HafenCity Hamburg

Wie viele Häfen in allen Teilen der Welt, erlebt auch Hamburg, dass die traditionelle Hafenwirtschaft, wie wir sie aus Shanties und von Postkarten kennen, einer knallharten Industrialisierung ausgesetzt ist. Die Kais, wo früher Hafenarbeiter Säcke und Kisten per Hand verladen haben, wo Matrosen beim Ablegen ein „Junge, komm bald wieder“ zu hören bekamen, sind modernen Containerterminals gewichen. Handelsschifffahrt ist heute unromantisch und nach eiskaltem, betriebswirtschaftlichem Kalkül organisiert. Spektakulär sind nur noch die Anblicke der immer größer werdenden Frachter und natürlich die Kreuzfahrtschiffe. Viele Hafenstädte haben aus der Not eine Tugend gemacht und die brachliegenden, herkömmlichen Hafenbereiche in die städtische Nutzung zurückgeholt.

Das Londoner Vorbild der Docklands blieb von den politischen Steuerleuten der Hansestadt unter Bürgermeister Henning Voscherau nicht unbemerkt, die dann in den 1990er Jahren die denkwürdige Entscheidung trafen, den Grasbrook komplett neu zu bebauen. Das Projekt HafenCity ward geboren und wurde nach dem ersten Spatenstich am 9. April 2001 schrittweise umgesetzt. Ja, damit ist dieses Projekt im Sternzeichen des Widders geboren und damit zielstrebig, mutig, belastbar, direkt – aber auch aufbrausend, ungeduldig und ein wenig rücksichtslos.

Nachdem die HafenCity zeitweise Europas größte Baustelle war, ist dieser neue Stadtteil inzwischen konkret erlebbar; die meisten Teile sind fertig gestellt. Sogar die Elbphilharmonie, die sich in den letzten Jahren zur Geissel des Hamburger Haushalts entwickelt hatte, steht kurz vor ihrer Vollendung.

Das entstandene Areal ist nicht zu verfehlen, liegt es doch, nur durch eine Wasser-/Straße getrennt, direkt neben der alten Speicherstadt, die, inzwischen schmuck renoviert, der Besuchermagnet im Hafen ist.

Akzentuiertere Gegensätze als hier sind kaum vorstellbar. Speicherstadt, das ist gediegene, Backsteinarchitektur des 19./20. Jahrhunderts; ein durchaus funktional konstruierter Lagerhauskomplex, der gleichwohl auf Türmchen und Giebel nicht verzichten musste, Pflastersteine und geschwungene Brücken. HafenCity, das ist kühne, ungehemmte Bauästhetik, die sich nicht ökonomischen Zwängen unterwerfen muss und sich auf die Herausforderung einlässt, sich mit der internationalen Konkurrenz zu messen.

Schon die Entstehung beider Hafengebiete ist unterschiedlicher, wie so kaum sein könnte. Für die Speicherstadt wurden ab 1883 gewachsene Wohngebiete abgerissen, um Speicherkapazitäten zu schaffen. Für die HafenCity wurden Hafenanlagen zu Lifestyle und Wohnzwecken umgewidmet. Was auf der einen Seite historisch gediegene Industrieromantik ausstrahlt, präsentiert sich wenige Schritte gegenüber als modernes Wohnquartier und Stilmix. Traditionalismus vs. Futurismus komplettieren sich aber und bieten dem Besucher vor allem optische Perspektiven, die ein echtes Erleben vermitteln.

Jeder Paradigmenwechsel ruft natürlich – immerhin sind wir in einer altehrwürdigen Kaufmannsstadt – auch Kritiker auf den Plan. Damals, vor knapp 20 Jahren, unkten sie, dass alle Planungen für die HafenCity der Anfang vom Ende seien, ein städtebaulicher Ausverkauf. Im Nachhinein sollten sie einsehen, sich geirrt zu haben. Sicher, es sind Wohnungen entstanden, die wunderschön anzusehen, aber mit Quadratmeterpreisen bis zu 35.000 € betongewordener Wahnsinn sind. Hier mal zum Vergleich: in New York bezahlt man dafür in vergleichbarer Lage noch wahnsinnigere 100.000 $!

