Vom Baumwall zur Strandperle

Wer in der Vergangenheit Hamburg besuchte, tauchte garantiert zuerst an den Landungsbrücken auf, um von dort aus den Hafen zu sehen. Wer heute Hamburg besucht, wird garantiert auch dort auftauchen, aber – wenn er sich gut vorbereitet hat – den Einstieg in die maritime Umgebung über die Speicherstadt / HafenCity wählen. Das erspart doppelte Wege. Es ist einfach sinnvoller, seine Besichtigungsenergie ökonomisch zu nutzen. Immerhin beträgt die einfache Entfernung von der Speicherstadt bis nach Övelgönne knapp 7 km. Auch wenn man abschnittsweise übers Wasser fahren kann, gilt immer noch, dass Städte und Häfen am besten zu Fuß erwandert werden.

Baumwall aus, also gegenüber der Kehrwiederspitze, wo die Elbphilhamonie als neues Wahrzeichen thront, tauchen wir in den Besucher-Trail ein. Hier befand sich übrigens früher eine Stadtbefestigung, ein Wall aus Baumstämmen, der den Innenstadtbereich und die Alstermündung von der Elbe trennte. Er bot zwar Schutz vor den Unbillen der Gezeiten, war aber keine wirkliche Abschirmung, wenn große Sturmfluten hereinbrachen.

Der Vorteil dieser Strecke liegt auf der Hand. Sie bietet über ihren gesamten Verlauf tolle Aussichten und sie ist autofrei.

Erster (Seh-)Meilenstein ist die Überseebrücke. Eine überdachte Pontonbrücke, die direkt zu einer Anlegestelle führt, an der vormals die Schiffe nach Übersee festmachten. Auch Fähren nach England und Kreuzfahrschiffe ankerten hier und manchmal sogar mächtige Kriegsschiffe, die zur Freude der Hamburger besichtigt werden konnten. Heute ist hier die CAP SAN DIEGO vertäut, weltweit das größte, noch fahrtüchtige Museumsschiff. Wir erwähnen es, weil die Hamburger solche Superlative lieben, haben sie doch gerade erst die teuerste Konzerthalle aller Zeiten fast fertig gestellt.

Bunt gestaltet ist die Promenade entlang der Elbe. Der auffälligste Farbtupfer ist hier ein knallrotes, authentisches Feuerschiff, das sich auch besichtigen lässt. Am besten als zechender und zahlender Gast der dort installierten Gastronomie. Wer möchte, kann dort seinen Hangover in echten Kojen verbringen. Das Übernachten soll erschwinglich sein, verrät uns das Internet, sogar wenn man dafür die Kapitänskajüte wählt.

Auf den ersten Blick nicht ganz so erschwinglich wirken die Preise für die Barkassenfahrten, die hier angeboten werden. Aber bedenkt man, dass so ein Schiff in der Anschaffung fast eine halbe Million Euro kostet und nicht unerhebliche Betriebskosten haben dürfte, relativiert sich der Preis fürs Ticket natürlich. Wer Hamburg mit dem Wasser verbindet, der sollte auf keinen Fall auf eine Rundfahrt verzichten. Bereits die kleine, 1-stündige Tour ist lohnenswert und unterhaltsam. Die Fahrt führt durch Fleete der Speicherstadt, eröffnen also andere Perspektiven und zeigen auch Teile des riesigen Hafengebiets, das immerhin dreimal so groß ist wie die Stadt Köln. Die Strukturen um den Containerumschlag lassen sich tatsächlich nur von Bord eines Hafenrundfahrers richtig ermessen.

Weiter geht es, unter dem Viadukt der U-Bahn hindurch und parallel entlang an einem Viertel, das nach portugiesischen Einwanderern in den 1970er Jahren benannt wurde. Viele Portugiesen fanden damals am Hafen günstige Wohnungen. Inzwischen wohnen die meisten woanders. Geblieben sind aber über 40 Restaurants und Cafés mit portugiesischem Flair. Manche Wirte stellen bei schönem Wetter Tische vor die Tür und bringen so den Süden Europas an die Elbe.

Das zweite Museumsschiff der Hamburger, ein ehemaliger 3-Mast-Frachtsegler, die grüne Rickmer Rickmers, liegt an den Landungsbrücken vor Anker. Natürlich ist der gepflegte Kahn ein absoluter Hingucker und somit ein weiteres touristisches Wahrzeichen des Hafens. Damit es so bleibt, wird das Schiff regelmäßig überholt. Klare Sache, die darbende Stadt wird damit nicht alleine gelassen; der Bund beteiligt sich daran finanziell mit immerhin 1,9 Mio Euro. De facto gehört also jedem Bundesbürger ein Stückchen des Schiffes und schon das sollte Grund genug für jeden Besucher sein, die Rickmers zu besichtigen.

