Avignon und Pont du Gard

Sur le pont d‘Avignon…“, das Volkslied, das vielleicht die Hälfte aller Deutschen anstimmen könnte, liegt einem spontan auf der Zunge, erreicht man den mächtigen Brückenbau Pont du Gard. Nur sind wir aber nicht in der Papststadt an der Rhône, sondern in einem Tal des Flusses Gardon und vor uns liegt ein Aquädukt altrömischen Ursprungs, unter dem es sich zwar tanzen ließe, aber heute nur fotografiert.

Der Zugang zum Objekt des Staunens ist heutzutage streng reglementiert. Das Gebiet um den Aquädukt ist als UNESCO Weltkulturerbe in eine Art Freiluftmuseum eingebettet, vor dessen Betreten zur Kasse gebeten wird. Allerdings ist die Eingangskontrolle irritierend. Fast freiwillig geht jeder Besucher in den Kassenraum hinter dem Parkplatz und löhnt sein Ticket, 8,50 € pro Person, Studierende zahlen nur 6,00 €. Im Ticket enthalten ist ein Parkbillet, das wir aufbewahren, um bei Abfahrt die Schranke öffnen zu können. Aber seltsam, es gibt keine Stelle, an der die Tickets kontrolliert werden. Theoretisch hätte es genügt, wenn nur eine Person Eintritt zahlt und wir anderen auf lau mitgehen. Egal, es wird schon einen Sinn machen.

Dort, wo früher eine kleine Autostraße am Fluss vorbeiführte, ist heute eine Fußgängerzone. Die eindrucksvolle Brücke taucht nach wenigen Schritten hinter der Kurve des Kassenbereichs auf und verschlägt dem Besucher erst mal den Atem: 275 Meter lang, mit 3 Etagen, fast 50 Meter hoch und mächtigen Rundbögen. Schautafeln und Erklärungen auf dem Gelände beschreiben die Konstruktion mehrsprachig. Die Entstehung wird auf das 1. Jhdt. nach Chr. datiert. 1.000 Handwerker arbeiten 3 Jahre am Bau, mit Kränen, Meißeln, Schaufeln und Wasserwaage – aber ohne Mörtel. Fertiggestellt, werden dann jeden Tag 20.000 Kubikmeter Wasser transportiert, ausreichend für die römische Siedlung Nemausus (das heutige Nîmes). Irgendwann im Laufe der Zeiten wird die Wasserleitung wegen mangelnder Pflege unbrauchbar und der Pont du Gard reduziert auf seine Brückenfunktion. Erst im 18. Jhdt. werden bauliche Erneuerungen angefügt und die Pfeiler instand gesetzt.

Wie imposant das Bauwerk heute noch für uns ist, wird deutlich beim Überqueren. Klein wirken die Menschen im Vergleich und wohl jeder hier bewundert die Baukünste der alten Römer, die sich hier verewigt haben. An den Ufern des Flusses unter der Brücke nutzen die Besucher den schönen Tag für diverse Aktivitäten. Boote werden zu Wasser gesetzt, es wird gepaddelt und geplanscht oder einfach nur in der Sonne ein kleines Picknick abgehalten. Die Szenerie dieses Ausflugsortes ist toll, lockt Jung und Alt, Singles, Familien und ganze Wandergruppen an.

Auf der gegenüberliegenden Seite angekommen, suchen und finden wir einen Rastplatz mit Aussicht auf die Brücke und genießen unsere Sandwiches vor dieser kulturhistorisch einmaligen Kulisse.

Gestärkt machen wir uns auf zur Fahrt zur nächsten Brücke. Die ist zwar nicht so imposant wie der Pont du Gard, dafür wurde ihr ein Volkslied gewidmet, das sie tatsächlich weltberühmt macht: Pont Saint-Bénézet, bekannt auch als Pont d’Avignon, in Avignon, die einen Teil der Rhône überspannt.

Spätestens beim Besuch Avignons wird auch denen, die im Geschichtsunterricht abgelenkt waren klar, dass das frühe Papsttum sich nicht auf den Vatikan in Rom reduzieren lässt, denn ab dem 14. Jhdt. war Avignon für rund 120 Jahre ein offizieller, ständiger Papstsitz.