Aber es geht nicht ums Erwerben, bummelt man über die Promenaden, sondern ums Sehen und Genießen, vergleichbar einem modernen Museum, mit Exponaten, die für den Normalo ohnehin nie erreichbar sind. Und ob ein Leben auf Balkonen und Terrassen, unter den Augen von tausenden von Besuchern auch für Menschen ohne exhibitionistische Neigungen erstrebenswert ist, bezweifeln wir.

Flanieren auf dem Grasbrook. Vor 600 Jahren versuchte das auf dem damals noch als Hinrichtungsplatz genutzten Areal Klaus Störtebeker. Der Legende nach wurde dem zum Tode verurteilten Freibeuter angeboten, dass alle Kumpane, an denen er ohne Kopf noch vorbei laufen könne, begnadet werden sollten. Die Annalen vermerken, dass es der stolze Pirat geschafft haben soll, noch an 11 Männern vorbei zu schreiten, bis ihn der Henker zum Stolpern brachte. Und natürlich galten Zusagen schon damals kaum etwas, wenn sie nicht schriftlich beurkundet worden waren. Alle 73 Männer wurden hingerichtet.

Der Flaneur von heute findet das Denkmal Störtebekers noch auf dem Grasbrook. Nicht als trotzigen, stolzen Aufrührer und Robin Hood des Nordmeers, sondern als Gefangenen. Die Hände gefesselt, über dem zur Enthauptung dargebotenen Hals ein geschorener Kopf. Das passt gut zu den Pfeffersäcken der Hanse, die keine 10 Minuten entfernt an einem Eingang zur Speicherstadt, dem Verkünder des Seelenheils, St. Ansgar, und dem Begründer des Reichtums, Kaiser Barbarossa, der den Hamburgern die lukrativen Stadtrechte einräumte, sehr viel schmeichelndere Andenken errichtet haben. Wer mehr über den Mythos Störtebeker, Schrecken der Hanse und die freibeuterische Vitalienbruderschaft wissen möchte, kann das hier tun http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=1147

Über Störtebeker thront das sehenswerte Internationale Maritime Museum, eingerichtet im ältesten noch erhaltenen Silo der Stadt, dem Kaiserspeicher B. Das 10 Stockwerk hohe Gebäude ist an zwei Seiten von Wasser umgeben und war damit von den kleinen Transportbooten, die für den Warentransport eingesetzt wurden, gut erreichbar. Die Fassade mit ihren Giebeln und Spitzbögen begründt bereits den typischen neugotischen Stil der „Hannoverschen Schule“, wie wir ihn heute in der Speicherstadt gegenüber bewundern.

Am anderen Ende, an der Spitze des Kais zur Elbe, stand auf dem ehemaligen Kaiserhöft das Gegenstück, der Kaiserspeicher B.                 Kaispeicher B, Foto von ca. 1900, Fotograf unbekannt

Kaiserspeicher A, Foto von ca. 1900, Fotograf unbekannt

Der Westturm war lange Jahre das imposante Wahrzeichen des Hafens. Heute befindet sich hier die Elbphilharmonie, der eindrucksvolle Konzertsaal, der über dem, im Krieg zerstörten Speicher konstruiert wurde. Keine Frage, auch wenn die Planung und Umsetzung dieses Projekts die Hansestadt recht strapaziert hat, hier ist unübersehbar ein neues     Wahrzeichen entstanden. Eine grandiose Synthese von Alt und Neu, ein Meisterstück der Ingenieure und Architekten.

