Du weisst, dass Du in Frankreich bist…

Mit unserem Nachbarn Frankreich verbinden wir höchst biografische Erlebnisse, die sogar Jahrzehnte zurückreichen. Sei es die Teilnahme am Programm des DFJW – diese trockene Abkürzung steht für „Deutsch Französisches Jugendwerk“ – seien es Erfahrungen als migrierte Angestellte und der Tätigkeit für Firmen in Frankreich. Beides prägt, das eine weniger, das andere mehr. Wenn wir heute Frankreich bereisen dann, weil wir mit französischer Lebensart immer noch ausgesprochen sympathisieren und das Land vieles hat, was das Leben einfach schöner macht.

Vertrauliche Nähe gewährt ganz oft auch den Blick auf Eigenheiten die einem seltsam erscheinen. Etwas wirklich zu lieben bedeutet ja nicht bedingungslose Schönfärberei, sondern ebenso die Akzeptanz von Schwächen, die man erst auf den zweiten und dritten Blick entdeckt. Dabei die Perspektive des Nicht-Franzosen beizubehalten ist ja nichts Schlimmes, oder anders gesagt: „Honi soit qui mal y pense“.

Anknüpfend an unsere Reihe „Du weißt, dass Du in… bist“ erlauben wir uns, diese Orientierungshilfe für die Grande Nation fortzusetzen.

Du weißt also, dass Du in La France bist, wenn…

  • das Baguette, das Du in der Bäckerei kaufst, die hier Boulangerie heißt, beim Aufschneiden genauso fantastisch schmeckt, wie es aussieht. Mag Deutschland das Land der 1.001 Brotsorten sein, das Baguette bekommen nur die Franzosen hin. Und wo sonst wird ein Brot so geschickt in einen schmalen Papierstreifen gewickelt, dass kein Stäubchen Mehl an dir hängen bleibt, wenn Du das Baguette – wie jeder Franzose – unter den Arm klemmst und “Non, je ne regrette rien” pfeifend zum Frühstück schlenderst.

  • wenn Dir mitten im Dorf bedächtig konzentrierte Menschen auffallen, die mit Metallkugeln werfen, um hernach verschmitzt in einen kleinen Freudentanz auszubrechen oder sich grummelnd zur Seite zu stellen. Das sind die Boule-Spieler, die nahezu überall eine Spielfläche finden, um sich im geselligen Präzisionswerfen zu präsentieren, denn meist sind sie von vielen Zuschauern umringt.

Wenn ein Wurf besonders gelingt, gibt es Applaus und geht der Wurf daneben, harsche Selbstkritik oder einen Hinweis, dass der Sand heute besonders viel Reibung erzeugt oder ein störendes Geräusch die Konzentration gestört hat. Faszinierend, wie dieses Freizeitvergnügen angenommen wird, von Jung und Alt, Mann und Frau. Ein Sport, der sich nicht modernisieren lässt, bis auf die neuerdings eingesetzten Ketten mit Magnet, die das Aufnehmen der Boules kolossal erleichtern. Franzosen sind gerne im Freien aktiv, weil sie es können. Oder sie lassen es sich nur gepflegt gut gehen, auch weil sie es können.

  • die kleinen Beulen in der Stoßstange, die dokumentieren, wie elegant und rapide zugleich Du herum bugsierst, Dich eiskalt lassen. In Deutschland hast Du Skrupel, mit einem derart stigmatisierten Fahrzeug weiter am Verkehr teilzunehmen. Die Vorstellung, andere könnten die Beschädigungen entdecken und Dich als fahrenden Deppen abstempeln, ist den Franzosen fremd. Beulen, Kratzer und Dellen, sind wie blecherne Schmisse einer fahrenden Verbindung ausgebuffter Verkehrsprofis, die sich ihren PKW Untertan machen. Unsere Begegnung auf einem Parkplatz, wo wir beim Rückwärtsausparken einen hör- und fühlbaren Kontakt mit einem zeitgleich ausparkenden, einheimischen Neuwagen haben, verläuft recht unaufgeregt: “Ist bei Ihnen was passiert?”“Nein!”“Bei mir auch nicht.” Und mit einem “Dann ist ja alles gut, bonjour”, fahren die fremde Madame und wir vom Hof..

