National Highway 58

Ein Road Trip im indischen Himalaya

Es gibt Geschichten, die wollen immer wieder erzählt werden. Vielleicht, weil sie besondere Meilensteine in Deiner Biografie sind, oder weil sie soweit von der Normalität Deines Alltags entfernt sind, dass sie im Rückblick fast surrealistisch anmuten.

Nordwestindien, wir sind im Bundesstaat Uttarakhand, übernachten einige Tage in der heiligen Stadt Haridwar. Der Weg hierher verläuft anders als geplant. Ein Flug sollte es sein, von Delhi nach Dehradun. Geworden ist daraus eine unterhaltsame, vierstündige Überlandfahrt im PKW mit eigenem Fahrer direkt an unseren Zielort Haridwar. Finanziert von der Gesellschaft, die uns Airplane-Tickets verkauft hat für eine Verbindung, die aber zum vereinbarten Termin gar nicht bedient wird… „Incredible India“. Haridwar, eine der sieben heiligen Städte der Hindus, ist ein Erlebnis für sich.

Spirituelles i-Tüpfelchen ist das nahegelegene Rishikesh. Dort buchen wir nicht etwa einen Yogakurs, sondern in einer kleinen Reiseagentur die Trekkingtour, die uns über den Kuari-Pass führen soll.

Um zu dem kleinen Dorf Ghat zu kommen, dem Ausgangspunkt unserer Trekkingtour, müssen wir 200 Straßenkilometer zurücklegen. Diese Distanz ist sogar kürzer, als unsere Fahrt von Delhi hierher; kein Grund also, auf schlechte Gedanken zu kommen.

Abfahrt in Rishikesh. Vier Begleiter beladen den Mahindra-Jeep mit Proviant, Zelten sowie allen möglichen Utensilien, die wir zum Campieren brauchen. Anders als in Nepal finden wir in den Bergen keine bewirtschaftete Hütten; wir sind hier absolute Selbstversorger.

Zur spirituellen Rückversicherung der Reise gehört ein Besuch bei einem Sadhu. Der heilige Mann lebt abseits der Hauptroute in einem kleinen Tempel mit Dschungelblick. Es regnet, aus dem Wald dampft Nebel, freche Affen beobachten uns. Der Sadhu setzt Tee auf, eine spezielle Mischung, der einige Marijuana Blätter beigefügt werden. Überzeugender lässt sich die Leichtigkeit des Seins kaum vermitteln.

Unser Fahrt führt über eine Hauptfernstraße Nordindiens, den Highway 58, der tief in die Berge reicht, bis zur Grenze nach Tibet. Über weite Teile ist diese Route auch Pilgerstrecke zu heiligen Stätten der Hindus und Sikhs; im Garhwal-Gebirge befinden sich viele wichtige Hindu-Pilgerorte, wie Gangotri, Kedarnath und Badrinath, und nicht weit davon entfernt, 4.662 Meter hoch gelegen, liegt Hemkund Sahib, das den Sikhs als eines der wichtigsten Heiligtümer gilt. Pilgern in Indien ist nicht mit den demütigen, innere Einkehr suchenden Wallfahrten auf dem Jakobsweg vergleichbar. Als wichtiges Element religiöser Praxis ist hier der Besuch der heiligen Orte für Hindus, Buddhisten oder Sikhs obligatorisch. Nicht „ob“ man pilgert ist die Frage, sondern nur das „Wann“.

Wir wissen also, dass wir nicht allein unterwegs sein werden. Und sehr bald reift in uns die Erkenntnis, dass gerade heute, zigtausende von Pilgern, einer kollektiven spirituellen Aufforderung folgend, sich Lemmingen gleich über den Highway 58 bewegen wollen. Das Einfädeln in den Verkehrsfluss aus Bussen, PKWs, Motorrädern und LKWs gelingt zwar, aber es erzeugt Gänsehaut. Alles wirkt vollbeladen und höchst motiviert, schnell anzukommen. Ein emissionsgeladenes Abenteuer erwartet uns; hier werden die bulligsten Fahrzeuge Indiens eingesetzt, brüllende Straßenmonster aus dem Hause Tata, gebaut, um Steigungen zu nehmen, egal wie schlecht die Fahrbahn beschaffen ist.

