Hanoi

Asiens Städte sind immer wieder ein Erlebnis, im Guten wie im Bösen. Nach unserem Einstieg in die naturgeprägten Gebiete des wilden Nordens fühlt sich die Begegnung mit der fast 7 Millionen Metropole Hanoi an wie ein Schlag in die Magengrube. Unerwartet und hart. Wir stehen an der Pham Hung Road, einer der Außenringstraßen um die Hauptstadt, und versuchen einen der dort wartenden Taxifahrer zu überzeugen, uns in die Altstadt zu bringen, wo unser Hotel ist. Wir sind relativ sicher, dass dort weder Pest noch Cholera wüten und können nicht recht nachvollziehen, warum niemand uns fahren will. Wir ändern unsere Taktik, stoppen ein Taxi, laden unser Gepäck ein, setzen uns in den Wagen und nennen dann erst unser Ziel.

Das Altstadtquartier besteht im Kern aus 36 Straßen, die nach Gewerbe- und Berufsgruppen unterteilt sind, aber das bringt weder uns noch den Taxifahrer genau ans Ziel. Erst nach dem Aussteigen und schrittweisem Herantasten finden wir unser Hotel, das mitten in der Altstadt liegt. Tatsächlich haben wir trotz Onlinekarten anfänglich größte Probleme, uns im Gassengewirr zu orientieren. Herumirren ist in den ersten Tagen unsere Lieblingsbeschäftigung. Getoppt nur durch die hautnahen Begegnungen mit Myriaden von Motorrollern, die im Nanosekundentakt auf einen zufahren, umzingeln oder sich von hinten anpirschen. Ziel dieses Spiels scheint, Fußgängern Höchstmengen an Adrenalinkicks zu verpassen. Ein Nebenzweck ist pures Überleben.

Die Altstadt vermittelt ein Gefühl des Getriebenwerdens, irgendetwas hupt uns immer an, knattert bedrohlich oder bedrängt uns. Nein, vertreiben lassen wir uns nicht, finden sogar auf Trottoirs, die regelmäßig mit Zweirädern vollgeparkt sind, Miniflächen zum Innezuhalten.

Zu gucken gibt es ja viel; der historische Kern der Stadt ist noch weitgehend erhalten: Fassaden von Stadthäusern, prächtig gestaltet und geschmückt, so wie es früher angesagt war, auch wenn der morbide Verfall sichtbar an der Substanz nagt. Aber da ist Gegenwehr, in Form sorgfältig renovierter Gebäude, die das alte Hanoi bewahren.

Und natürlich immer noch die eingesessenen Handwerker, die unbeeindruckt vom Wandel der Zeit, in ihren Quartieren präsent sind. Es gibt sie noch, die Bambusstraße, die Blechschmiede der Blechstraße und Schuhmacher der Lederstraße oder die Händler der Seidenstoffe. Bunt und lebendig, in einem brodelnden Kessel.

Mit etwas Geschick finden wir aus dem Getümmel der Altstadt heraus zum Hoan-Kiem-See. Solche Orte versprechen Entspannung. Tatsächlich passt gerade alles, es ist Samstagabend, die Straßen um den See sind für motorisierte Verkehrsmittel gesperrt, es herrscht Volksfeststimmung. Kinder in elektrischen Spielautos umkreisen dort, wo sonst der große Verkehr tobt ihre Eltern, etwas weiter tanzen Jugendliche in Gruppen zu ihrer Lieblingsmusik, die Erwachsenen flanieren.

 

Ein Blickfänger ist die grell erleuchtete Rote Brücke, die zur Pagode auf auf der kleinen Insel führt. Den See werden wir die nächsten Tage noch öfter besuchen, hier finden wir einen Ruhepol, ansprechende Restaurants und den Übergang zum französischen Viertel, eine separate Welt, die mit dem chaotischen Hanoi so gar nichts zu tun hat.

Wenigstens kapieren wir nach einigen überflüssigen Wegschleifen so langsam die Orientierung und sind empfänglicher für die Sehenswürdigkeiten, die, wenn man gerade hier ist, nicht auslassen sollte. Wir kennen keine Statistik, die etwas aussagt über die Quote von buddhistischen Tempeln pro Kopf in asiatischen Städten.Vermutlich liegen aber Yangon und Bangkok ganz vorne und Hanoi irgendwo am Ende. Trotzdem, auch hier finden sich welche, man muss nur genauer hinschauen. Tempel präsentieren sich in der vietnamesischen Hauptstadt eher dezent in der zweiten Reihe. In der Altstadt finden wir einige, wie den Bach Ma oder den Dinh-Dong-Thanh in der Hang Vai Street, die ganz interessant wirken und nicht überlaufen sind.

Es sind aber mehr die modernen „Attraktionen“, die wir in Hanoi gezielt aufsuchen, Unikate, die eigentlich weniger durch Schönheit oder Ästhetik hervorstechen, sondern nachdenklich machen. „Hilton Hanoi“ etwa, das legendäre Zentralgefängnis, das die Franzosen einst erbauten, um ihre Kolonialherrschaft abzusichern. Der Hochsicherheitstrakt mit dem Zweck, Knochen und Widerstandswillen der aufbegehrenden Vietnamesen zu brechen, ist immer noch deprimierend. Auch amerikanische POW waren dort untergebracht, aber nicht in den erbärmlichen Zellen sondern in den Etagen darüber. Viel hat Vietnam erlitten, durch Kolonialmächte und Imperialisten und die Befreiungskriege waren grausam für alle Beteiligten. Dass gerade im Norden Vietnams die Erinnerungen daran nicht verschwinden, ist verständlich. Dessen sind wir uns beim Besuch des Zuchthauses bewusst.

