Bukit Lawang

Geben wir es zu: Jeder, der diesen Ort am Fluss Bahorok im Norden Sumatras besucht, hat eigentlich nur eines im Sinn, nämlich Orang Utans zu sehen. Nicht wie im Zoo in einem Gehege, sondern in ihrer natürlichen Umgebung. Bukit Lawang existiert, weil es Touristen gibt, und das ist gut so. Vor einigen Jahren gab es hier ein Rehabilitations-Zentrum für Menschenaffen, wo Orangs, die als Babies von ihren Müttern geraubt und verkauft waren, wieder an ein Leben in Freiheit gewöhnt werden sollten. Die Station gibt es heute nicht mehr, aber es gibt die Orang Utans und zwar im angrenzenden Schutzgebiet, einem großen Regenwald, der in weiten Teilen noch in seinem ursprünglichen Zustand belassen ist.

Das Dorf liegt zu beiden Seiten eines wilden Flusses und wurde im Jahr 2003 von einer gewaltigen Flutwelle fast ausgelöscht. Über 200 Menschen verloren damals das Leben, auch Touristen, und fast die gesamte Infrastruktur wurde platt gemacht. Seither wurde wieder viel aufgebaut, nicht protzig sondern eher bescheiden, aber durchaus mit Stil. Es gibt gute Hotels, Restaurants, wo es sich gut sitzen und speisen lässt, und, wie nahezu überall in Indonesien, viele freundliche Menschen.

Von den verschiedenen Touren, die angeboten werden, wählten wir eine zweitägige, mit einer Übernachtung im Dschungel. So eine Tour hat ihren Preis, aber im Nachhinein betrachtet, war sie jeden Cent wert. Außerdem sind solche Preise nicht in Marmor gehauen, es gibt immer auch einen gewissen Verhandlungsspielraum, den wir genutzt haben.

Unsere Sorge galt eher dem Wetter. Am Tag unserer Ankunft hatte es geregnet und Unterwegssein im Regenwald bei Regen klingt zwar witzig, ist es aber nicht. Rutschiger Untergrund kann einem die Freude ganz schön verderben. Wir hatten Glück, der Morgen begann zwar mit einem nassen Schauer, aber pünktlich zum Start verzogen sich die Wolken. Jeder von uns ausgerüstet mit einem kleinem Rucksack für Utensilien die man auch im Regenwald braucht (Zahnbürste, Klopapier etc.), trafen wir unsere Guides Anzala und Helmi. Das empfohlene Regenzeug hatten wir bewusst weggelassen. Bei einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von permanenten 95% ist es eh wurscht, ob es regnet, nass wirst du immer.

Unsere kleine Gruppe bestand neben uns beiden noch aus einem holländischen Paar, einem jungen Japaner und den  Guides. Einer immer an der Spitze, der zweite immer am Ende, darauf achtend, dass niemand verloren ging.

Über den Weg nur soviel und das gilt für die gesamte Strecke: Manchmal geht es härter zur Sache, dann wird es steil und schlüpfrig, eng oder auch so dicht, dass man gebückt gehen muss. Es wird sogar an einigen Stellen richtig anstrengend und kräftezehrend, aber im Rückblick bleiben die Erinnerungen an die tollen Sichtungen viel stärker im Gedächtnis haften, als die erduldeten Mühen.

Natürlich gehört der Regenwald nicht den Orang Utans alleine. Tiger soll es hier geben, Leoparden, Rehe, Schlangen, Echsen und natürlich alle möglichen Affenarten. Wir trafen zuerst auf eine Gruppe Thomas-Languren, die es übrigens nur hier im Norden Sumatras gibt. Witzige Frechlinge, schwarz-weiß gefärbt mit einem auffälligen Schopf, der aussieht wie eine Irokesenfrisur und tolle Kletterer.

Auch wir waren nicht alleine unterwegs. Manchmal trafen wir andere Wandergruppen. Eigentlich kein Problem, der Urwald ist ja für alle da, aber leider gibt es auch immer wieder Leute, die so lautstark unterwegs sind, dass sich die Tierwelt noch tiefer in den Wald flüchtet. Wenn man, wie wir das Pech hat, auf so einen Trupp zu treffen, hilft nur eines: möglichst schnell wieder einen ausreichenden Abstand zu bekommen. Dank unserer Guides war das gut zu schaffen.

Unser erster Orang Utan war ein Weibchen mit ihrem kleinen Sohn, der um seine Mutter herum mit fantastischer Akrobatik in den Zweigen hing und Kunstturnen in seiner besten Form vorführte. Die Tiere sind ausgesprochen friedlich und halten es aus, Menschen bis auf kurze Distanz an sich herankommen zu lassen.

Beim nächsten Orang waren wir eher auf einen guten Sicherheitsabstand bedacht. Ein mächtiges männliches Exemplar, mit einem riesigen Kreuz und gewaltigen Armen, geschätzte Spannbreite wohl 2 Meter. Auch er wirkte gelassen, führte im Baum hängend im Zeitlupentempo eindrucksvolle Posen vor, nach dem Motto „ich zeig euch mal, wie ein X aussieht“. Irgendwann ließ er sich auf den Boden herunter, um ein Stück zu Fuss zu gehen. Es gab niemanden, der nicht bereitwillig so einer imponierenden Gestalt  den Weg frei gemacht hätte.  Obwohl, je weiter er sich entfernte, umso mehr erinnerte er an einen gigantischen rotgefärbten Flokati. Und wer fürchtet sich schon vor einem Teppich.