Es braucht seine Zeit, um den Dunstkreis um Rishikesh zu verlassen. Dabei ist der Blick vom ansteigenden Highway großartig. Wir passieren markante Punkte, die nicht nur Gläubige vor Ergriffenheit vibrieren lassen, sondern auch uns beeindrucken. Unter uns liegt das Ghat, wo gerade eine rituelle Totenverbrennung vorbereitet wird. Hier in Devprayag, wo sich die Flüsse Bhagirathi und Alaknanda vereinen und den heiligen Ganges bilden, ist die Chance, direkt ins Nirwana zu gelangen, nach dem Glauben der Hindus mit am Größten. Den Ganges sehen und sterben“ ist für den Hindu mehr als ein touristisches Versprechen, da geht es um Existenzielles. Varanasi kann da noch mithalten und eine Handvoll anderer spiritueller Orte.

Den Hindus in unserem Team mag die Nähe zur finalen Erlösung vom ewigen Kreislauf des Lebens angesichts der Straßenzustände um uns herum wohl Gelassenheit geben, fröhlich und unbeschwert sind sie uns Fremdenführer. Wir ertappen uns selbst dabei, nervöser zu werden. Immer noch ist die Landschaft malerisch und die bunten Ortschaften, die wir passieren, wirken wie aus einem altindischen Bilderbuch.

Die Straße, typisch für diese gebirgige Region, ist in den Berg hinein gefräst. Auf der einen Seite die Wand aus Erde, Gestein und Vegetation, gegenüber der steil abfallende Abgrund, der mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, tiefer wird.

Eigentlich soll der Monsun vorbei sein, das scheint aber die Wolken über uns nicht zu kümmern. Regen hat in den letzten Tagen den Untergrund in einen endlosen Schlammpudding verwandelt, die Ränder zu beiden Seiten der Straße wirken ausgefranst. Was hier an Erdreich durch den Niederschlag bewegt wird, ist beeindruckend. Die Befestigungen, die den Berg in Form halten sollen, werden arg strapaziert, Steine kullern auf den Highway, verwandeln den Untergrund in eine Rumpelpiste.

Unser Jeep durchwatet überflutete Abschnitte, ein Knochenjob für den Fahrer, den Wagen auf Spur zu halten. Die Lkws und großen Busse kämpfen mit den gleichen Schwierigkeiten, bahnen sich im Schneckentempo ihren Weg; Ansporn für unseren Fahrer, die schleichenden Monster zu überholen. So eine Aktion funktioniert nur, wenn sie durch Dauerhupen unterstützt wird. Dann geht’s vorbei. Die Wichtigkeit ausreichender Sichtverhältnisse, so lernen wir, wird von uns Europäern gerne überschätzt. Nebenbei bringen wir unsere Frage nach den Familienverhältnissen ein. Ja, der eine oder andere hat Eltern, Geschwister, Frau oder Kinder, die er über alles liebt und gerne wiedersehen will, wenn unsere Tour beendet ist. Das beruhigt.

Das Vorwärtskommen stellt an jeden Fahrer Anforderungen, die uns fremd sind. Lücken, die im Verkehrsfluss entstehen, werden sofort durch Rudel von Motorrädern besetzt. Meist sitzen Sikhs darauf, mit wehenden Flaggen, martialisch vermummelt wie Ninja-Kämpfer, mit Beifahrern und großem Gepäck. Und auch hier lernen wir: dem Turban wird mehr vertraut als einem schnöden Schutzhelm, ein Sikh kennt keine Furcht.

