Hue

Natur ist das eine, was uns bei Reisen interessiert, aber wir sind auch ganz gerne in spannender, urbaner Umgebung. Wenn es dazu noch Kultur und Historie zum Anschauen gibt, sind wir meist rundum zufrieden. Hue, vormals Hauptstadt Vietnams, als es dort noch einen Imperator gab, liegt günstig auf unserer Route und hat einen guten Ruf, jedenfalls in unseren Reiseführern. Die Anreise mit dem Zug (hier zum nachlesen) gehört diesmal dazu, Eisenbahnen erzählen ja eine ganze Menge über ein Land und die Mentalität seiner Bewohner.

Gut, Hue hat also einen Bahnhof, ziemlich dicht am Zentrum der Stadt. Eine wichtige Information für uns, denn in einigen Tagen geht es weiter; dann wollen wir über den Wolkenpass weiter Richtung Süden. Eine Fahrt, die landschaftlich viel verspricht. Aber nun sind wir erst mal in Hue und es regnet, so wie der Reiseführer es prophezeite. Hue liegt nämlich an einer Wetterscheide, die fast ganzjährig humide Monate erzeugt, mit einer beachtlichen Niederschlagsmenge von 3031 mm im Jahr. Zum Vergleich, unser regnerisches Hamburg schafft in 12 Monaten gerade mal läppische 770 mm. Wir werden uns nie wieder beklagen.

Städte erkunden wir am liebsten zu Fuß und Hue bietet sich dafür an, obwohl viele Straßen gerade im abtörnenden Baustellen-Look erscheinen, aber das ist landesüblich. Für unsere Erkundung besorgen wir uns zunächst im “Mandarin Café” in der 24 Tran Cao St., die Gratis-Karte “A Walking Tour of Hue”. Später buchen wir dort auch eine Fahrt zu den Gräbern außerhalb der Stadt und zwar deutlich günstiger als unser Hotel sie anbietet.

Alles, was wir in den nächsten Tagen unternehmen, bewegt sich dann zwischen blitzartigem Ausnutzen von Regenpausen, strategischen Ausflügen, für die Regenjacken und der Hotelschirm gerade noch ausreichen, und dem besonderen Quäntchen Glück, das uns einige längere, trockene Perioden beschert. Ja, wir haben auch einen voll verregneten Tag, den wir im Zimmer verbringen und nutzen, um Blogtexte zu konzipieren und Bilder zu bearbeiten.

Der Einstieg in die Fußbesichtigungen ist einfach. Unser Hotel liegt in einer Seitenstraße der “Le Loi” die parallel zum Perfume River verläuft. An der Hauptstraße schlendern wir entweder auf der Seite mit den Läden oder gegenüber an der Wasserseite, durch den Park. Der ist immer gut für Kontakte, alle 5 Meter wirst Du gefragt, ob du eine Bootsfahrt willst oder mit dem Moped nach sonst wohin. Wir schlendern immer noch, vorbei am kolonialen Hotel Saigon und queren die Trang Tien Brücke, die mit ihren 100 Jahren selbst eine Attraktion ist, zum anderen Flussufer.

Gleich rechter Hand und leicht zu finden liegt der Dong Ba Market, ein Mix aus Wochenmarkt für frische Lebensmittel sowie Markthallen mit Textilien und Krimskrams an Haushaltswaren. Nervig, sogar bei Regen, sind allerdings die Motorräder die selbst hier überall drängeln.

Zu Fuß erreichbar sind die Zitadelle und die “Verbotene Purpurne Stadt”, der ehemalige Kaiserpalast, der seit 1993 zum Weltkulturerbe gehört und ähnlich konstruiert ist, wie die Anlage im fernen Peking. Als Eintritt zahlen wir 150.000 Dong pro Person. Der Palast – im Aufbau eher schlicht – wurde während des Vietnam-Krieges stark beschädigt und ist immer noch nicht ganz wiederhergestellt.

Was uns hier zum ersten Mal auffällt, ist die besondere Technik der reliefartigen, dekorativen Wandbilder. Erst beim genauen Hinschauen ist erkennbar, dass alle aus kleinen Porzellanscherben zusammengesetzt sind. Für den Besuch der Verbotenen Stadt sollte man drei Stunden einplanen; wir haben allerdings einiges ausgelassen, weil das Wetter an diesem Tag einfach zu schlecht war.

Zurück auf der europäischen Seite des Flusses bummeln wir während unseres Aufenthalts öfter durch’s Viertel. Die Infrastruktur bietet alles: Hotels jeder Preisklasse, Restaurants und Pubs, sogar kleine Bierdörfer, Reisebüros und eine Menge Läden und Boutiquen. Oft sind die Straßen voll, da kommt gelegen, dass an den Wochenenden abends der motorisierte Verkehr ausgesperrt ist. Angesagt ist die permanente Partystimmung, Karaoke bis zum Abwinken inklusive. Musik wummert aus fast allen Lokalen, fast wie auf der Khao San Road in Bangkok.

