Um den Wilseder Berg

Lüneburger Heide! Von Dichtern gepriesen, von Sängern besungen, von Malern mit Hirsch-Bildern verkitscht und von hippen Leuten als spießig abgetan. Es schien an der Zeit, wieder einmal Vorurteile auf den Prüfstand zu legen und neu zu ordnen. So etwas empfehlen wir übrigens jedermann, unabhängig davon, wie jung oder alt er sein mag. Für unser Unternehmen hatte uns der Wetterbericht einen Tag voller Sonnenschein versprochen. Gelegenheit also, uns ausgerüstet mit Daypack, Wasser, Proviant und kleiner Landkarte in den „Blauen“ zu werfen und die klassische Kulturlandschaft zu erkunden. Glückes Geschick: In diesen Wochen blüht die Heide. Entweder lieben wir sie jetzt für immer, oder verbannen sie auf ewig aus dem Gedächtnis.

Man kann die Heide in einer Kutsche, auf dem Rad oder zu Fuß erkunden; letztere Alternative kommt unserem Naturell am nächsten. Warum also den Besuch nicht als Tour organisieren, so wie wir das auch anderswo tun würden. Wir hatten uns für eine Wanderung über den Wilseder Berg entschieden. Distanz: etwa 14 Kilometer, Dauer: gut 3 Stunden, Beschaffenheit: Wald- und Heidelandschaft über Stock und Stein und natürlich die legendären, sandigen Wege.

Ausgangspunkt für uns war der Parkplatz in Oberhaverbeck, der, zu unserer Überraschung, mitten in der Woche, recht befüllt war. Obwohl wir ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet betraten, gab’s keine Eintrittsgelder und sogar die Parkgebühren lagen noch unterhalb des Preises, den man für eine Fahrt mit dem Hamburger Verkehrsverbund ausgeben müsste. Asiatische Besucher müssten davon sicherlich beeindruckt sein.

Der Einstieg in unseren Rundweg liegt am Ende des Dorfes Oberhaverbeck, dort, wo der einzige Weg zu den Feldern abbiegt. Die Mitnahme der Karte hätten wir uns sparen können; jeder Abschnitt der Strecke ist sehr genau bezeichnet, mit Richtungsangaben und Entfernungshinweisen. Kein Vergleich zu den kargen oder gar nicht vorhandenen Informationen, die ein Wanderer in anderen Teilen der Welt akzeptieren muss, um dann, die Not zur Tugend machend, einen Guide zu engagieren. Fremdenführer gibt es hier zwar auch, aber in aller Regel sitzen die auf ihrer Kutsche, wenn sie Gäste durch die Landschaft fahren. Wenn man als Wanderer sein Gehtempo reduziert, kann man sogar eine dieser Kutschen begleiten und dem Vortrag des Kutscher-Guides lauschen.

Wir wählten, links im Uhrzeigersinn wandernd, den Fußweg vorbei an Feldern Richtung Niederhaverbeck um nach Überqueren einer kleinen Höhe den von alten Bäumen enggesäumten Freudenthalweg entlangzuwandern. Es ist lebendig hier, Familien mit Kindern, Paare und Gruppen, teils per Pedes teils auf Rädern sind unterwegs. Locker, freundlich sind die Leute, man grüßt sich und darf auch mal ein Schwätzchen einlegen. Etwa mit den Kölner Radwanderern, die sich von ihrer Heimatstadt bis hierher durchgeschlagen und einen seltsamen Begleiter haben: einen riesigen Stoffhund, wie man ihn als Hauptgewinn bei Losbuden mit abschleppen kann, weil so ein „Monster“ ja nicht verdient, irgendwo abgelegt zu werden.

Spießig und schnarchig wirkt das alles nicht. Die Landschaft hat etwas; das muss man zugeben. Der Blick bis zum Horizont wird eingenommen vom Lila der Heidepflanzen. Dazwischen, knorrige Büsche, schlanke kleine Bäume, Hügel. Farblich passt das alles zum blauen Himmel und der strahlenden Sonne. Selbst ein Hirsch, wenn er jetzt auftauchte, würde das nicht ins Kitschige kippen lassen.

Vielleicht hängt es ein wenig mit unserer Biografie der letzten Jahre zusammen. Wir sind weit gereist, haben einzigartige Landschaften gesehen, aber auch an uns bemerkt, dass uns der Anblick von purer Natur begeistert. Dass Menschen, egal ob sie in Indien leben oder irgendwo in Südostasien, eine Verbindung mit dem Land eingehen, das sie hervorgebracht hat, verstehen wir heute besser. Die Städte dieser Welt haben eher die Tendenz, sich mehr und mehr zu gleichen. Die Natur aber macht das Spezielle aus. Eine Kulturlandschaft, wie die Heide bei Lüneburg, verdient den gleichen Respekt, wie eine karstige Urlandschaft in Thailand, ein Bergmassiv im Himalaya oder eine Steppe in Nordwestindien.

Unseren Weg hier finden wir leicht. Als Wegweiser werden auch Findlinge genutzt, mit Richtungspfeilen. Und wir folgen jetzt dem Pfeil, der rechts nach Wilsede führt. Friedlich wirkt es hier, das Wandern macht Spaß. Hätten wir nicht irgendwann die Geschichten vom schrecklichen Fuchsbandwurm gehört, wären wir vielleicht sogar mutiger und würden uns an den Heidelbeeren bedienen, die am Wegesrand wachsen.