Solange sich die Fahrzeugschlange bewegt, ist alles gut. Dann stoppt der Verkehr. Erdrutsch voraus, konstatiert unser Fahrer. Erstmal geht gar nichts mehr, halbfertige Überholmanöver werden eingefroren, jedes Zurücksetzen wäre Feigheit. Jetzt verkeilen sich alle Fahrzeuge. Glück im Unglück: über die gesamte Strecke sind Straßenarbeiter mit schwerem Gerät postiert. Niemand würde es wagen, Pilgern erklären zu müssen, dass die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit nicht stattfinden kann. Also wird immer sofort gehandelt. Erdrutsche, die ganze Streckenabschnitte unpassierbar machen, werden adhoc repariert. Bulldozer schieben die Hindernisse aus Schlamm und Gestein beiseite, öffnen so wenigstens eine Spur.

Wir steigen aus, gehen zu Fuß zur Spitze des Staus, wo für indische Verhältnisse geradezu hektisch gearbeitet wird. Wenn für uns diese Situation ein Schauspiel ist, so ist unser Erscheinen für die Pilger großes Theater, das es gilt zu dokumentieren. Fahrer und Passagiere steigen aus, wenn sie uns erblicken, zücken Kameras und Smartphones und produzieren Selfies oder improvisieren gestellte Szenen für Gruppen. Das alles passiert in freundlich neugieriger Atmosphäre. Wo wir hin wollen, fragt man uns, wie wir heißen, wie uns Indien gefällt und manchmal auch, was wir am liebsten essen.

Dann räumt ein Bulldozer den letzten Erdhügel von der Straße, jetzt geht es geordnet weiter, denken wir. Tatsächlich ist das die Stunde der Hyperaktiven. Bereits eine halbe Stunde vor dem Durchstich rumort es in den Spitzengruppen der Fahrzeugschlangen, die sich hier gegenüberstehen. Da nur eine Spur freigelegt wird, kommt es zum Showdown. Es gibt da eine spannende Szene in „High Noon“, wo die Guten sich den Bösen entgegenstellen. Wer zuerst zieht, setzt sich durch. Wer schon im Kino schwitzige Hände bekommt, hat noch keine Konfrontation auf dem Highway 58 erlebt.

Speerspitze sind die Motorradfahrer, die ohnehin immer den höchsten Adrenalinspiegel haben. Jetzt kommt Testosteron dazu. Eine brisante Mischung, es kann nur einen geben, entweder die vom Berg nach unten Fahrenden oder die, welche hinauf wollen. Sich abzuwechseln, wäre eine Option, aber nur eine theoretische. Praktisch zählt, dass die Schlange, die zuerst das freigelegte Terrain besetzt, freie Fahrt hat. Nicht nur die Fahrzeuge am Anfang, sondern alle, die noch einige Kilometer weiter hinten warten. Einmal in Bewegung, wird kein Fahrer so gnädig sein, den entgegenkommenden Fahrer durchzuwinken. Egal, was das für das Karma bedeutet. Um der eigenen Dynamik mehr Wucht zu verleihen, werden Hupen betätigt. Keine dezenten, wie wir sie aus europäischen Fahrzeugen kennen. Hier haben die Hörner monströse Ausmaße und entfalten Dezibelwerte, die ein Trommelfell platzen lassen können. Lärm, stinkende Abgase und heftige Aktionen aller hier Versammelten schaffen eine apokalyptische Szenerie.

Dann passieren wir die Stelle, wo der Erdrutsch war. Steine kullern noch von oben nach, der Blick in den Abgrund, der sich offen neben uns öffnet, verrät nichts Gutes, quälend langsam im Schritttempo passieren wir die prekäre Stelle. Hier Angst zu empfinden ist normal. Eine falsche Aktion oder ein weiteres Abbröckeln der mürben Kante und wir krachen in der Tiefe.

