Trekking über den Kuari Pass

Uttarakhand bietet Freunden des Höhen-Trekkings beeindruckende Touren, die ganz anderen Regeln folgen, als Unternehmungen in Nepal. Obwohl es begeisterte Inder gibt, die mit Elan und Können Bergwelten erleben wollen, ist die Infrastruktur in den indischen Himalaya-Regionen noch ausgesprochen jungfräulich. Keine festen Stationen oder Hütten entlang der Route, wo man, wenn auch auf kargem Niveau, einkehren kann. In Indien muss alles selbst mitgebracht werden. Das ist logistisch herausfordernd, leider auch kostspieliger.

Die Vorbereitung

Zeit haben wir und nach dem Motto, dass Fragen ja erst mal nichts kostet, machen wir uns schlau. Wir fragen unseren Taxifahrer, ob er Anbieter kennt, die uns helfen könnten. Ja, unser Mann weiß Bescheid. Zum einen wo wir Bergführer finden, zum anderen, wie er selbst daraus einen Vorteil hat. Das Angebot, das wir bekommen klingt gut, ist aber jenseits unseres Budgets, wohl auch, weil es eine Provision enthält, die unser Fahrer bekäme, klappte der Deal.

In Incredible India sind solche Erlebnisse aber niemals das Ende, sondern der Einstieg in ein Abenteuer. Rishikesh, sagen wir uns, das ist der Ort, wo wir recherchieren müssen. Dort sammeln sich westliche Touristen, dort rollt die Rupie und das sollte der Ort sein, wo ein cleverer Touranbieter sich präsentiert. Wir werden tatsächlich fündig, in einem kleinen Büro, das wir selbst entdecken, das erspart uns Provision. „Wild Splash“ berät gut, an einem Holztisch zimmern wir mit einem Angestellten unsere eigene Tour.

9 Tage wollen wir unterwegs sein. Dafür brauchen wir einen Transport ins Trekkinggebiet und zurück, vor Ort 1 Guide, 1 Koch, 1 Allroundhelfer, 4 Maultiere, einen Horse-Man mit 2 Assistenten, Zelte, Schlafsäcke, Campingausrüstung, Wasser und Verpflegung. Das bekommen wir und bezahlen dafür insgesamt rund 800 €. Wir schlagen ein, buchen und zahlen an.

Was wir erleben

Unsere Trekkingtour startet in dem kleinen Ort Ghat führt uns nach mehreren Etappen über den Kuari Pass, dann endet sie in Joshimath. Hin und zurück geht es mit dem Jeep über den National Highway 58.

Wir wollen im Garhwal wandern, einer sehr beliebten Wanderregion im indischen Himalaya. Im Osten grenzt das Gebiet an Nepal, im Norden an Tibet. Große, industrielle Wirtschaftsräume gibt es hier nicht, die Menschen leben von Viehzucht, treiben Ackerbau sowie ein wenig Forstwirtschaft. Alles eher im kleinen Stil. Wäre der Anbau legal, ließe sich Marihuana als Produkt erwähnen. Wir sehen davon, wild wachsend, Unmengen auf unserer Tour, die klimatischen Bedingungen sind optimal und einige unserer Begleiter ernten ungeniert ihren Eigenbedarf, quasi en passant.

Überhaupt ist die Vegetation fantastisch in dieser Bergwelt. Die Baumgrenze verläuft hier höher als etwa in den europäischen Alpen. Urig erstrecken sich die Wälder hier, dazwischen Flüsse und Wasserfälle. Grün ist alles, was wir sehen, obwohl wir natürlich nach dem Panorama der Gipfelwelt um den Nanda Devi Ausschau halten, zwischen den Regenwolken, die uns tagelang begleiten.

Unsere Wanderung ist auch kulturell ein Ereignis, wir treffen unterwegs auf kleine Ortschaften, bewohnte Häuser inmitten von Weidegebieten und finden dadurch Kontakt zu den Menschen die hier weit verstreut leben. Nicht Hirten, auch Kleinbauern in Familienverbänden: Eltern, Kinder und Großeltern. Wir werden überall freundlich begrüßt, bekommen oft einen Tee angeboten. Das erfrischt in der Höhe, an die wir uns schnell und problemlos akklimatisieren.