  • Du vor dem kleinen Laden in Deiner Straße stehst, der geschlossen hat, Dir aber keinen Kopf machst, weil zwanzig Autominuten entfernt, der gigantische Hyper-Markt auf der Wiese steht, der immer geöffnet hat und praktisch jeden Artikel anbietet den Du suchst. Tatsächlich erlebt der kleine Einzelhändler eine Konkurrenz, die er nicht gewinnen kann. Riesige Märkte locken Kunden mit unschlagbaren Öffnungszeiten an und Discountpreisen, die sich nur zum Preis des persönlichen Ruins unterbieten lassen. Da werden Kunden schwach und verdrängen, dass sie gerade eine wunderbare Tradition verlieren, nämlich den gemütlichen Einkauf in vertrauter Umgebung, mit Schwätzchen und Kontakt zum Nachbarn

  • Obst in knalligen Farben, frisches Gemüse, Fisch, Käse, Würste und appetitliche Leckereien all Deine Sinne anspringen. Wenn man sich nicht sattsehen will, an den Auslagen der Marktanbieter, die ihr Warenangebot so unverschämt verlockend aufbauen, dass Du am liebsten alles kaufen willst. Ein Glück, dass unsere französischen Nachbarn sich nicht ihre lokalen Wochenmärkte abspenstig machen lassen, diese gallischen Dörfer der Küchenkultur, umzingelt von Hypermärkten, wo der lukullische Sammler und Jäger in Dir, erfolgreich pirschen und fündig werden darf. Es macht unbändigen Spaß, sich durch die Wochenmärkte treiben zu lassen, ja es vielleicht sogar den Einheimischen nachzutun, die erfolgreiche Einkaufstour schon vormittags bei einem guten Gläschen im Bistro oder dem gemütlichen Café zu besiegeln. Selbst, wenn man nur losgeht um zu schauen, sind Wochenmärkte immer ein Erlebnis.

  • Du im digitalen Dialog mit einem Apparat versuchst zu erledigen, was anderswo noch Menschen für Dich tun. Der brutal hohe Grad an Automatisierung des öffentlichen Lebens in Frankreich ist erstaunlich. Beim Tanken etwa kommuniziert erst deine Kreditkarte mit dem Automaten, bevor auch nur ein Tropfen Treibstoff aus der Zapfsäule fließt. Da regt sich schon mal existenzielle Skepsis: Was tun, hat man in so einer Geistertankstelle nur schnödes Bargeld im Geldbeutel, wo Plastikgeld erwartet wird, aber niemand da ist, die Kluft zwischen Kunden und Ware auf konventionelle Art und Weise zu überbrücken? Ist Frankreich der Ort, wo wir bereits in unser aller digitale Zukunft blicken, oder erleben wir dort einen Irrweg, der sich auflöst wie ein schlechter Traum, wenn erkannt wird, was wir verlieren?

 

  • beim Autofahren der wichtigste Gegenstand Dein Portemonnaie ist, um das ersehnte, schnelle Vorankommen auf einer Autobahn zu erkaufen. Die Maut: Wir haben sie nicht, aber die Franzosen schon. Reisender, der Du keine Abonnentenkarte dein Eigen nennst, die Schranken vor Dir hochfahren zu lassen: Gut bist Du beraten, den Geldbeutel immer in Griffweite zu haben. Der einfachste Teil ist noch das Ziehen der Eintrittskarte, um in den Schnellfahrbereich zu gelangen. Dafür gilt es, an der richtigen Stelle zu stoppen, das Fenster rechtzeitig zu öffnen und nicht zu kurze Arme zu haben, auf dass alles ganz schnell geht. Denn hinter Dir warten ungeduldig schon andere auf Einlass. Das Sesam-Öffne-Dich-Ritual steigert sich bei der Ausfahrt, erweitert um die Komponente Bezahlen. Erst jetzt erfährst Du, wie hoch der Tribut ausfällt, kramst nach Barem und versuchst, hektisch das Wechselgeld aus der immer viel zu weit entfernten und stets zu engen Rückgabemulde zu fischen. Was passiert eigentlich bei Verzögerungen und wie schnell schließt sich das Sesam wieder? Wir wissen es nicht, wer würde das schon testen.

 

  • die Frequenz der Speedbreaker zur Entschleunigung des Verkehrs fast indische Verhältnisse erreicht. Wer bei wem abgeguckt hat, lässt sich heute wohl kaum noch klären. Nur in Indien und Frankreich treffen wir auf so viele, in die Fahrbahn eingelassene Huppel, die auch dem Doofsten aller doofen Autofahrer gnadenlos vermitteln: Hier beginnt eine Zone, in der nur Schritttempo erlaubt ist und dafür rütteln wir Dich und Dein Fahrzeug gehörig durch. Irgendwie ist das die französische Version des deutschen Prinzips “Hosenträger plus Gürtel”, denn Schilder mit Geschwindigkeitsvorgaben gibts überall, Radarstellen, sie zu kontrollieren, ebenso und die Strafen, so heißt es, sind empfindlich. Sei’s drum, zum Ausgleich darf man sich gerne ein paar Runden im nächsten Kreisverkehr gönnen, der garantiert nicht weit ist. Auch darin dürfte Frankreich inzwischen Weltmeister sein, aber das ist ein anderes Thema.

All dies gehört zu La France und sicher noch viel mehr, das fortzuschreiben wir uns gerne vornehmen.

 

 

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2 Gedanken zu „Du weisst, dass Du in Frankreich bist…

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