Gefühlt vergeht die Zeit schneller, als wir Strecke zurücklegen. Ob wir es noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Ghat schaffen, fragen wir. Unser Guide ist die fleischgewordene Zuversicht selbst. „Klar, das wird passen“, sagt er und wenn nicht, dann passt es eben auch.

Wir durchleben mehrere Erdrutsche. Inzwischen entwickeln wir sogar seherische Fähigkeiten, können, ohne dass wir sie direkt wahrnehmen, bereits von weitem eine Straßenunterbrechung diagnostizieren. Das geht ganz einfach: Taucht lange Zeit kein Gegenverkehr auf, ist die Straße vor uns wieder mal unpassierbar. Vishnu, Shiva und Krishna sei Dank, keine Störung, die wir erleben, ist so schwer, dass wir deswegen auf dem Highway übernachten müssen. „Ja, so etwas kann vorkommen“, sagt unser Fahrer. Aber wir sind ja gewappnet; das Dach unseres Mahindras birgt Kochgeschirr, Proviant, Wasser, Schlafsäcke und sogar Zelte. Wie auch immer, dieser Ernstfall bleibt uns erspart.

An Highways finden sich auch Raststätten, bei der Route 58 aber nur, wenn die Landschaft es zulässt, und in der Nähe kleinerer Ortschaften. Alle haben Appetit. Unser Fahrer von der Schwerstarbeit des Wagenlenkens, die Begleiter von der Schwerstarbeit Gelassenheit zu demonstrieren und wir von der Schwerstarbeit, Stress zu bewältigen. Wir finden ein typisch indisches Restaurant. Chapati gibt es, Gesottenes und Geseihtes, Würziges und auf Nachfrage auch Essbares, das seine Würzung verhalten präsentiert.

Gestärkt geht es in die Schlussphase, die zu aller Überraschung erdrutschfrei verläuft. Am Ende haben wir 10 Stunden für läppische 200 Kilometer gebraucht, die Essenspausen nicht mitgezählt.

Wir haben viel gelernt. Vor allem wissen wir jetzt, dass

  • nicht überall, wo Highway drauf steht, einer drin ist
  • der Jeep von Mahindra ein beinhartes Fahrzeug ist, das immer vorankommt, sich nie aus der Spur bringen lässt,
  • Komfort im Fahrzeug etwas für westliche Weicheier und Vertreter der indischen Oberschicht ist,
  • der menschliche Körper aus ungezählten Muskeln und Knochen besteht, die alle irgendwie mit Sitzen, Festhalten und Haltung bewahren zu tun haben und enorm schmerzen können.

Aber wir sind am Ziel angekommen und haben etwas erlebt, was wir auf Jahre hinaus nicht vergessen. Wir brauchen nur noch auszusteigen. Die Zelte werden von der Crew aufgebaut. Es gibt heißen Tee und wir verdrängen, dass wir in ungefähr sieben Tagen diese Strecke, die wir heute bewältigen durften, in entgegengesetzter Richtung noch einmal vor uns haben.

Haridwar / Rishikesh, Trekking Kuari Pass

Unser Bericht ist übrigens auch in der Blogparade von Spaness zu finden:

DIE SCHÖNSTEN ROADTRIPS – EINE ULTIMATIVE ROADTRIP-ÜBERSICHT

2 Gedanken zu „National Highway 58

  1. Wie immer tolle Bilder und toller Text!
    Danke, dass ihr mich auf diese Reise mitgenommen habt. Ich habe es sehr genossen und kann nachvollziehen, welche Knochen und Muskeln euch nach diesem Ritt alle wehgetan haben.

    Liebe Grüße

    Alex

  2. Da hattet ihr sicher einen genialen Roadtrip! Die Fotos sind wunderschön besonders gefällt uns die Erkenntnis: „nicht überall, wo Highway drauf steht, einer drin ist“

    Das kommt uns irgendwie bekannt vor…

    liebe Grüße
    Ines & Thomas

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