Wer rasten wollte, könnte dies tun; Bänke gibt es immer wieder. Wir gehen weiter, den leichten Anstieg hinauf über den Stattberg auf schmaleren Pfaden, um dann den Bolterberg zu erreichen. Der hat immerhin eine Höhe von 160 Meter. Nichts Schwindelerregendes und auch kein Anlass, über Höhenkrankheiten nachzudenken. Aber eine Stelle, von wo aus man exzellente Ausblicke in alle Richtungen hat. Der Wilseder Berg ist bereits sichtbar, einfach zu erreichen, wir wandern einfach parallel zum Kutschenweg, erst links und dann den letzten, kleinen Anstieg rechts hinauf.

Dieser Ort hat etwas von der Atmosphäre, wie wir sie oft an sogenannten Hotspots erlebt haben. Die Menschen suchen solche Stellen auf, alle irgendwie dem gleichen Ziel folgend, einen genialen Ausblick oder ein besonderes Panorama zu finden. Den haben wir, oben angekommen, tatsächlich. Natürlich ist uns bewusst, dass wir gerade auf dem höchsten Punkt der norddeutschen Tiefebene stehen, sage und schreibe 169 Meter aufragend. Die meisten Wanderer suchen sich hier einen Platz, ihren Proviant zu verzehren, ein wenig zu ruhen und die Natur um sich herum zu genießen, wir natürlich auch.

Weiter geht es, sanft absteigend, nach Wilsede. Ein kleiner Heideort mit 46 Bewohnern, einem Museum, diversen Restaurants und Pensionen, einigen Ställen und Gebäuden und wahrscheinlich zig Heidschnucken, die aber gerade alle irgendwo unterwegs auf der Heide waren. Wer möchte, kann sich hier ins Café setzen, in dem garantiert Selbstgebackenes serviert wird, oder Deftigeres. Wir schwenken ab Richtung Schafstall/Totengrund. Hier riecht es mehr nach Bewirtschaftung, obwohl wir keine Heidschnucken sichten, die an den Heidepflanzen knabbernd den Bewuchs natürlich regulieren.

Der Totengrund, den wir erreichen, ist ein Tal, Aussichts- und Treffpunkt für Wanderer und Radgruppen. Auch hier die lockere, aufgeschlossene Stimmung und Besucher jeder Coleur und jeder Altersstufe. Keine altmodischen Heidedichtersprüche, sondern sachliche Informationen prangen an den Findlingen. Irgendwo steht, es sei geplant, Windräder in die Landschaft zu pflanzen. Die Dummheit ist eben international. Wie anderswo kämpfen auch hier die Einheimischen um den Bestand ihrer Natur und so wie wir den Menschen in Indonesien die Daumen drücken, dass sie es irgendwie schaffen, ihre Regenwälder gegen die Ölpalmenindustrie zu verteidigen, wünschen wir uns hier, dass der sogenannte „unabwendbare Fortschritt“ einen Bogen um das Gebiet machen möge.

Wir schließen unseren Rundkurs, passieren den Steingrund und genießen die Strecke entlang der Wacholderheide. Kurz vor dem Ende unserer Tour haben wir noch einmal Gelegenheit, einen Hügel zu erklimmen, nach jetzt fast 4 Stunden, die wir mit Pause unterwegs waren, noch einmal eine Herausforderung für die Beine, die wir am nächsten Tag noch spüren sollten. Dann taucht Oberhaverbeck wieder auf. Und Heidschnucken! Keine große Herde zwar, sondern wohl die Tiere, die heute zuhause bleiben mussten. Aber immerhin haben wir mit ihnen noch ein passendes Motiv für unsere Fotoserie gefunden.

Der Tag ist noch jung, die Sonne scheint immer noch, was liegt näher, als auf der Rückfahrt noch einen kleinen Umweg über das Büsenbachtal in Wörme zu machen. Ein sandiger, idyllischer Weg führt entlang des Büsenbachs durch das kleine Tal und bietet von dort, oder noch besser vom nahe gelegenen Pferdekopf, wunderschöne Ausblicke auf die weiten Heideflächen mit ihren alten Wacholdern, gebogenen Kiefern und windzerzausten Birken. An den kleinen Holzbrücken über das Bächlein kann man herrlich picknicken, Kinder plantschen im Wasser oder tollen über die Wiesen. Auf dem Rückweg kehren wir im Café Schafstall ein, wo wir uns mit köstlichen, hausgebackenem Kuchen für die letzte Etappe unserer heutigen Tour stärken.

Wir fahren weiter nach Undeloh und haben Glück, zwischen Handeloh und Wesel treffen wir auf eine wahrhaftige Heidschnuckenherde.

Undeloh ist einer dieser Orte, die den Heidetourismus pflegen und wirtschaftlich von den Besuchern profitieren. Das ist nichts Schlechtes und trägt zum Erhalt der Umgebung bei. Wir suchen und finden im Ortskern die St. Magdalenen-Kirche, 1189 erbaut und mit dem abseits stehenden Glockenturm eine der schönsten Heidekirchen.

Das Umgruppieren der Vorurteile, die wir vielleicht noch hatten, lässt sich durchaus als erfolgreich bezeichnen. Wir werden die Heide noch weiter erkunden; sie gehört zu unserer Region und damit zu uns. Übrigens, auch ohne eigenes Auto lässt sich das Gebiet gut kennenlernen. Es gibt Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Bussen und Bahnen, die sogar eine bequeme „Anreise“ von Hamburg aus erlauben.

.… noch mehr Wandergebiete in der Heide findet Ihr hier …