Naxos, die Mitte

Unsere thematische Aufteilung der Insel mag streng geografisch zwar etwas frei gewählt sein, sie macht aber redaktionell Sinn, will man die Vielfalt, die sich erleben lässt, einigermaßen übersichtlich darstellen kann. Die Mitte von Naxos, die wir hier beschreiben, finden wir dort, wo das Meer entfernter ist, als die nächste Ortschaft und Reisende ihre Strandsachen im Auto lassen, um stattdessen mit dem Reiseführer in der Hand, die Umgebung zu erkunden.

Chalki, früher oder später landet jeder hier. Historisch war es ein bedeutendes Handelszentrum und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sogar Hauptort von Naxos. Es ist fast unmöglich, hier nicht durchzukommen, wechselt man von einer Inselseite zur anderen oder vom Norden in den Süden. Eher wie ein großes Dorf wirkt Chalki, durchaus geeignet, zu Fuß besichtigt zu werden. Wir stellen unseren Wagen auf dem großen Parkplatz neben der Hauptstraße ab, dicht beim Supermarkt kurz hinter der Kreuzung, die weiterführt nach Filoti. Wie üblich auf Naxos sind auch hier keinerlei Parkautomaten aufgestellt oder Tickets zu kaufen. Über die Hauptstraße laufen wir ein Stück zurück, nicht ohne uns beim ersten Bäcker mit leckerem Kleingebäck zu versorgen; wir haben einiges vor. Schlägt man nun den Weg ins Dorfinnere ein, findet man schnell Hinweisschilder, die zu einer Strecke führen, die sich bewandern lässt.

Etwas über 6 km lang soll die empfohlene Rundstrecke sein, eine Tour, die sich im Frühjahr oder Herbst anbieten würde. Jetzt, in der sommerlichen Hitze, reduzieren wir unser Ziel. Der Weg ist anfänglich von dichten Pflanzen gesäumt und pittoresken, alten Häusern, teils verfallen, teils noch bewohnt. Nach etwa 10 Minuten erreichen wir die erste Station, eine kleine, neuzeitlich wirkende, weiße Kirche. Weiter geht es, den Wegweisern folgend. Was wohl am meisten beeindruckt, sind die zahlreichen, knorrigen Olivenbäume um uns herum, die einige hundert Jahre auf dem Buckel haben mögen und offensichtlich immer noch Früchte produzieren.

Ohne Schwierigkeiten erreichen wir die 2. Station, die kleine, aus Natursteinen gebaute Kirche aus dem 11. Jahrhundert, Georgios Diasoritis. Schattig, unter Bäumen gelegen, bietet sich die Lokalität für eine Rast an. Doch zunächst besichtigen wir das kleine Heiligtum. Der Innenraum ist mit Fresken und ikonenhaften Darstellungen, dekoriert, fast 1.000 Jahre alten Bildern, die man – oh Wunder – sogar fotografieren darf. Wir erinnern andere Orte, wo sehr viel hartleibiger der Einsatz von Kameras in Innenräumen streng untersagt ist.

Zur 3., der ältesten byzantinische Kirche auf dieser Tour, der Apostoli Metochiou aus dem 10. Jahrhundert, brauchen wir noch einmal rund 10 Minuten. Über Wirtschaftswege, dahinter Gärten und Felder, und schließlich durch einen Abschnitt, der wie ein trockenes Flussbett wirkt mit einem Dach aus Zweigen und Sträuchern, ist sie recht leicht zu finden. Natur und Landschaft gehen mit dem Kirchenbau eine harmonische Verbindung ein, die so wohl nur auf griechischen Inseln noch besteht.

Zurück in Chalki finden wir durch das Gewirr an Gassen überraschend schnell die Platia, das merkantile und gastronomische Herz des Ortes. Eine gut besuchte Taverne, wo schon um die Mittagszeit duftende Fleischspieße über offenen Feuerstellen gebraten werden, lockt Gäste an. Auch das Cafe nebenan wirkt einladend und die kleinen Andenkenläden animieren zum Einkauf. Ganz oben auf unserer Agenda steht allerdings der Besuch der Brennerei Vallindras. Gleich hinter dem Platz ist der Zugang zum Gebäude. Produziert wird hier seit mehr als 100 Jahren der berühmte Kitro, ein Likör, der ausschließlich auf der Insel hergestellt wird. Das Besichtigen ist frei und startet beim großen kupfernen Kessel der Brennerei, der den musealen Schauraum dominiert. Selbstverständlich werden bei Vallindras echte Proben verkostet und noch selbstverständlicher: im klassisch dekorierten, urigen Verkaufsraum, lässt sich der Kitro käuflich erwerben.

Nicht weit von Chalki, etwas weiter nördlich auf dem Weg Richtung Moni, lohnt sich ein Halt bei einer der ältesten Kirchen in ganz Griechenland, der Panagia Drosiani.

