Bhitarkanika

Ankunft nach einer anstrengenden Fahrt in Bhitarkanika, im Nordosten Odishas. Ein erster üblicher Blick auf die digitale Karte sagt: Google maps und maps.me kennen diese Gegend nicht. Demnach müssen wir im Niemandsland sein. Dafür sieht es allerdings sehr angenehm aus: Wasserläufe, viel saftiges Grün, sympathische Dörfer, saubere Lehmhäuser mit Schilf gedeckt, dazwischen spielende Kinder, Kühe und Kleinvieh.

Unsere Unterkunft, eine kleine Hotelanlage, mit dem Anspruch Öko-Resort zu sein, liegt zwischen zwei Dörfern und in einem Funkloch, das unsere Kommunikation mit dem Rest der Welt für die nächsten Tage auf nahezu Null zurückfahren lässt. Von hier aus werden wir die Umgebung kennenlernen.

Wer nach Bhitarkanika findet, ist vor allem am Nationalpark interessiert. Er umfasst nahezu das gesamte Gebiet um die Mündungen der Flüsse Dhambra und Brahmani, mit Mangrovenwäldern, Sümpfen und Wasserlandschaften.

Wir verabreden eine geführte Bootstour in Verbindung mit einer Wanderung durch einen Mangrovenwald. Pünktlich bringt uns ein Tuktuk zum Haupteingang des Nationalparks, der eigentlich ganz unspektakulär wirkt. Kopien von Reisepässen und Visa werden verlangt sowie 4 Passbilder, wozu auch immer, schließlich bewegen wir uns nach wie vor auf indischem Territorium. Der Eintritt, den wir bezahlen, ist genauso unspektakulär, gute 50 Cent pro Person. Dafür ist die Gebühr für eine Kamera mit umgerechnet 2,00 € deutlich teurer. Erstaunlich: Inländer und Ausländer zahlen hier dasselbe, ein Tarifmodell, mit dem wir leben können, das aber in Indien seltene Ausnahme ist.

Hinter dem Ranger-Häuschen finden wir einen Landungssteg, an dem mehrere Boote vertäut sind. Außer uns gibt es so früh keine weiteren Besucher, so besteigen wir zu zweit den größten, schätzungsweise 12 Meter langen Kahn und nehmen auf dem Oberdeck Platz. Mit an Bord sind unser Guide, der Schiffsführer und ein junger Mann, der ebenfalls als Guide und Helfer fungiert.

Um zu den Wäldern zu kommen, fahren wir flussabwärts. Das Wasser fließt ruhig, auf dem Boot spüren wir keinerlei Strömung. Die gelbliche Brühe ist schlammig und undurchsichtig. Manchmal kräuselt sich die Oberfläche, Fische vermuten wir, Schildkröten oder Krokodile. Tatsächlich ist der Nationalpark, durch den wir gerade fahren, berühmt für seine Tierwelt, die Reptilien und Amphibien im Wasser, eine bunte, laute Vogelwelt in den Lüften und die Tiere des Waldes, meist bedacht, sich zu tarnen und zur Flucht bereit.

Wir scherzen erst „da schwimmt ein Baum”, aber wenn Du genauer hinschaust…, ist es immer noch ein Baum, aber dann entdecken wir die Krokodile. Unsere Guides sind geübter, rufen, wenn sie eines erspähen und zeigen uns, wo wir hinschauen müssen. Kleinere Tiere sind um diese Zeit unterwegs, später gegen Mittag auch die größeren Exemplare, die sich im Uferschlamm sonnen oder auf Beute lauern. Schwimmende Krokos sind nahezu perfekt getarnt. Meist sieht man von ihnen gerade mal die Augen über Wasser, bevor sie sich wie ein Torpedo absenken und verschwinden.

Unsere ständigen Begleiter sind Eisvögel, in allen Farben, auch Ibise, Reiher und storchähnliche Vögel, sogar Adler. An den Ufern sichten wir jetzt auch vereinzelt Rehe. Die Natur ist intakt in diesem Park, der übrigens müllbefreit ist, eine Rarität in Asien. Die Wildnis wirkt sehr entspannt, Vogelrufe erfüllen die Luft, manchmal erreichen uns Plätschergeräusche aus dem Fluss. Die Vegetation tut ein übriges dazu, die Flussfahrt zu einem Erlebnis zu machen. Abgestorbene Stämme ragen aus dem Fluss oder Bäume, von denen nur die Kronen über Wasser sind. Überhaupt, Mangroven sind, wenn man nur europäische Waldformationen im Kopf hat, schon recht exotisch.

Nach 75 Minuten Fahrt legen wir an einem Holzsteg an. Von hier ab geht es zu Fuß weiter, über einen Pfad, der manchmal breit wird wie eine Allee. Selbst hier läuft uns ein recht großes Krokodil über den Weg, auch Warane und vor allem viele Rehe. Später treffen wir noch auf kleine Wildschweine und natürlich Affen. Unsere Tour führt direkt vorbei an einer riesigen Brutkolonie mit hunderten von Ibisen, Reihern und Störchen. Sie lärmen, kreisen über den Bäumen, manche mit Nestmaterial im Schnabel. Nicht vorstellbar, was hier los sein wird, wenn erst der Nachwuchs geschlüpft ist.

Von hier aus führt der Weg durch dichten Mangrovenwald, der auf uns sehr fremd wirkt. Die Vegetation, mit Wurzeln und Gewächsen, die wie Kerzen aus dem sumpfigen Boden treiben, dazwischen abgestorbene Bäume und knorriges Buschwerk, ist eine seltsame Szenerie. Viele Krabben oder Krebse sieht man am Werkeln und Herumwuseln. Da werden Tunnel gebohrt und Türmchen aufgehäuft, kleine Fluchtburgen, die sofort aufgesucht werden, wenn sich ein Feind oder nur ein neugieriger Betrachter – wie wir – näher kommt. Recht werden sie haben, sich bedeckt zu halten; sie haben zweifelsohne einen privilegierten Platz auf der Speisekarte der brütenden Vögel, vielleicht auch der Warane und Wildschweine.

