Monywa

Die Stadt am Chindwin zu besuchen, entscheiden wir relativ spontan. Wir haben gute Gründe, dort gibt es Sehenswürdigkeiten, die auch für Myanmar nicht selbstverständlich sind. Tatsächlich besuchen derzeit relativ wenig Ausländer Monywa, viele, die wir unterwegs getroffen haben, sprechen von anderen Zielen.

Einiges von dem, was wir erkunden wollen, liegt außerhalb. Am einfachsten dort hinzukommen ist mit dem Taxi. Wir buchen, verabreden einen frühen Start und stehen vor dem ersten Problem: Wie stimmt man sich mit einem Fahrer ab, der genau so gut Englisch spricht, wie wir birmanisch? Letztlich entsteht aus dieser Situation eine Gesprächsbeziehung auf pantomimisch, die dann sogar geschlagene 6 Stunden funktioniert.

Mynamars wirtschaftliche Stärke beruht auch auf seiner Rolle als Rohstofflieferant. Dass Konstellationen, bei denen fremde Volkswirtschaften ein Land als eigene Bonanza ausbeuten, höchst riskant sind, wird deutlich, fährt man von Monywa ins Land hinaus. Wir passieren ein Gebiet, wo Kupfer aus dem Boden geholt wird. Leider keine überraschende Erkenntnis: Ein paar Menschen haben es geschafft, zum Mond zu reisen, andere sind erfolgreich darin, Mondlandschaften auf unsere Erde zu holen. Im Minengebiet steht kein Baum mehr, kein Grashalm. Hütten gibt es hier, wohl von Minenarbeitern auf öden Abraumflächen, dazwischen spielen Kinder. Restaurierung der Zerstörungen sehen wir nirgends.

Auch das Schicksal der Teakholzwälder scheint düster: Geschlagen, von Ästen befreit, ohne Rinde in industriell nutzbare Portionen verwandelt, lagern Unmengen von toten Stämmen in der Landschaft. Wir hoffen, dass es noch Chancen gibt, das Allerschlimmste zu verhindern.

Wir erreichen die Hpo Win Daung und Shwe Daung Höhlen. Eine schmale Treppe führt vom Eigang hinunter zu den Schreinen und Andachtsstätten. Alle Strukturen sind in den Sandstein hinein gearbeitet. Das wirkt fast wie Petra, im kleinen natürlich. Der Gründer dieses als Kultstätte verehrten Ortes war auch als Heiler berühmt. Die verkaufstüchtigen Birmesen nutzen dieses Andenken heute durch den Verkauf von Mittelchen und Tinkturen. Auf Tischen sind die Flaschen mit den seltsam wirkenden Inhalten ausgebreitet. Dr. Eisenbart lässt grüßen.

Aber offen für alles, werden wir das austesten. Wir erwerben für ungerechnet 70 Cent eine Flasche, deren Inhalt wie Eierlikör aussieht und nach Tigerbalm riecht. Das Zeug ist aufzutragen, verrät uns die Verkäuferin. Ok, Versuch macht kluch. Wir werden berichten, wie unser Test verläuft.

Die Besichtigung geht weiter. In die Felsen hineingehauen sind Buddhafiguren, Malereien, dekorative Verzierungen. Das alles sind übrigens „shoe no“ Zonen. Manchmal für uns unsichtbar grenzen sie jede verehrungswürdige Stätte von der normalen Welt ab. Übertreten wir so eine Grenze, erschallt der Warnruf. Sich einem „shoe no“ zu widersetzen, würde einen Volksaufstand provozieren. Unser Rundgang führt uns vorbei an dem riesigen Relief eines weißen Elefanten. Etwas später säumt ein gigantischer Fels-Frosch den Weg. Dann, eine Etage höher mit Blick in die Schlucht, entdecken wir eine Hommage an den berühmten Golden Rock. Kleiner als das Original ist diese Kopie, aber gut gelungen.

Unser Fahrer befördert uns zur nächsten Anlage. Der Besucherandrang ist hier deutlich höher. Vielleicht hat das mit den Affen zu tun, die hier scheinbar alles belagern. Fast jeder der Besucher versorgt sich bei den Händlern mit Proviant: Bananen, Kleingemüse, Tüten mit Nüssen. Nicht für den Eigenverzehr, wie wir sehr bald feststellen, sondern als Tribut für die Affen. Wenn sie ihre Rationen eingrapschen, kommen die Menschen an der wilden Horde vorbei. Das scheint der Deal zu sein.

Wir passieren hier größere Höhlen, die von den gläubigen Besuchern für Gebete und sakrale Riten genutzt werden. Sogar Frauen dürfen hier Goldblättchen an Buddhafiguren kleben. Anderswo ist das ein Männerprivileg.

Im Windschatten folgen wir auf dem Weg in die höheren Etagen den anderen Besuchern. Nutzen, dass sie uns den Weg mit Lebensmittelspenden affenfrei halten. Passieren dabei Höhlen und Gruften, die in Felsen gearbeitet wurden. Reich dekoriert, spannend anzusehen – und natürlich mit „shoe no“ Pufferzonen geschützt. Des ständigen Schuh-aus / Schuh-an überdrüssig, haben wir unsere anbehalten, die meisten Innenbereiche sind von außen gut einsehbar.

Mittagszeit. Wir erreichen den Po Khaung Hügel am anderen Ende der Stadt. Das Areal dort gleicht einer Art Jurrasic Park. Buddha ist das Thema. Entweder als Garten, wo zwischen 1.000 Bodhibäumen unzählige Buddafiguren aufgestellt sind, oder als Riesen-Bhuddas. Stehende, sitzende, liegende Giganten. Um einmal die Dimensionen deutlich zu machen, sei ein Vergleich gestattet: Der stehende Buddha in Monywa misst satte 116 m Höhe. Dagegen wirkt die Christusstatue in Rio, die gerade mal schlappe 30 m hoch ist, wie ein Gnom.

Warum baut man solche Giganten, fragen wir uns. Wir kennen den Buddhismus als vergeistigte Philosophie, eher sachlich, als auf Materielles fixiert, die eigentlich ganz gut auf goldene Kälber verzichten kann. Hier in Myanmar erhalten wir ein anderes Bild. Wir beschließen, jemanden zu finden, der das erklären kann.

Zum Abschluss unserer Besichtigungstour fahren wir zur Thanboddhay-Pagode. Zwei riesige, weiße Elefanten bewachen den Eingang. Dahinter liegt eine Pagode, die stilistisch ganz anders wirkt, als alles, was wir bisher gesehen haben. Stupas über Stupas türrmen sich auf, verschachtelt über mehrere Terrassen. Indisch intensiv die Farbgebung.

Das augenfälligste aber sind die kleinen Buddhafiguren die in den Stupas aufgereiht sind. Auch auf Mauersimsen stehen sie, an den Außenfassaden und wie wir gleich sehen in den Innenbereichen.Vom Boden bis zur Decke: kleine Buddhafiguren. Eine halbe Million mindestens. Es gibt jemand, der sie gezählt und inventarisiert hat, die Zahl 582.357 wird als echter Wert kolportiert.

Wir haben viel gesehen, an diesem Tag. Die Fahrt durch die Straßen lässt nichts von der Hektik erkennen, die wir aus Mandalay kennen. Grün ist die Stadt am Chindwin und einladend. Zwei Tage sind wohl nicht genug. Wir sind bestimmt nicht zum letzten Mal hier.

Wie wir hier herkamen, könnt ihr hier nachlesen.