Bitte auf die Hinweisschilder achten, ab einem bestimmten Punkt ist die direkt über der Verbindungsstraße liegende Kapelle nämlich nicht mehr zu sehen, sie verschwindet im toten Winkel einer Kurve. Die Entstehung dieser Kirche ist übrigens auf das 6. Jahrhundert datiert und sie befindet sich in einem hervorragenden baulichen Zustand. Auch wenn man kein studierter Kunsthistoriker ist, wird man sich an der Anlage und den innenseitigen Dekorationen erfreuen können, der Gesamteindruck ist überwältigend.

Der Berg Zas schiebt sich bei unseren Fahrten immer wieder ins Gesichtsfeld und die Überlegung, einmal zur Spitze zu wandern, ist eigentlich gar nicht so abwegig. Die 1.000 Höhenmeter sind machbar, allerdings ist ein heißer Sommermonat dafür der am wenigsten geeignete Zeitpunkt. So bleibt es beim Schauen, fabulieren und der Konzentration aufs nächstliegende, nämlich den Besuch von Filoti. Näher dran am Berg ist kaum ein Ort.

Parken können wir an der langen Durchgangsstraße, die durch den Ort läuft. In einem Lokal lassen wir erst einmal das Flair des Ortes auf uns wirken. Der griechische Kaffee, der wie türkischer Mokka aussieht und genauso schmeckt (darf man das eigentlich laut aussprechen?) ist in der Hitze des Mittags ein guter Treibstoff für die Besichtigungen, die wir noch vorhaben.

Die meisten Geschäfte finden wir in der ersten Reihe: Bäcker, Supermarkt, griechische Tante-Emma-Läden, die Bank mit dem ATM und einen kuriosen Krimskramhändler, der Holz- und Eisenwaren sowie ein Sammelsurium seltsamer Waren anbietet, die wir aus unseren Breiten gar nicht mehr kennen. Der Händler ist superfreundlich, erlaubt neugierigen Besuchern, sich alles detailliert anzuschauen, ohne Kaufzwang. Aber natürlich erstehen wir einige Kleinigkeiten für zuhause.

Eine ordentliche Besichtigung verdient die prächtige Panagia Filotitissa, zu der wir über die breite Treppe hinaufschreiten. Pietätloses Sprinten wäre in der Hitze ohnehin nicht angesagt.

Von dort aus durchstreifen wir die Gassen, die sich parallel zur Hauptstraße über mehrere Ebenen ziehen, verbunden durch steile Passagen mit Stufen. Als ob es den Tourismus gar nicht gäbe, finden wir eine verträumte, inselgriechische Idylle, spielende Kinder, die uns anstaunen, Alte die uns grüßen, wundervolle Fassaden und überraschende Durchblicke auf die hügelige Landschaft, gegenüber von Filoti.

Gut lässt sich von Filoti aus der Wag nach Apiranthos finden, einfach der Gebirgsstraße folgend, den Zas rechter Hand liegen lassend, durch die Kurven gleitend. Oft lassen wir uns vom Panorama der unter uns liegenden Ebene und dem gebirgigen Horizont überzeugen, spontan anzuhalten, steigen aus und genießen die Gegend.

An einer besonders ausladenden Kurve bietet an ambulanter Händler Spezialitäten an. Wir kaufen frischen Honig sowie geröstete, mit Sesam bestreute Erdnussbällchen… besser als im Supermarkt.

Hingucker sind die weißen Kirchen, es muss unzählige davon geben: schneeweiß, in die Landschaften gesetzt, mitten in den Orten oder hoch thronend auf Bergkuppen. Das ist einfach Griechenland pur. Wären wir als akribische Church-Spotter unterwegs, bräuchten wir wohl doppelt so langen Urlaub wie veranschlagt.

Apiranthos, das bergig gelegene Dorf, ist eines der ältesten auf Naxos und Anziehungspunkt für Touristen. Marmorgepflastert sind die Straßen dort, verspricht unser Reiseführer, alles soll so sorgfältig restauriert sein, dass bereits 1988 die Auszeichnung als „Kulturelles Dorf Griechenlands“ verliehen wurde. In der Tat ist bereits der Anblick aus der Ferne vielversprechend. Ein Gewirr von blühend weißen Häusern, in die hügelige Umgebung hinein konstruiert, das wirkt durchaus sympathisch.

Aus der Nähe offenbart sich Apiranthos als Tourismus-Hotspot. Der Parkplatz ist groß genug, auch große Busse unterzubringen, viele Besucher stürmen den Ort schon früh am Tage. Nichts hier wirkt zufällig sondern das meiste scheint bewusst kalkuliert, abgestellt auf „die richtigen“ Effekte: herausgeputzte Boutiquen, stylische Restaurants. Wenig eigentlich, was richtig authentisch scheint, weil der griechische Alltag kaum spürbar ist. Ja, es ist makellos schön, aber wir lassen das Städtchen schnell hinter uns, artifizielle Prospektansichten sind nicht das, was wir suchen.

Unterwegs sein in der Mitte von Naxos, das lässt sich auf jeden Fall ausbauen, am besten in den Monaten, die wanderfreundlicher sind als der heiße Sommer. Touren in die aufregende Umgebung gibt es genug und Sehenswertes erst recht.

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