Roadtrip-Tagebuch

Gute 3 Monate Aufenthalt in der Heimat sind eigentlich gut auszuhalten. Es sei denn, diese Zeit fühlt sich an, wie eine Verbannung nach Sibirien. In der Tat hat uns das ungemütliche Wetter der letzten Wochen motiviert, einen Fluchtplan auszuarbeiten, den wir jetzt umsetzen. Parole: „Nichts wie weg in den sonnigen Süden“.

An einem Donnerstag Ende März beladen wir unseren Blauen mit allem, was wir brauchen, uns für einige Wochen wohl zu fühlen. Falls etwas fehlt, besorgen wir es uns Vorort, wir bleiben ja in der Zivilisation, unser Ziel ist nämlich der Süden Frankreichs.

Die Umstände am Tag der Abfahrt erleichtern den Abschied: Mieses Vor-Osterwetter, 4 Grad, die sich dank Chillfaktor anfühlen wie eine zweistellige Temperatur im Minusbereich, es graupelt, der Himmel schwelgt in fahlem Dunkelgrau, es riecht förmlich nach Winter.

Der Reiseanfang ähnelt einer Rallye durch die verschiedenen Kältezonen eines gigantischen Eisschranks. Wir starten im Tiefkühlfach (Norddeutschland) und landen nach etlichen Stunden im Gemüsefach, dem Süden unseres Landes, wo auch nicht die gesuchte wohlige Wärme herrscht. Das ist nicht der Durchbruch, den wir erhoffen, da geht noch mehr. Oder mit anderen Worten: Besser ist noch lange nicht gut genug. Abgesehen davon, Touren über unsere heimischen Autobahnen sind alles andere als vergnüglich, ist man nicht gerade als Baustellen-Spotter unterwegs.

Erste Übernachtung Besançon. Die letzten 70 km vor Ankunft kämpft sich unser braver Blauer durch Schneegestöber „I‘m dreaming of a white Easter“ hämmert die Kurbelwelle, wir summen mit.

In einem Land zu fahren, das die Nutzung seiner Autobahnen nur gegen Maut gestattet, müssen wir üben. Zu welchem Schalter fährst Du? Was bedeuten eigentlich die Zeichen über den Schranken? Wer erläutert dem Fremden das System? Und Hilfe! – in den Schalterhäuschen sitzen ja gar keine Menschen, die etwas erklären könnten. Intuitiv schaffen wir es, zahlen mal zu Beginn einer gebührenpflichtigen Strecke und das andere mal erst hinterher. Dazu schieben wir das Ticket, das uns die Maschine bei der Einfahrt gibt, in den Automaten bei der Ausfahrt. Dort erst wird anzeigt, was zu zahlen ist. Auch wenn es uns manchmal zu teuer scheint, der Automat ist knallhart. Du magst ihn beschimpfen, anbetteln, bedrohen. Die Schranke öffnet erst, wenn der Tribut entrichtet ist.

Wir übernachten nach 900 km Fahrt in einem Etappenhotel, dessen einzig höherer Sinn es ist, funktional zu sein. Implantiert in ein Gewerbegebiet am Stadtrand, sauber, preiswert aber langweilig, die Einrichtungsmodule zweckmäßig miniaturisiert. Erdacht werden solche Schlafstätten am Reißbrett von Technokraten, die an geraden Tagen Legebatterien konstruieren und an den ungeraden Wohnklos für Menschen.

Aber das ist ok, es geht nur ums Ausruhen. Zu unserer Überraschung ist das Frühstück reichhaltig, mit einer großen Auswahl an Deftigem und Süßem. Das reicht sogar für das Abzwacken eines Sandwich-to-go als Zwischenverpflegung. Das Wetter bei Weiterfahrt orientiert sich nahtlos am Zustand des Vorabends, wir uns an den Wegweisern Richtung Süden. Unser Ziel heißt Lioux. Für die Navigation braucht es übrigens kaum digitale Unterstützung, die Logik der Ausschilderung im Straßennetz Frankreichs ist nahezu genial.

Die Bäume am Straßenrand signalisieren deutlich, der Frühling war schon mal hier, in diesem Jahr. Signale ganz anderer Art senden die festen und mobilen Radarfallen am Straßenrand, vor denen wir gewarnt wird. Die Dichte ist beängstigend. Anfangs zählen wir noch mit, dann geben wir auf.

Um die Mittagszeit, südlich von Lyon, reduzieren sich die Wolken. Strahlendes Blau blitzt vom Himmel, die Provence begrüßt uns mit Sonne.

Unsere Idee, die Strecke über den höchsten Berg der Region, den Mont Ventoux, zu legen, ist leider nicht realisierbar. Der Pass ist wegen Schnee noch gesperrt. Immerhin, die weiße Kuppe, wir werden sie die nächsten Tage noch öfter sehen können, steht ihm gut.

Die Fahrt durch eine traumhafte Landschaft und malerische Orte, vorbei an eindrucksvollen Anwesen macht Spaß. 500 km sind wir unterwegs bis wir im Dörfchen Lioux ankommen. Hier werden wir die nächsten Tage unsere Basis haben und die Umgebung genauer erkunden.

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