Manchmal können wir den Menschen, die wir treffen, sogar helfen. Oft lenken sie das Gespräch auf Medikamente und das Aspirin und ähnliche Mittel, die wir bei uns haben und selbst nicht brauchen, geben wir gerne an sie weiter. Ärztliche Hilfe ist in den Bergen Uttarakhands rar.

Die Tour und unsere Route:

1. Tag

Abholung um 6:00 Uhr morgens in Haridwar. Von Rishikesh geht es vollbeladen um 7:30 Uhr weiter auf dem National Highway 58 über Deoprayak, Srinegar, Rudraprayak, Nandeprayak.

Bis Ghat sind es nur gut 200 km, dafür brauchen wir aber geschlagene 10 Stunden. Ghat liegt 1.330 Meter hoch. Wir campieren in einer dörflichen Umgebung zwischen Cannabisfeldern, einem reißenden Fluss und neugierigen Dorfbewohnern, die unseren Zeltaufbau beobachten.

Sie stehen noch um unsere Unterkunft herum, als wir schon lange im Schlafsack kauern. Wie lange sie diese Ehrenwache aushalten, ist nicht klar, beim nächtlichen Pieselgang ins Cannabisfeld ist niemand mehr zu sehen.

2. Tag

Wir wandern von Ghat nach Ramni. Die Distanz an diesem Tag beträgt 10 km, mit Aufstieg auf eine Höhe von 2.630 Meter. Das schaffen wir in 3 Stunden und erleben ab 17:00 Uhr im Zelt einen Dauerregen, der 12 Stunden anhält.

Unser Zelt offenbart erste Schwächen, die dunklen Stellen gefallen uns gar nicht, aber es hält. Was wir zuerst lernen? Aus der Notwendigkeit eine gute Figur zu machen: Wie man sich auf matschigem Boden aus dem kleinen Zelteingang herausschält, um das größte WC der Welt zu besuchen und danach wieder hineinschraubt, ohne allzu viel Erde ins Zelt zu tragen.

3. Tag

Die nächste Etappe führt uns von Ramni über einen Pass, der 3.000 Meter hoch ist, zunächst bei schönstem Wetter. Aber die Regenzeit ist noch nicht ganz vorbei und so müssen wir den Abstieg bei strömenden Regen bewältigen. Der lange Weg abwärts zum Miniort Jhinjhi auf 1.524 m ist ziemlich schwierig auf dem nassen und glitschigen Untergrund.

Wir sind 13 km unterwegs, etwas gebeutelt wegen des Starkregens. Aber der Tag hat eine gute Überraschung, wir übernachten nicht im Zelt, sondern in einer gemauerten, kargen „Lodge“ mit festem Dach. Naja, aber sie ist sauber, kernig und stabil. Die Ansprüche auf so einer Tour entfernen sich mehr und mehr von unserem Luxusleben in der Heimat.

4. Tag

Bei bedecktem Wetter und leichtem Regen geht es bis Pana und campieren auf 3.200 m Höhe. Unterwegs durchqueren wir wunderbare Wälder, machen mehrmals Stops in einfachen, bäuerlichen Häusern. Nach insgesamt 15 km Wanderung erreichen wir einen herrlichen Zeltplatz. Unterwegs treffen wir immer wieder auf Hirten mit ihren Herden und – ja, auch ihre kräftigen Hütehunde. Aber unser Team betreut uns großartig. Kein Grund, nervös zu werden.

5. Tag

Von Pana aus geht es im permanenten, teilweise Kräfte zehrenden Auf und Ab über mehrere Flüsse und Pässe, bis wir Dhakwani Campsite auf 3.300 m erreichen.

Das Wetter bleibt bedeckt, wäre nur die Sicht besser, dann hätten wir noch mehr Spaß. Die Wolken gehören alle noch irgendwie zu den Restausläufern des Monsuns, der dieses Jahr einfach nicht richtig aufhören will. Wieder haben wir 15 km geschafft.

