt immer ein gutes Feedback. Aber dieses Verhalten ist eigentlich typisch für Flores, ja, für das Indonesien, welches wir bisher kennen.

Die eigentlich Musik im Ngada-Land spielt in den zahlreichen Dörfern der Umgebung Bajawas. Um die zu besuchen, brauchen wir ein Fahrzeug sowie Ortskenntnisse und das gibt es auf die Schnelle kaum ohne Guide. Wir teilen uns den Ausflug mit einer Engländerin. Anders als auf Sulawesi hat eine gemeinsame Tour jedoch keine Vervielfachung der Kosten pro Kopf zur Folge, sondern eine Absenkung.

Unser Ausflug startet nach Abholung durch Guide Alfons und Franz unseren Fahrer morgens mit einem Spaziergang durch einen imposanten Bambusforst und Blick auf den friedlichen Mount Inerie, der leider noch wolkenverhangen ist.

Drei Ngada Dörfer besuchen wir, Luba, Bena und Gurusina. Sie werden alle von unterschiedlichen Clans bewohnt, den eigentlichen soziale Klammern der Gemeinschaften. Demokratisch geht es hier zu, erzählt uns Alfons; die Dorfbewohner fühlen sich als Kollektiv, entscheiden und handeln gemeinsam. In einigen Dörfern herrscht noch das Matriarchat und bei einer Heirat zieht der Mann ins Haus seiner Frau, die in vielen Dingen eine vorrangige Stellung innehat.

Die Dörfer gruppieren sich um Schreine, die symbolhaft den Geschlechtern gewidmet sind. Man könnte wetten, dass jeder, der diese Formationen zum ersten Mal sieht, auf Anhieb weiß, welche Gebäude das Maskuline und welche das Feminine verkörpern. Die architektonische Bildsprache ist eindeutig. Solide, strohbedeckte Holzbauten dienen als Wohnhäuser. Kleine Aufbauten auf den Dächern zeigen dem Kenner, welches Geschlecht der/die Eigentümer/in hat. Was uns auffällt: an einigen Häusern sind Büffelgehörne befestigt. Ähnlich wie auf Sulawesi werden hier Wasserbüffel zu verschiedenen Anlässen geopfert und die Hörner aufbewahrt. Die Ähnlichkeit der Kulte zeigt, wie sich im Verlauf der Geschichte Indonesiens, die Traditionen durch Migrationen zwischen den Inseln immer wieder vermengt haben. Alles hängt kulturell irgendwie zusammen und geht auf gemeinsame Ursprünge zurück.

Die Flächen zwischen den Häusern sind wie blank geputzt. Kein Strauch, keine Pflanze wächst dort. Vor den Häusern hängen die bunten Ikat-Webarbeiten der Frauen, auf Tüchern werden Kaffee, Mais und Nüsse getrocknet, Kinder spielen hier, Hunde schnüffeln sich durch das Gelände. An bestimmten Stellen sind Altare aus Stein und Stelen platziert; die Orte für Tieropferungen, wie sie traditionell verlangt werden und immer noch stattfinden. Archaisch wirkt die Kulisse und wir erfahren, dass die animistischen Kulte nach wie vor ernsthaft praktiziert werden, sogar unter dem Schirm der katholischen Kirche, der alle diese Menschen angehören.

Wieweit diese Lebensformen überleben, wird sich zeigen. Staatlichen Schutz genießen die Anhänger des Animismus offiziell höchstens in ihrer Rolle als museale Schaustücke, denn privilegiert sind in ganz Indonesien ausschließlich die großen Religionsgemeinschaften: Islam, die beiden christlichen Konfessionen, Hinduismus sowie Buddhismus.

Wir besuchen noch einen Ort, wo heiße und kalte Quellen zusammenfließen. Baden könnte man hier, hat man uns mit auf den Weg gegeben und wir haben Badesachen dabei. An der Flussbiegung angekommen beschließen wir, nur zuzuschauen und mal die Zehen ins 50 Grad warme Wasser zu stecken.

Hier zu baden würde einen kleinen Volksauflauf auslösen, denn egal was Touristen tun, sie stehen im Fokus des Interesses. Das wollen wir natürlich nicht und beschränken uns auf ein gemeinsames Essen mit dem Guide, bei dem auch ein Schälchen hochprozentiger Arrak eine Rolle spielen darf.

Obwohl man von Bajawa aus Trekkingtouren in die Wälder unternehmen oder den Inerie Vulkan besteigen kann, beschließen wir, den Aufenthalt abzukürzen. Die große Unbekannte, das Wetter, kann einem ja jeden Tag eine Strich durch die Planungen machen. Die Dörfer zu sehen, war unser Hauptziel. Das hat sich erfüllt. Zeit, weiterzufahren.

 

Was uns aufgefallen ist und wie wir hierher gekommen sind.