Der 6 km lange Rundweg führt uns nach eineinhalb Stunden zurück zum Boot. Viel haben wir gesehen, aber das ist noch nicht alles. Auf der Rückfahrt stoppen wir beim Haltepunkt Dangmal. Zu Fuß marschieren wir zu einer Station, wo Jungkrokodile aufgezogen werden, bis sie groß genug sind, ausgewildert zu werden. In einem kleinen Museum bekommen wir einen Eindruck, wie groß diese Tiere werden können, man zeigt uns Skelette von wahren Giganten, die hier gefunden wurden. Schulklassen werden gerne hierher gebracht. Die Station bietet anschaulichen Naturkundeunterricht und Gelegenheit, sich mit ausländischen Besuchern aufnehmen zu lassen. Wir werden natürlich spontan zur Fotosession geladen und dürfen dann 40 Kinderhände schütteln.

Unser Ausflug ist auf seine Art einzigartig; wir erinnern kaum einen Park in Indien, der mit so einer Artenvielfalt aufwarten kann wie Bhitarkanika. Zurück am Ausgangspunkt unserer Exkursion, die 5 Stunden dauert, spendiert unser Guide jedem eine frische Kokosnuss.

Das haben wir uns verdient, wir waren aufmerksame, begeisterte Gäste. Der Gesamtpreis, inklusive aller Leistungen beträgt für uns rund 45 €. Die Kosten relativieren sich natürlich, wenn mehrere Leute sich Fahrt und Führung teilen.

Der Guide, den uns das Hotel zur Seite gestellt hat, bietet an, sein Dorf, Nalipatatia Village, zu besuchen; gern nehmen wir an. Wir können es zu Fuß aufsuchen, über eine gemütliche, kleine Landstraße.

Die Bewohner der Lehmhäuser, interessieren uns. Am Eingang des Dorfes gibt es einen geschmückten, bunten Schrein. So, wie bei uns die Dörfer um die Kirche gebaut werden, schaffen sich die Menschen hier ihren spirituellen Anlaufpunkt.

Das Dorfleben findet auf der Straße statt. Da finden sich die Bewohner, steht das Vieh, tummeln sich die Kinder. Die meisten Gebäude sind traditionell aus Lehm, abgedeckt mit Schilf, die Wände zum Teil mit feinen Malereien dekoriert. Strom gibt es, die Leitungen verlaufen offen, fließend Wasser nicht, dafür eine Reihe von Brunnen mit manuellen Pumpen. Wir kommen an mehreren kleinen Läden und Kiosken vorbei; sogar eine Schule gibt es, der Lehrer ist anwesend und begrüßt uns. Keine Dekoration, sondern Energieträger sind die Kuhfladen, die zum Trocknen am Straßenrand ausliegen.

Unsere Anwesenheit erzeugt keinen Volksauflauf, sondern nur eine gedämpfte Aufmerksamkeit. Das beruhigt, wer steht schon gerne als exotisches Objekt im Fokus. Ins Haus einer Frau, die wir schon im Hotel gesehen haben, werden wir hinein gebeten. Stühle werden bereitgestellt, Tee angeboten. Eine jüngere Frau begrüßt uns mit Kniefall und berührt dabei unsere Füße. Während ich warte, besorgt Christiane beim Laden um die Ecke Kekse und Bonbons für die Kinder. Der Tee schmeckt seltsam gewürzt und etwas salzig, aber wir schlucken brav. Ob zur Zubereitung Kuhurin verwendet wird, finden wir nicht heraus. Alles ist möglich, Incredible India. Zum Abschied reicht die jüngere Frau jedem von uns einen frisch gerollten Betelpfriem. Der Gast ist König und steckt sich die Betelrolle in den Mund, oder lehnt dankend ab, wie der weibliche Part unseres Teams.

Und wie finanziert sich das Leben hier? Auch das ist unübersehbar. Neben der Landwirtschaft nutzen die Menschen die Chance, in großen Becken, die parallel zum Fluß angelegt sind, Fische, Krebse und Krabben zu züchten. Die Produktion ist nicht industriell, sondern passt zum Naturschutzgedanken der Region. Tatsächlich ist die Luft hier sauberer als in den Städten und Müll verschandelt nicht die Umwelt.

Die dörfliche Umgebung, in der wir für einige Tage sind, verschafft uns eine angenehme Bequemlichkeit außerhalb der Hektik indischer Städte, um Texte zu verfassen und vor allem die vielen Fotos auszusortieren und zu bearbeiten, die sich inzwischen angehäuft haben. Sozusagen das i-Tüpfelchen unseres Aufenthaltes aber ist, wir können hier laufen. Frühmorgens zwar und bereits unter schweißtreibenden Bedingungen, jedoch treffen wir hier nur einen Hund, der meint, uns verbellen zu müssen. Die wenigen Leute, denen wir zu der frühen Zeit auf der Straße begegnen, sind zu verblüfft, um unseren Gruß zu erwidern.

Hier haben wir übernachtet, im Estuarine Village Resort.

2 Gedanken zu „Bhitarkanika

  1. Was für ein geiler Trip! Und wie immer tolle Fotos und Impressionen.
    Sag mal hatte das eine Krokodil einen abgebissenen Schwanz?!
    Das sieht alles noch so untouristisch aus, genau so lieben wir es auch zu reisen und uns Orte anzuschauen.

    Liebe Grüße und weiterhin eine gute Reise

    Alex

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