Insgesamt 10 oder 11 Orang Utans trafen wir über den Tag verteilt. Eine Begegnung mit Mina, einer Orang-Utan-Dame, die wegen ihrer Verhaltensauffälligkeiten inzwischen sogar über den Dschungel hinaus berühmt oder berüchtigt geworden ist, blieb uns erspart. http://www.themorningnews.org/article/queen-of-the-jungle Dort, wo sie regelmäßig auftaucht, war sie an diesem Tag nicht zu finden. Aber: sie lebt, das ist verbürgt.

Wir trafen dafür auf einen angemessenen Ersatz. Unser Picknick um die Mittagszeit, bei dem uns die Guides auch ein Reisgericht und leckeres Obst auf Bananenblättern reichten, muss einen Baboon inspiriert haben, sich zu nähern. Er war einfach da und seine Mimik sagte eindeutig, dass er mit uns teilen wollte. Obwohl der Knirps gerade mal so hoch war, wie meine Kniescheibe vom Boden entfernt ist, beeindruckte er uns. Wer legt sich schon gerne mit einem unterbelichteten, gnomenhaften Muskelpaket an, mit Reisszähnen grosß wie bei einem Leoparden. Er bekam seinen Tribut und trollte sich.

Irgendwann am Nachmittag dann die frohe Botschaft: der nächste Abstieg sollte der letzte sein, für diesen Tag. Der hatte es allerdings in sich: durchgeschwitzt und klatschnass, kein Kleidungsstück, das nicht triefte, ging es über eine steile Wand 250 Meter nach unten zum Ufer des Flusses. Dort waren auch die Dschungelcamps aufgebaut. In unserem Fall ein  regendichtes Dach, mit Seitenwänden, ausgestattet mit Moskitonetzen, Isomatten und Decken. Es gab auch eine Küche mit Feuerstelle und irgendwo sogar ein Depot mit Bier. Und dann hieß es nur noch, ab zum Fluss, um im erfrischend kühlen, reissenden Wasser zu planschen bis zur totalen Entspannung.

Hatte ich schon erwähnt, dass unser Camp ein eigenes Maskottchen hatte? Einen schätzungsweise 175 cm langen Waran, der ganz offensichtlich hier sein Revier hatte mit  Lieblingspfaden, die direkt an unserer Küche vorbei über unsere Matten führten. Vielleicht verschwand er sogar dahin, wo Besucher sich in den Busch zurückziehen, wenn sie Klopapier in die Hand nehmen.

Abends gab’s in unserem Dschungelcamp ein konservatives, tolles Essen mit verschiedenen Gängen. Keine Maden, Spinnen oder Frösche, sondern Reis, Nudeln, diverses Gemüse und Obst. Und bis zum Einschlafen, Spaß zusammen mit den Guides. Schlafen unterm Moskitonetz im Regenwald ist weniger  abenteuerlich als es klingt und kaum so geräuschvoll wie erwartet. Wer mit dem ununterbrochenen Rauschen eines Flusses im Hintergrund schlafen kann, findet durchaus einen erholsamen Schlaf.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, schlenderten wir ein kurzes Stück flussaufwärts zu einer kleinen Bucht, in der sich ein kleiner Wasserfall und verbarg.  Was gibt es schöneres als Morgendusche, als sich das erfrischende Wasser aus den Felsen, direkt auf den Leib prasseln zu lassen.

Die Überraschung des Tages war die Bestätigung, dass unser Rückweg nicht zu Fuß durch den Urwald führen sollte, sondern über den Fluss, in großen Schläuchen, die zu einem Floß verbunden waren. Also wildes Rafting zum Dorf. Wildwasserfahrten sind nicht jedermanns Geschmack und auch wir waren anfangs eher skeptisch als begeistert. Wir wurden bald eines besseren belehrt. Das Rafting war eine echte Spaßfahrt und unsere Guides schafften es sehr professionell, unser Gefährt ohne Kollision durch die Stromschnellen zu steuern.

Nach dem Trekking gönnten wir uns einen zusätzlichen Erholungstag in Bukit Lawang. Der Ort lädt zu gemütlichen Spaziergängen ein und verführt zum Wohlfühlen. Es gibt Stationen, die man ungern hinter sich lässt. Bukit Lawang war für uns so eine.

Was uns unterwegs auffiel und wie wir hierher kamen.

Dieser Beitrag nimmt an der Blogparade „Bedrohte Reiseziele“ von Comfortzoneless teil

Rettet den Regenwald, stoppt die kriminellen Brandstifterfirmen! Hier gehts zur Petition.

Unser Tipp für Bukit Lawang: Wir haben im Hotel Orangutan übernachtet!

Medan, Samosir / Lake Toba,