Geschichte ist auch das Thema bei der Long Bien Bridge über den Red River. Ein imposantes Bauwerk, über 1.600 Meter lang, erbaut um 1900 aus 5.000 Tonnen Stahl. Nein, nicht Gustave Eiffel hat die Brücke konstruiert, verantwortliche Architekten waren die Herren Daydé & Pillé aus Paris. Strategisch wichtig war sie immer und Symbol des Widerstandes, als die Amis sie systematisch bombardierten. Rostig und marode erscheint die Brücke heute und wird trotzdem von tausenden Motorradfahrern jeden Tag befahren sowie von den Zügen der Eisenbahn. Das Bauwerk ist immer noch Kult. Fotografen mit ihren Models, Instagram-Poser und Touristen tummeln sich dort, am liebsten auf dem Schienenstrang, vielleicht, weil es dort ein wenig gruselig ist. Die Chancen durch eines der Löcher zwischen den Trägern in den Red River zu plumpsen sind nämlich gar nicht mal gering. Wir entscheiden uns für eine Fußüberquerung mit Chillfaktor, da permanent Karambolagen mit Motorrädern drohen und ein Ausweichen unmöglich ist.

Die Eisenbahn bietet in Hanoi noch eine weitere Sehenswürdigkeit, die wir uns nicht entgehen lassen und zwar die Passage, wo die Trasse mitten durch ein Wohnviertel führt und die angrenzenden Wohnhäuser mit ausgestreckten Armen berührt werden können. Die Anwohner selbst haben diesen Streckenabschnitt als begehbare Sightseeingtour hergerichtet. Da stehen Stühle am Rand werden Imbisse gereicht und Getränke. Als zusätzlicher Service für Besucher hängen Fahrpläne aus, um das Life-Spektakel mit echten Zugdurchfahrten zu zelebrieren.

Mehr als mit Besichtigungen beschäftigen wir uns mit Survival, unsere Hommage an Uncle Ho (Chi Minh), dem hier eine Reihe von Denkmälern gesetzt wurden, angefangen bei Museen bis hin zum Mausoleum, das er eigentlich nie wollte.

Diesen Teil sparen wir aus, gönnen uns gegen Ende unseres Aufenthaltes lieber einen Besuch des französischen Viertels. Rund um die St. Josephs Cathedral, im neogothischen Stil, liegen zahlreiche nette Cafés und kleine Restaurants, die zum Verweilen einladen.

Aber eigentlich sind wir hier um unsere Vorräte aufzustocken, die Notfallration für Momente, in denen der Appetit nach westlichen Aromen giert. Zum anderen wollen wir wissen, wie Gott sich außerhalb Frankreichs einrichtet. Nicht schlecht, stellen wir fest. Es gibt Geschäfte, die nahezu jeden Konsumartikel, der in Frankreich erhältlich ist, anbieten, auch den großen Luxus, der Diors, Bulgaris etc., schick drapiert an breiten Boulevards. Dort findet sich nichts vom monströsen Chaos der Altstadt, hier darf der Rolls- oder Daimlerfahrer cruisen, alles riecht, schmeckt und klingt nach viel Geld. Noch finanzierbar ist eine Besichtigungstour mit der Fahrradrikscha. Die Eindrücke bestätigen, dass Vietnam zwar nominell eine Volksrepublik ist, der Souverän aber kaum mehr als Krümel bekommt, vom Tisch des Reichtums.

Hanoi ist auf jeden Fall krass. Zwischen Himmel und Hölle auf Erden liegen hier nur wenige Straßen. Interessant, spannend, erschreckend, wie auch immer, für unseren Geschmack ist die Hauptstadt kein Ort, an dem wir länger bleiben wollen als wir müssen. Mögen die 5 Millionen Mopeds unter sich bleiben, wir ziehen weiter.

 

4 Gedanken zu „Hanoi

  1. Hallo Christiane und Aras,
    da habt ihr einen wirklich tollen Artikel geschrieben. Ich erinnere mich noch als wäre es erst gestern gewesen, dass wir aus dem Flugzeug übermüdet in ein Taxi gefallen sind, dass uns vor unserem Hotel in der Altstadt Hanois wieder abgesetzt hat. Völlig vom Jetlag erschlagen, war Hanoi für mich in den ersten Tagen irgendwie zu viel. Es waren meine ersten Gehversuche in einem asiatischen Land, vielleicht war Hanoi damit eine Nummer zu hart. Ich musste erst einmal ankommen und ab Tag 4 und in der Hanoi Bucht ist mir das so gut gelungen, dass ich Vietnam eigentlich nicht wieder verlassen wollte. 2019 geht es wieder hin und auf Hanoi freue ich mich ganz besonders. Dieses Mal will ich es bewusster wahrnehmen und euer Bericht lässt die Vorfreude wieder enorm ansteigen! Danke dafür 🙂

    Viele Grüße
    Magdalena

    • Danke, Magdalena,

      Eigentlich bis Du durch Deine ersten Erfahrungen ja gut vorbereitet, auf den nächsten Besuch. Wir haben inzwischen auch noch mehr erlebt und versuchen das alles gerade zu verarbeiten.

      Dir auf jeden Fall viel Spass beim nächsten Besuch

      Gruss Christiane und Aras

      ps: Dein Blog wurde gerade besucht, den empfehlen wir natürlich gerne https://livingtheworld.de/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.