Ha Giang / Dong Van Plateau

Aus China kommend ist es einfach für uns, in den wilden Norden Vietnams, die Provinz Ha Giang, einzutauchen. Aber auch wer aus dem Süden anreist, sollte diese Region nicht auslassen, solange sie noch nicht vollständig touristisch glatt gezogen ist. Die Fahrt aus Hanoi ist gut machbar, mit sogenannten Limousinen-Bussen, kostet sie pro Person 250.000 Dong und dauert etwas mehr als 6 Stunden. Dagegen ist die Anreise aus Sa Pa viel beschwerlicher. Wir bekommen für Ticketpreise eines Luxusbusses nur den rustikalen Linienbus, vollgepackt bis auf den letzten Kubikzentimeter mit Passagieren und Speditionsgütern und sind lange 8 Stunden unterwegs. Egal, die Mühen sind schnell vergessen, die gute Stimmung in der mobilen Kompressionsbox überdeckt viele Mängel.

Wir planen, einige Tage auf dem Dong Van Karst Plateau, einem Geopark, unterwegs zu sein. Es bieten sich mehrere Optionen an: Fahrten mit regionalen Bussen, Selbst- oder Beifahrer auf einem Motorrad oder Reise im SUV. Bus ist zu unflexibel und was Motorräder angeht heißt es, dass im letzten Monat 8 Fahrer auf dem Loop tödlich verunglückt sind. Die Strecke hat ihre Tücken, daher nehmen wir einen SUV.

Im Internet finden wir einen lokalen Anbieter, der unseren Anforderungen genügt und buchen eine 3-Tage-Tour mit 2 Übernachtungen, die auch einige Trekkingtouren beinhaltet. Begleitet werden wir von einem englischsprachigen Guide und natürlich dem Fahrer.

Alle Ausgaben eingeschlossen zahlen wir pro Person einen Tagespreis von 100 $, damit liegen wir im Mittelfeld dessen, was möglich ist. Welche Agentur im Casting unseren Zuschlag bekommen hat, teilen wir gerne auf Nachfrage mit, hier nur soviel: Nicht alles ist auf Anhieb optimal, wir müssen unterwegs „nachjustieren“, was im Ergebnis dann gut klappt.

Ausgangs- und Endpunkt unseres Roadtrips ist die Stadt Ha Giang, Hauptstadt der nördlichsten Provinz Vietnams, vor 30 Jahren Schauplatz des kleinen Krieges mit China, aber immer noch eine sensible Region, wie das an Grenzen mitunter der Fall ist. Für das Herumreisen benötigen wir eine besondere Erlaubnis, um die sich aber unsere Agentur kümmert. Das ist im Preis eingeschlossen, ebenso wie alle Eintrittsgelder. Ha Giang ist größer als erwartet, aber nicht aufregender als befürchtet. Wir kommen gut unter, nehmen einige nette Ansichten vom Fluss mit, das genügt uns.

Die Tour startet mit pünktlicher Abholung, durch „Monkey“, so nennt sich unser kleiner Guide, ein lustiger Bursche und Thon, den Fahrer des Ford Everest. Nach Erledigung aller Formalitäten und kurzer Einweisung geht’s los. Kaum sitzend, zwängt sich ein beschwörendes Mantra in unsere Gehörgänge: „You’re no good, can’t you see Brother Louie, Louie, Louie“. Monkey ist beinharter „Modern Talking“ Fan und viel zu exaltiert, das zu verbergen. Es gelingt uns zwar temporär, andere Soundtracks einzuspielen, aber die kulminieren am Ende doch in einem „Cheri, Cheri Lady“.

Das SUV ist optimal für die Straßen, die vor uns liegen. Konkret, es geht um Strecken, die durch steile Berge führen, auf und ab, teils mit tiefen Spurrillen, oft am Rand von Abgründen, über Schotter und Schnodder, geplatzte Asphaltbeläge, ungezählte Serpentinen und ja, fairerweise muss es erwähnt werden, Abschnitte, die bei uns als Bundesstraße durchgingen. Bei schönem Wetter machbar auch für Zweiräder, bei Sturm und Regen: Übungsfelder für Kamikaze-Biker.