Von mittelalterlich anmutender Atmosphäre bekommen wir als Reisende mit dem Auto schon bei der Anfahrt einen geballten Eindruck mit. Der historische Kern von Avignon ist mit einer fast intakten Stadtmauer umgeben, so versuchen wir erst gar nicht, in die Altstadt hineinzufahren, sondern lassen uns in ein unterirdisch angelegtes Parkdeck leiten, das so schaurig wirkt, als sei es bereits von der heiligen Inquisition im Mittelalter angelegt worden. Zurück an der Erdoberfläche finden wir schnell den Eingang in das prächtige altertümliche Zentrum Avignons. Bunte Läden, Restaurants und eine lockere, aber auch touristische Umgebung empfangen uns. Auch hier bewegen wir uns in einem UNESCO Weltkulturerbe. Dieses Avignon überzeugt auf Anhieb als künstlerisches und kulturelles Zentrum, in dem es Spaß macht, sich erst einmal treiben zu lassen, bevor es an das Pflichtprogramm geht.

Pflicht, wir sind ja keine Kulturbanausen, ist auf jeden Fall eine Besichtigung des Papstpalastes. Wir sind natürlich nicht die einzigen Besucher an diesem Tag, die sich dieser Visite unterwerfen.

Ein Pulk von Wartenden im Eingangsbereich bestätigt, das Interesse ist groß. Auch hier ist der Besuch nicht gratis. Eintritt: 10 € pro Person! Dafür bekommen wir einen elektronischen Begleiter, in Form eines Tablets mit Kopfhörern, Sprachversion deutsch. Die Ausrüstung ist perfekter als jeder Guide, auch wenn dadurch wieder eine Berufsgruppe in die Arbeitslosigkeit verbannt wird, von der man meint, sie sei unersetzlich. Aber welcher Führer wiederholt seinen Text schon so oft, bis ihn auch jeder verstanden hat, geht noch einmal zurück, vertieft seine Ansprache auf Nachfrage, produziert virtuelle dreidimensionale Räume historisch genau und bietet außerdem ein Gewinnspiel, das Papst-Quiz? Letzteres sollte man unbedingt bereits ab dem ersten Besuchspunkt aktivieren, wer erst später anfängt, hat schon verloren, weil ihm die nötigen Punkte fehlen

Der Palast der Päpste ist beeindruckend. Beim Verfasser dieses Berichtes löst er tiefe Nachdenklichkeit aus, weil an kaum einem anderen Ort so drastisch verdeutlicht wird, wie mächtig, wie unermesslich reich und wie allgegenwärtig die Institution Kirche im Mittelalter war. Selbstüberzeugter, einschüchternder Auftritt einer Religion, die sich noch über den weltlichen Herrschaften als Kraft installierte, an der es kein Vorbeikommen gab. Die französische Revolution kommt einem in den Sinn, die Bewegung der Aufklärung, die Frankreich radikal säkularisiert hat, konsequenter übrigens als jemals in Deutschland.

Länger als geplant durchwandern wir den Papstpalast mit seinen Sälen, geheimen Schatzkammern, mit den persönlichen Bereichen von hochrangigen Verwaltern und Pontifexen. Zwar fehlen die Möblierungen, aber das Tablet zeigt uns, wie das Innere hergerichtet war, sogar opulente Großküchen werden lebendig.

Der Rundgang endet, wir geben unsere Technik zurück. Zu einem Gewinn im Papst-Quiz hat es leider nicht gereicht, zu spät entdeckten wir den Spielebutton. Der Weg nach draußen mündet, auch das ist nicht spezifisch katholisch, in einem Schau- und Verkaufsraum. Hindus und Buddhisten handhaben es ja ähnlich. Hier ist alles Papst, der Bleistift, die Kerzen, die Stoffe mit den Wappen, Heiligenbildchen und Porträts der Kirchenfürsten, sogar die Schokolade und der Kaffee. Wer‘s mag, der bediene sich. Wir steuern noch ein letztes Mal durch die historischen Gassen und erlösen unser Auto aus der 5. Etage der Parkplatzkatakomben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.