Zwischen den Kaiserspeichern A und B erstreckt sich das derzeitige Hauptgebiet der HafenCity. Und das wächst und gedeiht prächtig. Kneipen, Galerien siedeln sich an, Kunst und kreatives Gewerbe. Natürlich auch Firmen, die etwas mit Logistik zu tun haben oder sich die teure, exquisite Lage leisten können.

Auch „Migranten“ aus St.Pauli, wie Harrys Hafenbasar mit all seinen Kuriositäten, hat es hierher verschlagen.

Harrys Basar, benannt nach dem Mann, der als Matrose über die Jahre eine eindrucksvolle Sammlung an Souvenirs und exotischen Seltsamkeiten zusammen getragen hat, war ursprünglich in einem Kellergewölbe unter der Reeperbahn angesiedelt. Eine Art Luftschutzkeller, mit vielen Gängen und Winkeln. Dort stellte er die abgefahrendsten Artikel vor, die seinerzeit noch problemlos am Zoll eingeführt werden konnten. Sachen die er selbst in fernen Ländern gefunden hatte, oder sich von anderen Seeleuten mitbringen ließ, wie ausgestopfte Reptilien, Musikinstrumente, Hieb- und Stichwaffen und natürlich die echten Schrumpfköpfe vom Amazonas. Besichtigungen waren umsonst und als Heranwachsender in Hamburg war es einem klar, dass Harrys Ausstellung viel spannender war als jedes Museum. 1996 übergab Harry das Geschäft an seine Tochter. Die Enkelin verkaufte den Handel weiter und schließlich musste der Basar umgesiedelt werden. Die Einnahmen deckten nicht mehr die Miete an der Reeperbahn. Nun hat der Basar im Rumpf eines Schwimmkranes in der HafenCity, an den Magellan-Terrassen einen Ankerplatz gefunden, in gebührender maritimer Lage, kurz vor dem Geschichtshafen.

„Der Mix macht es“, wirbt ein Radiosender in Hamburg und das könnte auch als treffende Beschreibung für die HafenCity gelten. Verkehrsmäßig gut erschlossen, die U-Bahn Linie 4 dockt an den Bezirk, bieten die Wege an den Fleeten Aussichten und Plätze zum Chillen. Stehen und Schauen geht genauso wie sitzen auf Treppen und Planken und sogar Liegen auf hölzernen Ebenen am Ufer. Eine weise Einrichtung, sicher auch für die Studenten und Profs der HafenCity Universität, die hier prächtige Chancen finden, Vorlesungspausen in bester Umgebung zu verbringen.

Was hier entstanden ist, braucht sich nicht zu verstecken. Das hier ist hanseatisch gelebter Internationalismus. Das Tor zur Welt, wie Hamburg sich immer gerne nennen ließ, wirkt authentisch. Lokalen Patriotismus überwindend hat man Straßen, Wege und Brücken weltmännisch benannt. Den Portugiesen, als den großen Seefahrern Respekt erwiesen und sogar mutig entschieden, Mahatma Gandhi zu würdigen, was immer er für die Seefahrt geleistet haben mag, er war eben ein ganz Großer der Weltgeschichte.

Noch wuseln und werkeln die Baufirmen, konstruieren immer neue Gebäude, Zufahrten und Anbindungen an den Süden über der Elbe und ins Stadtgebiet. Wahrscheinlich ist auch geplant, den Überseekai aufzuwerten, der für die Kreuzfahrschiffe reserviert ist und derzeit neben den futuristischen Anlagen zwischen den Kaiserspeichern noch relativ kümmerlich und spießig anzusehen ist. Wer weiß, wohin dann der View Point wandert, der bereits mehrmals seinen Standort wechselte, um Besuchern zu allen Bauabschnitten einen optimalen Blick auf den Baufortschritt der HafenCity zu ermöglichen. Wenn dann noch mit Glück gerade ein gigantisches Passagierschiff an der richtigen Stelle dümpelt, dann wäre alles perfekt.

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