Thanjavur

Thanjavur, im Mittelalter Hauptstadt des mächtigen tamilischen Chola-Reiches, gehört zu den wichtigsten Attraktionen, die Tamil Nadu heute Besuchern bieten kann. Künste und Handwerk sind hier anzutreffen sowie bedeutende architektonische Sehenswürdigkeiten. Bei einigen müssen wir für die Besichtigung unsere Schuhe am Eingang deponieren, bei anderen dürfen wir sie anbehalten. Der Kenner ahnt, um was es geht: Wir besuchen Tempel und Paläste.

Die Stadt Thanjavur wirkt entwickelter als beispielsweise Kumbakonam oder Chidambaram, die sich einen eher dörflichen Charakter bewahrt haben. Thanjavurs Straßen sind quirlig, laut, stinkig, das übliche indische Verkehrsgeschehen eben, das sich sich kaum ausblenden lässt, inklusive der in Indien üblichen Dosis an Luftverschmutzung.

Wir beginnen unsere Besichtigung beim großen Brihadishvara-Tempel, der schon von weitem eine imposante Ausstrahlung hat und nutzen, dass die Wolken sich gerade spontan öffnen und blauer Himmel sichtbar wird. Das ist nicht selbstverständlich in diesen Tagen, wo Zyklon Ockho die Wetterlage dominiert.

Wie alle sakralen Anlagen in Tamil Nadu, die nicht ausschließlich museal, sondern auch zur praktischen Andacht genutzt werden, ist für den Brihadishvara-Tempel kein Eintritt fällig. Dafür herrscht ein striktes Barfußgebot, auch jetzt, wo die Böden schlammig sind und bedeckt mit großen Pfützen. Es trifft uns alle, Inder wie Ausländer, man krempelt die Hosenbeine hoch und verliert sich im großen Tempelkomplex. Was wir an Eintritt sparen, investieren wir in die Begleitung durch einen fachkundigen Guide. Es wäre schade, wichtige Details zu übersehen, nur um zu sparen. Mit umgerechnet 6 € sind wir gut bedient, dieses UNESCO-Weltkulturerbe in Augenschein zu nehmen.

Fast 30.000 Quadratmeter umfasst die 1.100 Jahre alte Anlage, die Gott Shiva geweiht ist. Sie ist von einer hohen Mauer umgeben, besitzt zwei Tortürme und besticht schon auf den ersten Blick als kompaktes, ausgesprochen gut erhaltenes, historisches Bauwerk. Aus Granit ist es gefertigt und das war wohl eines der ersten Probleme, die von den Planern vor über 1.100 Jahren zu lösen war. Die riesigen Quader mussten erst über eine Entfernung von 45 km transportiert werden, in Mengen, die auch heute noch für jeden Bauherrn eine logistische Herausforderung wären.

Im Eingangsbereich treffen wir auf den ersten Superlativ des Tempels, die mächtige Figur eines Nandi, mit 3,7 Meter Höhe! Damit ist sie – die Reiseführer sind sich uneins – entweder die zweit- oder die drittgrößte ihrer Art in ganz Indien. Von dieser Stelle aus haben wir einen großartigen Blick auf die Anlage. Zutritt haben wir übrigens zu allen Bereichen, allerdings mit der Einschränkung, nicht überall fotografieren zu dürfen.

Die den Komplex umgebende Tempelmauer ist kunstvoll gestaltet und an ihrer Innenseite als Gang ausgeformt, der an vielen Stellen verziert ist, mit hunderten von Lingamen, kleinen Statuen, Wandmalereien und alten Schriftzeichen. Man könnte hier entlang gehen und sich die überlieferten Legenden aus der Welt der hinduistischen Göttern wie in einem großen Comic erzählen lassen.

Das Hauptaugenmerk aller Besucher gilt jedoch dem Tempel im Zentrum, einem quadratischen Bau, 13 Stockwerke hoch, der mit über 60 Metern in die Höhe ragt. Die Kuppel dieses Vimanas besteht aus zwei Granitblöcken, jeder 20 Tonnen schwer, die über eine 6 km lange Rampe in die Position geschoben wurden, in der sie heute noch sind. Was für eine Leistung!

Bemerkenswert ist die Gestaltung der Außenwände mit kunstvollen Reliefs und Figuren, jedes ein Meisterwerk der Steinmetze und sorgfältig bis in die kleinsten Details ausgearbeitet. Tatsächlich reicht ein einziger Besuch nicht aus, das alles aufzunehmen.