Noch etwas wird uns permanent begleiten, die Armut der Menschen. Ob es damit zu tun hat, dass hier die Minderheit der Hmongs lebt, oder das Gebiet einfach nur zu weit entfernt ist von den Metropolen weiter im Süden, wissen wir nicht. Das Leben der Dorfbewohner, das an uns vorbeizieht, ist kein Zuckerschlecken. Trotzdem zeigen sie keine Verbitterung, sondern heitere Gelassenheit. Vor allem die Kinder spielen vergnügt, wenn sie nicht gerade zur Arbeit eingesetzt werden oder jüngere Geschwister hüten. Sogar für kleine Träume ist Raum, etwa bei den Jungs am Rand der tiefen Schlucht, die interessiert Richtung China schauen und miteinander palavern.

Die Hauptrolle aber spielt die Natur. Karstregionen haben wir bereits gesehen und viele werden wir noch besuchen. Das, was sich hier an Landschaften auftut, gehört mit zum Besten, was Vietnam zu bieten hat. Wir passieren das Dorf Minh Tan, queren den Pac Sum Pass und erreichen einen ersten Höhepunkt „Heavens Gate“ von wo aus wir einen Superausblick über die Bergwelt unter uns haben.

Um die Mittagszeit werden unsere Begleiter hungrig, wir kehren in einem kleinen Lokal ein, das auch bei den Bikern beliebt scheint. Überhaupt, die Dramaturgie so einer Runde um die Karstberge ist für Autos wie Motorräder identisch, man trifft sich wieder an den Hotspots. Etwa beim Abstecher zur Grotte Lung Khuy, die über einen steilen Aufstieg zu erreichen ist. Steintreppen und Pflasterseine lassen den Weg bequem erscheinen, ganz im Gegensatz zu dem, was wir am Nachmittag durchmachen.

Hard trekking“ heißt dieser Programmpunkt am Nachmittag und heute wissen wir: Wo beschwerlich draufsteht, ist in Vietnam auch Beschwerliches drin. Der einheimische Führer erwartet uns an der Bergstraße, ein Bauer, der sich so einen Nebenverdienst schafft, an den Füßen Badelatschen. Wir selbst sind schuhtechnisch kaum besser aufgestellt, denn unsere Laufschuhe sind jedenfalls an diesem Berg nur suboptimal. Wie auch immer, Auf- und Abstieg über glitschigen Lehmuntergrund gelingen ohne Ausrutscher und wir bekommen zur Belohnung einen grandiosen Höhenblick.

Der Tag neigt sich, versprochen hat man uns eigentlich eine Übernachtung in einem Hmong Homestay. Was wir vorfinden ist eine Matratze im Schlafsaal eines Hostels mit 1 WC für 25 Gäste. Wir intervenieren, fahren weiter zum nächsten Dorf. Der Ort ist namentlich nicht in unserer Karte erwähnt, hat aber ein Hotel, das wegen seiner Karaokeanlage Vergnügungszentrum der Umgebung ist. Immerhin haben wir ein eigenes Zimmer mit Bad.

Der Abend wird lustig. Uns zu Ehren wird ein Hotpot aufgetischt und reichlich „Happy Water“, so nennen die Hmong ihren selbstgebrannten Maisschnaps. Es gibt auch eine Trinkzeremonie, die uns einbezieht oder besser gesagt: Niemand, der sich im Radius von 5 Metern zu unserem Tisch blicken lässt, kann oder willl sich verweigern. Der Ablauf ist einfach. Du musst mit jedem, der dich anschaut, anstoßen und dein kleines Glas auf ex leeren. Danach gibts ein Händeschütteln, fertig. Das Problem ist, aus der Nummer ohne Gesichtsverlust auszusteigen, wenn sich 20 Leute mit dir verbrüdern wollen. Aber auch das meistern wir. Offenbar zur allgemeinen Zufriedenheit, denn am Morgen lädt man uns ein, zusammen den Wochenmarkt im nächsten Dorf zu besuchen.

Über die Tage unserer Reise bekommen wir mehr Einblicke in die Lebensweise der Menschen. Hanf ist für sie von enormer Bedeutung. Um die Dörfer herum befinden sich plantagenartige Anpflanzungen mit baumhohen Gewächsen in voller Blüte. Der spezielle Duft wabert zwar überall, aber es geht nicht um die berauschende Wirkung sondern um die Produktion von Öl, Samen und vor allem von Hanffasern, die verarbeitet werden zu Stoff für Bekleidung. Hanf, Mais, Reis, Buchweizen und Viehzucht sind die traditionellen wirtschaftlichen Grundpfeiler dieser Gemeinschaften, die immer noch archaisch neben der Moderne existieren. Das Heute präsentiert sich auch hier in Form von Mobiltelefonen und Kleinkrafträdern.

