Trekking bei den Toraja

Obwohl wir immer dazu raten, möglichst viel auf eigene Faust zu unternehmen, empfiehlt es sich in bestimmten Situationen, mit einem kundigen Guide unterwegs zu sein. Mehrtägige Touren in unbekannten Regionen, zu denen keine detaillierten Wanderkarten vorliegen, ganz allein zu unternehmen, sind zwar spannend, oft aber mehr Stress als Spaß. Vor allem, wenn man in Gegenden unterwegs ist, wo Wegweiser und Distanzangaben so häufig sind wie ein weißer Rabe.

Jetzt, wo wir die bekanntesten Sehenswürdigkeiten im Kernland von Tana Toraja gesehen haben und uns bis zum Abflug ein paar Tage Zeit bleibt, überlegen wir, noch eine längere Wandertour zu machen. Was wir herausfinden ernüchtert uns. Die Preise für Guides sind total überzogen. Benchmark ist ja nicht das europäische Honorarniveau, sondern die lokale Einkommenssituation. Leider ist das Preiskartell der Guides in Rantepao wie einbetoniert. Keine Chance, den Berechnungsmodus zu korrigieren. Das Honorar steigt mit Anzahl der Teilnehmer, obwohl die Leistung des Guides nur unterproportional zunimmt und die Provision, die beim vermittelnden Wirt hängen bleibt, lässt sich auch nicht einsparen.

Vor die Alternativen gestellt – “bleiben lassen” oder “trotzdem tun” – entscheiden wir uns für die “trotzdem”- Option. Wir wandern 2 Tage im Westen von Rantepao, dort ist es bergig und die Landschaften sollen schön sein. Der Guide Amos bekommt von uns für jeden Tag 70 €. Darin sind wir all-inclusive dabei: d.h. Die Fahrten, Verpflegung und eine Übernachtung sind im Preis enthalten.

Unsere Wandertour beginnt nach einer Anfahrt mit dem Bemo in Madandan. Die Namen einiger Ortschaften können wir notieren, aber letztlich ist die genaue Route im Gedächtnis von Amos hinterlegt. Wie jeder Guide hat er seine Lieblingsstrecke, die auf keiner Karte eingezeichnet ist. Aus der Sicht von maps.me sieht das etwa so aus:

(Die Markierung ohne Namen ist das Haus, wo wir übernachten. Die Bezeichnung “Dorf” stimmt vielleicht, wenn die nächsten Generationen sich dort ansiedeln.)

Die Tour bietet eine Wanderung durch Reisterrassen, dicht bewaldete Gebiete, Dörfer, über asphaltierte Straßen, Schotter-Chausseen, Waldwege, kaum erkennbare Trampelpfade und An- bzw. Abstiege über steile Talwände.

Wir erleben traumhafte Panoramen, haben oft freie Sicht, hinab auf Reisterrassen bis zum Horizont, der durch eine Bergkette abgegrenzt ist. Viel Grün und nochmals Grün in allen Facetten, vormittags vor blauem Himmel. In den dschungelartig, dicht bewachsenen Wäldern staunen wir über riesige Bambushaine und Palmengewächse mit weit ausladenden Staudenblättern.

Nach 2 Tagen Wanderung können wir uns als Spezialisten in Sachen Reisanbau bezeichnen. Wir verfolgen Felder in jedem Stadium, angefangen von der Anlage, bei der halbe Berge platt gemacht werden, zum Teil unterstützt durch Bagger, wo auch immer diese hergekommen sein mögen. Wir sehen die Vorpflanzungen, wo die Reisbüschel noch dicht zusammen stehen, bevor sie zerteilt und mühsam, in händischer Arbeit als Stecklinge eingesetzt werden. Wir sehen trockene und wir sehen geflutete Felder. Nicht genug damit, Teile unserer Tour führen direkt durch die Terrassen. Das klingt romantisch, ist aber anstrengend genug. Das Gelände ist nass, schlüpfrig, schlammig und die einzelnen Ebenen sind nicht durch bequeme Stufen verbunden, sondern müssen über Abbruchkanten erreicht werden. Oft rutschend, oder mit einem Sprung auf schwammigen Untergrund.

Die Ästhetik des coolen Wanderns bleibt auf der Strecke, wenn die Schuhe durchnässt und alles was darüber ist, mit Schnodder bedeckt ist. Das ist Dir irgendwann egal und eigentlich hoffst Du nur noch, dass die Technik, die Du im Tagesrucksack trägst oder um den Hals baumeln hast, die Tour einigermaßen heil überlebt.

Waldwege scheinen erholsamer, allerdings nur, solange man sie nicht benutzt. Durch den Regen, dem die Landschaft regelmäßig ausgesetzt ist, ist der lehmige Boden durchnässt und extrem rutschig. Egal, ob Du gerade aufsteigst, egal ob Du absteigst, das Risiko, hinzuschlagen ist immer bei Dir. Das verlangsamt jedes Vorankommen, der raumgreifende Wanderschritt wird durch kleinkarriertes Trippeln ersetzt.

Spannend sind die Abkürzungen. 2 Stunden Umweg lassen sich einsparen, steigt man von der Straße hinab ins Tal, um ganz unten die wackelige Brücke aus 2 quer gelegten Bambusstämmen zu überqueren und… um mühsam wieder nach oben zu kraxeln. Selbstredend bewegt man sich auch hier durch viel Feuchtigkeit über glatte Erde und Steine.