Die Station Landungsbrücken ist klassischer Anlauf- und Aussichtspunkt zugleich. Über dem Bahnhofsausgang liegt – durch eine Treppe erreichbar – der Stintfang, eine natürliche Erhebung, die die Bezeichnung „Berg“ oder „Hügel“ leider nicht erwerben konnte. Dafür erhielt jedoch die Jugendherberge auf dem Gipfel des Stintfangs von einigen Gästen den klangvollen Titel „Das Grauen auf der Höhe“. Ganz offensichtlich hat dieses Prädikat nichts mit dem Wein zu tun, der aus den am Südhang des Stintfangs gepflanzten Reben gewonnen wird. In guten Jahren sollen daraus 40 bis 50 Flaschen Hamburg Stintfang Cuvée gewonnen werden, die leider nicht käuflich erwerbbar sind und nur Ehrengästen kredenzt werden.

Die St. Pauli Landungsbrücken selbst sind eine rege besuchte Anlegerstelle für kleinere Schiffe aller Art, vorwiegend natürlich der Boote, die von hier aus zu Hafenrundfahrten starten, oder von Fähren, die regulär die Elbe befahren. Ab und an tauchen auch Repliken von Mississippi Raddampfern auf, als verkitschte Hommage an eine Region und Epoche, die mit dem modernen Hamburg so viel zu tun hat, wie Huckleberry Finn mit Klein Erna. Viel wichtiger aber, die legendäre Linie 62 startet und endet hier. Die Fähre 62 verkürzt die Erreichung unseres Zielortes Övelgönne beträchtlich. Die Sehenswürdigkeiten, die wir von Bord sehen, lassen sich natürlich auch über Land ansteuern und dazu raten wir auf jeden Fall.

Den Alten Elbtunnel, sollte man wenigstens einmal betreten haben. Ein technisches Meisterwerk, fertiggestellt im Jahr 1911, das heute unter Denkmalschutz steht und das recht ansehnlich ist. Tja Ingenieurskunst hatte tatsächlich mal den Anspruch städtebauliche Perlen zu schaffen, jedenfalls auf dieser Seite der Elbe. Der Eingang gegenüber auf Steinwerder ist eher eine bauliche Untertreibung. Dazwischen, 25 Meter tief, liegen 2 Röhren, die hin und zurück knapp 1 km lang sind. Autos können dort hindurchfahren, Fahrräder und Fußgänger natürlich auch, und wenn es mal ganz spannend werden soll, veranstaltet man hier unten einen echten Marathon. Kein Witz, das hat es schon mehrmals gegeben.

Noch gut fußläufig erreichbar ist der Fischmarkt, eingebettet zwischen Verkehr, Speichern, Gastronomie und einem Mischmasch aus modernisierten, gewerblichen Gebäudekomplexen. Wer etwa gediegenes, international anerkanntes Design einkaufen will, schaut ins Stilwerk oder die Läden gegenüber, gleich hinter der Popeye Brücke. Die Fischauktionshalle, vormals tatsächlich der Ort, wo die Elbfischer sich mit den Fischgroßhändlern zum Feilschen trafen, ist heute eine Mehrzweckhalle, die für Events aller Art genutzt wird. Traditionskneipen finden sich hier, wo das Bier noch nach Astra schmeckt und die Kellnerinnen die Rechnungen auf kleinen Abreissblöcken notieren.

Nächste und letzte Station ist für uns Övelgoenne, was soviel bedeutet wie „Übelgunst“. Wer wem gegenüber übelgünstig war, lässt sich nur spekulieren. Angeblich ging es um das Privileg der Strandanrainer, Strandgut einsammeln zu dürfen, welches ihnen von den elbfernen Einwohnern Hamburgs nicht gegönnt wurde. Wie auch immer, von Neid und schlechten Schwingungen ist hier nichts mehr zu spüren.

Der Schiffsanleger besitzt einen kleinen, schmucken Museumshafen, ohne neiderregende Luxusboote; der Weg entlang der Kapitänshäuschen ist romantisch, aber ehrlich, wer wollte hier schon unter den Augen von tausenden Spaziergängern wohnen. Der Sandstrand aber gehört allen, die hier an sonnigen Tagen auftauchen Spaß zu haben, ihren Grill aufstellen und es sich gut gehen lassen. Das wirkt alles ausgesprochen harmonisch, ohne üble Gunst.

Diese Atmosphäre prägen auch die Strandkneipen; die berühmteste von ihnen ist ja die Strandperle.

Hier lässt sich eigentlich bei jedem Wetter Gemütlichkeit zelebrieren. Tische unter Schirmen, je nach Jahreszeit sollen sie vor Regen oder vor Sonne schützen, mit Stühlen, von denen die meisten in Richtung Fluss und Hafen schauen. Dorthin, wo die großen und kleinen Pötte vorbeiziehen, wo das Tor Hamburgs zur Welt sich am eindrucksvollsten öffnet. Wer es bis hierher geschafft hat, darf wohl behaupten, die Highlights rund um den Hafen gesehen zu haben. Wie immer, gibt es natürlich noch manches mehr von hier aus zu entdecken, aber das überlassen wir jedem selbst.

Auf dem Rückweg fuhr die Aida auf der Elbe an uns vorbei – auch für Leute, die nicht unbedingt auf Kreuzfahrten stehen, ein imposanter Anblick.

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