Eine der spektakulärsten Aussichten nicht nur bezogen auf Vietnam, bekommen wir am Ma Pi Leng Pass zwischen Meo Vac und Dong Van und wir haben Glück, das Wetter ist optimal. Dutzende von Serpentinen führen über eine 20 km lange Straße hinauf zum Pass, vorbei an schwindelerregenden Abgründen auf der einen und steil ansteigenden Wänden auf der anderen Seite. Dorfbewohner sind geschäftig unterwegs und arbeiten auch in den Hängen, da jedes Stückchen Boden hier landwirtschaftlich genutzt wird, auf Terrassen, die mühevoll und über Generationen angelegt wurden.

Bis weit nach China können wir blicken und tief unter uns schlängelt sich der Nho Que River, smaragdfarbig leuchtend durch die Felsen. Wir stehen vor der tiefsten Schlucht des Landes und sind beeindruckt.

Der Blick nach China lässt sich noch toppen durch einen Besuch des großen Nachbarn über die grüne Grenze. Ganz in der Nähe des Nationalmonuments Xa Lung Cu, dem Berg mit der vietnamesischen Fahne, die frech vor Chinas Nase flattert, steht ein Grenzstein, dahinter ein morscher Stacheldrahtzaun, der aber kaum Beachtung findet. Leute mit Plastikbeuteln, in denen sicher keine Reisepässe stecken, wechseln locker zwischen beiden Seiten. Kann es sein, dass einige Männer nachbarliches Territorium nur betreten, um sich zu erleichtern? Alles geht, nichts muss in dieser wilden Region.

Neben viel Natur gibt’s auf der Tour auch Kultur. Abgespeckt und nicht monumental in einem Tal bei Xa Phin, geht’s zum alten Palast des Königs der Hmong Vuong Chinh Duc. Die Residenz, sie wirkt angenehm bescheiden, ist ganz aus Holz gezimmert und erinnert eher an das Anwesen eines Großbauern, denn eines Potentaten. Aber, so wird kolportiert, der soll mit harter Hand regiert haben. Immerhin gibt es ein Tickethäuschen, das Eintrittskarten für die Besichtigung des fast leergeräumten Palastes verkauft.

Eine weitere Übernachtung gibt es in Dong Van, einem Ort mit guter Atmosphäre, der das Herz der Backpacker höher schlagen lässt. Neben anständigen Pensionen, in Vietnam Homestay genannt, gibt’s einen Markt, gute Restaurants, Läden sowie ATMs. Auch hier müssen wir den Veranstalter erst überzeugen, uns im Zentrum unterzubringen, statt in der langweiligen Peripherie des Ortes.

Eine weitere Wanderung haben wir noch, sie führt über den Ha Giang Skywalk, der gerne als gefährlichster Streckenabschnitt des Loops bezeichnet wird. Das ist natürlich nur zutreffend, wenn man vorhat, diesen Weg mit dem Motorrad zu befahren. Es geht über Betonplatten, die 70 cm breit sind hoch zu einem Pass auf 1.800 Meter. Für Wanderer ist das eher erholsam als mühevoll, selbst wenn man zum Höhenkasper neigt, wie der Autor dieses Berichtes. Abgesehen davon ist dieser Wanderweg ausgesprochen schön.

Nach dem gut ausgebauten Skywalk wechseln wir auf einen Weg, der an Dörfern vorbeiführt und weniger bequem ist. Es geht über Geröll und grobe Steine. Vorwiegend Dorfbewohner verkehren hier. Ein komfortabler Weg wäre dringend nötig, aber wer investiert schon in die Infrastruktur, wenn sich nichts damit verdienen lässt. Für Skywalk plus Anschlussweg brauchen wir insgesamt gute 3 Stunden.

Der Kreis schließt sich und das Wetter trübt sich ein. Die 3 Tage in der Region sind ausgesprochen lohnenswert und bescheren neben landschaftlichen Höhepunkten eine Menge Erkenntnisse über Land und Leute, die wir erst noch mental verarbeiten müssen.

Das Vietnam, das wir in den nächsten Tagen sehen, ist ein anderes, als dieses wilde Stück Land im Norden. Ob es an das heranreicht, was wir hier erlebt haben, wird sich zeigen.

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