Die Hitze, gepaart mit einer Luftfeuchtigkeit die gegen 95% geht, macht das Vorwärtskommen nicht leichter. Jede Aktion treibt den Schweiss literweise aus den Poren. Bald ist alles an Dir nass. Das Gemenge aus Transpiration und Niederschlag umhüllt den Wanderer wie eine Dunstglocke. Während Deine Kleidung schwerer wird, reduziert sich die Last auf Deinem Rücken, wo Du mehrere Liter Trinkwasser im Rucksack schleppst. Bei jedem Stopp leeren wir eine Halbliterflasche kaufen sogar Ersatz, wenn wir einen Kiosk entdecken.

Erholung erfahren wir zwischendurch auf gemäßigten Straßen, ohne Steigung und mit einigermaßen griffigem Untergrund.

Gottseidank gibt es hier keine wilden Tiere. Aber auch die halbzahmen können eine Plage werden. Büffel etwa, diese riesigen Fleischberge. Massen an Muskeln, strunzdumm und angriffslustig, wenn es gerade nicht sein soll. Eine Unart in dieser Gegend ist es, die Büffel anzubinden und dabei den Strick so lang zu lassen, dass das Tier locker den Weg in ihrer ganzen Breite kontrollieren kann und wenn es schlecht drauf ist, in beide Richtungen 25 Meter zum Spurten hat.

Meist schicken wir den Guide vor. Meist signalisiert er uns, dass der blöde Fleischkoloss schwer einzuschätzen sei. Das bedeutet, Straße hinabklettern dahin, wo es unwegsam ist, vorbeipirschen und außer Reichweite wieder auf Straßenniveau hochklettern. Irgendwann wünscht jeder Wanderer den Büffeln eine Einladung zu einer Beerdigungszeremonie an den feisten Hals.

Der beste Freund des Menschen betätigt sich hier als Besucherradar. Jedes Haus beherbergt 2 bis 3 dieser fiesen Kläffer, Hunde einer undefinierbaren Rasse, die alle den selben Stammvater hatten. Sie verbellen jeden Wanderer, der nur in die Nähe eines Gehöfts kommt. Diese Petzerei nervt, sie versetzt Dich in Alarmbereitschaft und Du brauchst wenigstens einen vollen Tag, um zu begreifen: Hunde die bellen, beissen nicht. Den Arm ansatzweise zu erheben, als ob man zum Steinwurf ausholt, genügt in aller Regel um die bellende Meute zu verjagen.

5 Stunden Wanderung am ersten Tag, und wir fühlen uns wie Überlebenskämpfer, sehen und riechen wahrscheinlich auch so. Trotzdem werden wir in dem einsamem Haus aufgenommen, das wir kurz vor Einsetzen des Regens ansteuern. Hier übernachten wir in einem authentischen Homestay, in einem der typischen Toraja-Häuser. Wir treffen auf einfache, freundliche Menschen. Das Familienoberhaupt, ist ein Mann, der bereits die 80 überschritten hat. Seine Frau ist um die10 Jahre jünger. Unter dem Dach des Tongkonan leben 4 Generationen, insgesamt 14 Personen.

Wir bekommen Tee und Kaffee angeboten, verspeisen das mitgebrachte Essen. Unser Zimmer ist bescheiden mit einem Holzbett eingerichtet. Wir finden Wolldecken, ein Deckenlicht und sogar eine Steckdose, die funktioniert. An den Wänden unzählige Haken, davon könnte sich manche Unterkunft eine Scheibe abschneiden. Nach einem faulen Nachmittag, einem Abendessen, bei dem sogar eine Flasche Guinness auftaucht, geht’s früh zu Bett. Wir kennen solche rustikalen Unterkünfte von Trekkingtouren in den Bergen Nepals, auch die im gleichen Standard gebauten sanitären Verschläge. Einfach, aber sauber.

Der zweite Tag der Tour verläuft ähnlich wie der erste. Wir folgen dem Guide, wissend, dass es Richtung Rantepao geht und wieder sind wir gute 5 Stunden auf den Beinen, unter Bedingungen und in einer Umgebung, wie am Vortag.

Eine Trekkingtour in Tana Toraja hat wenig mit dem zu tun, was wir aus Nepal oder dem indischen Himalaya kennen. Sie bietet eigentlich nichts, was sich nicht bereits auf kleinen, selbstorganisierten Tagestouren erleben lässt. Auch im Rückblick ist das Abenteuer zu teuer. Nice to have? Das sollte jeder für sich entscheiden.

Makassar, Bira, Sengkang, Tana Toraja

2 Gedanken zu „Trekking bei den Toraja

  1. Tolle Bilder und eine schöne Tour!
    Wir würden auch gerne in dieser Gegend eine Trekkingtour machen, da wir aber mit drei Kindern unterwegs sein werden, finde ich die Preise auch indiskutabel. Sieht so aus, als müssten wir ein wenig Zeit investieren und unsere eigene Tour planen:-( Wir haben das bei der Besteigung des Gunung Sibayak
    http://scenic-world.net/tanz-auf-dem-vulkan/
    auch so gemacht und unsere Tour mit komoot.de geplant. Hat eigentlich ganz gut geklappt. Wir haben aber daraus gelernt, dass man das Klima und der Untergrund nicht außer Acht lassen darf, da verschätzt man sich manchmal gewaltig.

    • Danke für Deinen Besuch.

      Tatsächlich ist die Eigenorganisation von Touren eine gute Alternative. Meist machen wir es auch so, nur in Ausnahmefällen, wenn wir kein gutes Kartenmaterial haben, oder die Gegend sehr unübersichtlich ist, gestatten wir uns den Luxus eines Guides. Manchmal sind solche Begleitungen ja auch vorgeschrieben. Mit der Menge der Reisen wächst natürlich auch die Erfahrung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Wissen, wo die persönlichen Grenzen liegen.

      Gruss
      Christiane & Aras

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