Entlastend für die Stadt, aber umständlicher für uns Besucher, ist ein Besuch der Kaisergräber in der Peripherie von Hue. Wie auch immer, es lohnt diese Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, entweder indem man sich einer Tour anschließt oder sich einen Wagen mit Fahrer mietet. Tatsächlich finden wir über das Mandarin Café einen Privatwagen, der die mehrstündige Rundfahrt für 30 $ mit uns macht. Das ist günstig und bringt uns mehr, weil wir das Tempo der Tour selbst bestimmen. Das Unvermeidliche, nämlich einen ungeplanten Einkaufshalt erleben wir zwar auch, wir stoppen an einem Laden, wo Räucherstäbchen gerollt werden, aber dabei bleibt es. Der Fahrer registriert, dass wir keine Lust auf Shopping haben und verzichtet auf weitere Unterbrechungen.

Drei Gräber besichtigen wir an diesem Tag, allen gemeinsam ist der Eintritt, der jedesmal in Höhe von 100.000 Dong pro Person fällig wird. Das wird bei den kollektiven Bustouren nicht anders sein und ist entweder im Paket enthalten oder gesondert bereitzuhalten.

Der Bestattungskult, dem wir diese Sehenswürdigkeiten verdanken, beruht auf dem Brauchtum, das alle Potentaten aktiv für sich reklamierten und produzierte recht unterschiedliche Grabstätten. Es reicht also nicht zu sagen: kennt man das eine Grab, weiß man, wie die anderen aussehen.

Tu Duc, der Kaiser mit der längsten Regierungszeit, plante seine Begräbnisstätte zu Lebzeiten selbst. Die große Anlage, ausgestattet mit weltlichen Gebäuden sowie Pagoden, war während ihrer Erbauung bereits umstritten, weil dafür zusätzliche Steuern erhoben wurden. Angeblich wurde Tu Duc schließlich an einem anderen Ort bestattet, der geheim ist. Alle 200 Arbeiter, die davon wussten, wurden vorsorglich geköpft und bis heute ist das eigentliche Grab unbekannt.

Im Erfinden von Steuern waren frühere Herrscher nicht weniger kreativer als moderne Regierungen.

Kaiser Khai Dinh besaß Macht und Frechheit, die Abgaben seiner Untertanen um satte 30% anzuheben, nur um damit den 11 Jahre dauernden Bau seines Mausoleums zu finanzieren. Dieses Grabmal, ein Stilmix aus westlicher und asiatischer Architektur, ist zwar kleiner als das seiner Vorgänger, aber weitaus protziger gestaltet. So etwas gab’s auch damals nicht umsonst, wie gut, dass man als Kaiser dann an der Abgabenschraube drehen kann.

Wir sehen noch ein drittes Grab, das des Kaisers Minh Mang. Ein Zauderer, der es nicht schaffte, seine letzte Ruhestätte noch zu Lebzeiten vollenden zu lassen. Immerhin hatte er die Vorstellung, sie nach chinesischem Vorbild zu konzipieren, also konfuzianisch. Daraus entstand eine Komplex aus Denkmälern, Gärten, Statuen und einem See von Lotusblüten. Noch heute tummeln sich darin Schwärme von Zierkarpfen, die fordernd das Maul aufreißen, wenn Besucher auftauchen. Das Grabmal des Minh Mang wurde übrigens von seinem Sohn fertiggestellt. Nicht alleine natürlich, 10.000 Handwerker und Künstler übernahmen den Löwenanteil der Arbeiten.

Die schönste Sehenswürdigkeit, die wir ansteuern ist weder ein Grab, noch muss man für die Besichtigung Eintritt löhnen. Gemeint ist die Thien-Mu Pagode mit Kloster und ihr Wahrzeichen, der Phuroc Duyen Turm. Wer will, kann sich von Hue aus mit einem Drachenboot hierher fahren lassen; die Pagode liegt dicht am Ufer des Parfümflusses und bietet von der Wasserseite einen tollen Anblick.

Der alte Turm am Eingang mit seinen 7 Stockwerken, der höchste seiner Art in Vietnam, ist wirklich ein Blickfang, kein Wunder, dass die Treppe davor für Shootings mit Modellen und Hochzeitspaaren ständig belegt ist. Obwohl das Kloster noch in Gebrauch ist, darf man überall herumgehen, die Mönche stören sich nicht an den Besuchern. Besinnlich ist es dort und – Gartenfreunde werden es lieben – viele Bonsaibäumchen sind geschmackvoll rundherum drapiert.

Ganz ungewöhnlich für diese Umgebung ist das kleine englische Auto, das in einer Garage ausgestellt ist, ein alter Austin, mit einer Fotografie. Sie zeigt den Mönch Thich Quang Duc, der sich am 11.06.1963 in Saigon aus Protest selbst verbrannte. Und mit diesem kleinen Auto war er seinerzeit von diesem Kloster aus zur Selbstverbrennung gestartet. Wer noch mehr dazu wissen möchte, kann es hier nachlesen.

Für Hue, so wie wir es erleben, genügen 2 Tage. Wir selbst sind etwas länger dort, was zum einen dem Regen geschuldet ist, zum anderen dem Spaß , wieder einmal in einer bunten, lebendigen Stadt unterwegs sein zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.