6. Tag

Der Ruhetag. Über uns gibt es mehr Wolken als Himmel. Es regnet und wir hocken den ganzen Tag im Zelt, lesen hören Hörbuch, halten uns warm. In einem reißenden, romantischen Gebirgsbach waschen wir etwas Wäsche, trocknen alles im Zelteingang.

Unser Ruhetag wird gegen Abend zu einer kleinen Feier. Anlass ist das Dahinscheiden eines Lammes, das wir von den Hirten gekauft haben. Leider überlebt es nicht das Treffen mit unseren Begleitern, angeführt vom Koch. Von wegen Hindus und Buddhisten üben sich in Fleischverzicht! Sie langen ganz schön zu und haben auch noch einige Flaschen Hochprozentiges im Gepäck.

7. Tag

Um 8:00 Uhr starten wir mit dem Aufstieg zum Kuari Pass, es geht von 3.300 Meter auf 4.100 m. Die Höhe schaffen wir in 75 Minuten und werden – weil das Wetter es heute besonders gut mit uns meint – oben mit einer tollen Sicht auf die umliegenden Berge belohnt. Wir sehen sogar den Nanda Devi.

Keine 30 Minuten später sind wir wieder von Wolken umhüllt und wandern zum romantischen Rastplatz Khullara, auf 3.500 Meter Höhe.

An diesem Tag legen wir insgesamt eine Wegstrecke 10 km zurück. Nachts erleben wir ein höllisches Gewitter mit Donner und Blitzen. Uns wird leicht bang im dünnen Zelt und besorgen uns zusätzliche Planen, um Lecks vorzubeugen.

8. Tag

Das ist ein Traum von einem Morgen. Das Gewitter ist abgezogen und mit ihm alle Wolken. Vom Khullara Campsite haben wir Sicht auf ein grandioses Bergpanorama, gönnen uns ein Frühstück wie im Film. Wir beide, mit unserem Tisch auf grüner Wiese, vor der prächtigen Kulisse des Garhwal Gebirges… ein Traum!

Danach wandern wir ziemlich lange und steil bergab runter nach Tapovan auf 1.700 m. Das eigentliche Trekking ist vorbei, dafür übernachten in Joshimath endlich wieder in einem Hotel. Der Name klingt nach Luxus „Hotel Snow Crest“. Im wirklichen Leben eher eine Absteige, aber das macht uns nichts, wir fühlen uns wohl.

9. Tag

Unsere Rückfahrt nach Haridwar. Wieder brauchen wir viel Zeit, für 250 km; etwas über 12 Stunden. Die Erdrutsche sind nicht weniger geworden und auch nicht die Pilgerströme. Aber wir haben tolles erlebt, diesen Abschluss können wir ertragen.

Ein Fazit:

Die Trekking Tour war ein schönes Abenteuer, wir haben zwar viel Regen abbekommen, aber auch in den entscheidenden Momenten die genialsten Aussichten und eine tolle Natur erlebt. Die Tour mit dem Team war hervorragend organisiert und hat extrem viel Spaß gemacht. Man stelle sich vor, bis zum letzten Tag hat es uns an nichts gemangelt: 3 Mahlzeiten täglich, lecker und immer wieder nach neuen Rezepten. Die Jungs haben sich rührend um uns gekümmert, jedesmal bei einer Ankunft zunächst für uns Sessel aufgebaut und Tee gekocht, danach erst die Zelte aufgebaut.

Der Kuari Pass Trek ist anspruchsvoll, aber gut machbar, wenn man nicht ganz untrainiert ist. Der Spaß ist bezahlbar und ein kleines Geschenk gibt es zum Abschied auch noch: 3 kleine dunkelbraune, harzige Sticks, handgerollt von unserem Horse Man, der immer an der Spitze wanderte und der immer so tiefgründig vor sich hin lächelte.

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2 Gedanken zu „Trekking über den Kuari Pass

  1. Die Fotos sind ein Traum während ich mir das Trekking doch abenteuerlich und anstrengend vorstelle. Vor allem der Regen hätte mir zu schaffen gemacht, gehört aber einfach auch dazu.

    Toller Bericht, danke fürs virtuelle Mitnehmen!

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