Wir kommen wieder, vertiefen die Eindrücke und entdecken immer wieder Neues. Der Gang durch die Anlage ist übrigens ein höchst interaktives soziales Abenteuer. Immer wieder sprechen uns einheimische Besucher an, wollen sich mit uns fotografieren lassen und erkundigen sich, wo wir herkommen. So ist das in manchen Teilen Indiens, reisen wie ein Superstar.

So wie einige Taxifahrer immer einen Onkel haben, dessen Laden zufällig ganz in der Nähe ist und nur besichtigt werden soll, ohne jede Kaufverpflichtung, haben auch Guides oft ein weiteres Geschäftsfeld. Unser Führer meint uns überzeugen zu müssen, einen Handwerksbetrieb zu besuchen, um zu sehen, wie Messingstatuen hergestellt werden. Selbstredend sei das nur eine Art akademisches Vergnügen, schließlich wären das keine Läden. Wir haben Zeit, lassen uns auf die Geschichte ein, denn wie man Verkaufsgesprächen entkommt, haben wir inzwischen gelernt.

In der Tat ist der Besuch in der kleinen Metallwerkstatt recht aufschlussreich. Die Handwerker führen uns durch die einzelnen Schritte des Fertigungsprozesses der Metallgießerei, beginnend beim Herstellen der Vorlage aus Wachs und der Gussform aus Lehm bis hin zum fertigen Produkt, das – oh Wunder – in einem Schauraum mit anderen Objekten aufgestellt darauf wartet, käuflich erworben zu werden. Nicht ungeschickt, diese Methode, da der Besucher an entscheidenden Stellen dazu gebracht wird, Meinung zu äußern, zu loben, alles toll findet, aber am Ende argumentieren muss, warum er trotzdem nichts kaufen will. Uns hält letztlich der hohe Preis ab, etwa 5 mal so hoch wie in einem normalen Geschäft und das Wissen, dass bei jedem Handel eine Provision für den Guide enthalten ist, die wenigstens 30% beträgt. Natürlich gelingt es uns, den Laden zu verlassen, ohne einkaufen zu müssen und dabei noch die Form zu wahren.

Kunst, die wirklich alte Kunst der Tamilen, sehen wir noch zu Genüge im Palast von Thanjavur. Augenfällig ist sofort, weltliche, historische Gebäude werden in Indien nur gepflegt und erhalten, wenn ihr Eigentümer ein Superreicher ist oder eine finanzstarke Stiftung dahinter steht. Beides scheint bei diesem Palast nicht gegeben. Die weitläufige Anlage aus dem 16. Jhdt. ist am Verfallen. Viele Gebäudeteile sind marode und bedürfen dringend einer Renovierung. Von einem Turm aus verschaffen wir uns einen Rundblick über die nähere Umgebung, wundern uns auch über das Skelett eines riesigen Wales, das irgendwer aus unerfindlichen Gründen in der oberen Etage aufgestellt hat.

Was hier einst an fürstlicher Pracht herrschte, ist immer noch erkennbar, etwa in der Durbar Hall, wo einst die Rajas ihre Audienzen abhielten. Groß, lichtdurchflutet, mit eindrucksvollen Wand- und Deckenmalereien. Mobiliar sieht man kaum, dafür aber in den als Kunstgalerien genutzten Gebäuden, Sammlungen kostbarer Figuren von Götterfiguren, akribisch nach der Chronologie ihrer Entstehung angeordnet. Die Entwicklung des Kunsthandwerkes über die Epochen können wir so gut nachvollziehen – und natürlich werden Begehrlichkeiten geweckt, wer wollte nicht so ein Exponat zuhause haben. Keine Frage, das wäre, wenn die Ausfuhr überhaupt erlaubt ist, unerschwinglich.

Bezahlbarer ist dagegen, was wir in den umliegenden Straßen finden, wo viele Antiqutätenläden zum Herumstöbern einladen. Neben Kitsch und Plunder lässt sich schon der eine oder andere interessante Gegenstand entdecken. Das Preisniveau ist vernünftig, die große Nachfrage durch Touristen ist bisher noch nicht angekommen. Wir selbst kaufen dort ein gerahmtes Bild in Hinterglastechnik. Gut erhalten, tatsächlich preiswert und gerade so groß, dass wir es in einem Tagesrucksack unterbringen können.

Mit unserem Bild im Gepäck, hunderten von Bildern vom Tempel und Palast auf der Festplatte und einigen Süßigkeiten aus den Sweet Shops in der East Main Street fühlen wir uns gut bedient von Thanjavur, ein Besuch für uns, der sich in jeder Hinsicht lohnte.

 

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