Seltsames Indien – Teil 2

Unterwegs in Indien – Seltsames Indien, Teil 2

Ruhig ist es hier, in Palolem, selbst die indischen Besucher lassen sich von der friedvollen Stimmung mitreissen, aber warum nicht, schließlich sind sie am Strand nur zu Fuß unterwegs, wenn sie sich überhaupt bewegen. Sie wirken entspannt, fast schon befreit und das hat ganz sicher einen einzigen Grund: Sie sind sie ohne PKW. Das bringt das Gute im Inder zum Vorschein.

Es gibt aber auch die andere Seite

Man ist fast an die gespaltene Persönlichkeit des Jekyll \ Hyde erinnert, wenn der indische Mann mit einem motorbetriebenen Fahrzeug in Berührung kommt. Dann kommt ein unsagbar hektisches, aufgedrehtes, Need-for-Speed-Monster zum Vorschein, das sich austoben und herrschen will. Und es sind viele Millionen dieser Monster, die täglich in einer freien Wildbahn unterwegs sind, die wir, weil uns kein anderes Wort dafür einfällt, als Verkehr bezeichnen.

P1070382.JPG Jaipur, Verkehr im Tripolia Bazar mit sicherem Abstand von obenVerkehr in Indien ist immer laut, hupend, hektisch, rammelvoll, pressend, stossend,stinkend, brüllend, unbarmherzig. Der Inder, der einen Lenker oder Lenkrad vor sich hat, kann gar nicht mehr anders als voranzupreschen. Begleitet wird dieses Preschen durch eine Kakophonie an Hup- und Trötgeräuschen. Je mächtiger die Hupe, umso wahrscheinlicher, dass das Fahrzeug zu dem sie gehört im ewigen Kampf um die Vorfahrt als Sieger hervorgeht. Wir haben schon Situationen erlebt, wo wir in einer engen Gasse zu Tode erschrocken in die nächste Mauernische sprangen, weil wir Angst hatten, ein riesiger LKW sei hinter uns. Auch wenn der Verstand sagt, dass in so eine Gasse höchstens zwei Fahrräder passen, meldet das Gehör etwas anderes. Und im letzten Moment erkennst du dann, dass dich ein Moped verscheucht hat, ausgerüstet mit einer gigantischen Fanfare, die alles und jeden wegfegen kann.

Wer laut ist, ist mächtig und damit sozusagen Mitglied der höchsten Kaste im indischen Verkehr

Die Gigadezibel-Hupe sichert das Recht zu überholen. Man darf sich das gerne wie einen Showdown im Western vorstellen: Fahrzeuge steuern scheinbar unbeirrt aufeinander zu, so wie Revolverhelden. Einer wird die Nerven verlieren und zur Seite springen – und in aller Regel ist der Verlierer derjenige, der nur das Kleine besitzt. Entweder das kleinere Fahrzeug oder die kleinere Hupe. Besonders drastisch erlebt der Besucher das, wenn er in einem öffentlichen Bus unterwegs ist. Die Busfahrer erinnern an Desperados, die nur mit einem Ziel unterwegs sind – nämlich zu gewinnen. Als Passagier ist man mittendrin und hat nur die Chance, entweder die Augen zu schließen, oder sich in einer Lektüre zu versenken. Alles ist besser, als das mitanzusehen.

Um es klar zu stellen: Ampeln. Ja, es gibt sie!

Allerdings geniessen Verkehrszeichen hier ungefähr so viel Respekt wie ein Ungläubiger in einem Tempel, der vergessen hat, die Schuhe auszuziehen.

Die Anarchisten in dieser festgeregelten Welt der Motoristen sind die Tuk-Tuk-Fahrer. Respektlos drängeln sie sich überall hinein, keine Lücke, die nicht ausgenutzt, keine Regel die nicht gebrochen ist. In großen Städten, wo regelmäßig einige Dutzend dieser Motorrikschas im Pulk unterwegs sind, haben normale Autos kaum eine Chance, selbst LKWs, die Straßen-Saurier aus der Tata-Fabrik, wirken hilflos. Gegen einen Schwarm Mosquitos kann eben auch ein Löwe nichts ausrichten.

Als Tourist und Fußgänger fühlst du dich im indischen Verkehr zunächst mal als Opfer und erstes Glied in der Nahrungsmittelkette

Jeder droht, dich zu fressen, selbst Gebrechliche mit ihren Gehhilfen scheinen dir überlegen. Straßen zu überqueren scheint ein Unterfangen, das man sich gar nicht erst in den Kopf setzen sollte. Am sichersten ist es deshalb immer noch, in einem Tuk-Tuk. Das notwendige Erfahrungswissen, dass Menschen, die eine Straße überqueren, am Ende es doch schaffen, unversehrt gegenüber anzukommen, stellt sich erst nach einigen Wochen ein. Aber das ist eben Indien. Alles scheint chaotisch, auf den Kopf gestellt und im Wirrwar unterzugehen, trotzdem funktioniert es.

Auch die Höllenfahrer, die sich mit ihren PKWs in den Verkehr gestürzt haben, mutieren wieder zu zivilen, freundlichen Zeitgenossen, wenn sie ihr Fahrzeug wieder verlassen. Das beruhigt auch den Fremden, so seltsam der Verkehr hier auch sein mag.

Mehr zu unserem Indien: 

Du weisst, dass Du in India bist … Incredible India ist für alle da,Delhi, Uttar Pradesh, Rajasthan, Maharashtra, Goa, Karnataka, Kerala,Tamil Nadu, Himachal Pradesh, Punjab, Uttarakhand, Odisha (Orissa)Andhra Pradesh,

2 Gedanken zu „Seltsames Indien – Teil 2

  1. Hallo Aras,
    ich habe mich köstlich amüsiert beim Lesen.
    Danke für den schönen Bericht und weiterhin viel Spaß auf Eurer Reise.
    Schöne Grüße
    Jürgen

    • hallo Jürgen,
      es ist ja das erste mal, dass wir ununterbrochen so lange unterwegs sein können. Wir lernen eine ganze Menge, wie man es noch besser machen kann und den Spass, den haben wir.

      Danke für deine Grüsse
      Aras

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.