Jibberattacken unterwegs

Unterwegs Jibbberattacken. Kennt Ihr den Heisshunger, Reaktion auf asiatische Varianten von Mittagessen Frühstück, Hilfe! kulinarische Geiselhaft in Indien

…. andren ist das auch schon passiert, so oder in ähnlicher Form …

Du bist, was Du isst. Deswegen ernähren wir uns vernünftig, nutzen frische Zutaten, reduzieren in Maßen Fleisch, verzichten bewusst auf Geschmacksverstärker. Meistens kochen so, dass wir unsere Fitness unterstützen. Und natürlich muss es uns auch schmecken, weil das Leben ohne gutes Essen keinen Spaß macht. Essen war für uns immer mehr als eine mechanische Zuführung von Kalorien, andernfalls wären wir schon lange auf Weltraumnahrung umgestiegen. All das ist nie ein Problem gewesen.  Jedenfalls bis wir uns aufmachten, unseren Reiseradius zu vergrößern und länger als die üblichen 3 bis 4 Wochen Urlaub unterwegs zu sein.

Wenn wir reisen, sind wir darauf angewiesen, dass andere für uns kochen

Wir sind keine Selbstverpfleger im Wohnmobil, sondern eher Backpacker. Keine No-Cost-, aber Low-Cost-Traveller trifft es schon ziemlich genau. Manchmal zwingen uns jedoch gewisse Umstände, das preisgünstige Segment zu verlassen. Und meistens liegt der Grund dafür im Kulinarischen.

Wie so etwas passieren kann? Lest selbst. Wir machen nachvollziehbar, warum selbst willensstarke Elderlies manchmal weich werden wie Crème Caramel. 

Die klassische Anreise (Asien)

Keine Frage, spätestens am Tag nach der Ankunft im Zielland ist der Proviant aus dem Flieger restlos verbrauch. Diese Kekse, kleinen Pakete mit Süßigkeiten und die leckeren Brezelchen. Mental sind wir gefasst, einen kulinarischen Paradigmenwechsel um 180 Grad hinzunehmen. Dauerndes Darben wäre keine Alternative, denn unsere Unternehmungen fordern Kraft. Unser Mantra stimmt uns ein: “Wir sind authentisch unterwegs – Eure Küche vor Ort ist die unsere – Om!”…

Trotzdem, die Erfahrung des Heißhungers auf Nahrung, die gerade nicht erhältlich, können wir kaum vermeiden. Diesen Jibber, einer Entzugerscheinung vergleichbar dem Cold Turkey. Zugegeben, der Verfasser dieses Berichtes ist bei diesem Thema empfindlich und hartleibig zugleich. Gleichwohl, auch solche Reisenden muss die Welt verkraften können. Globalisierung ist keine Einbahnstraße!

Um uns in schwachen Momenten selbst überraschen zu können

Dafür stecken in den Tiefen unseres Gepäcks zwischen gerollten T-Shirts und dem Seidenschlafsack verzehrbare Reminiszenzen an die Heimat. Aber das verdrängen wir solange, bis der Notfall eintritt. Denn im Vergleich zu dem, was wir während der ganzen Reise verbrauchen, sind das lächerlich winzige Portionen. Um es gleich zu verraten: Einige Pakete Schwarzbrot begleiten uns, hausgemachte Marmelade und manchmal auch kleine Pastetenkonserven. Dazu, in homöopathischen Dosierungen, Gummibärchen und Karamellbonbons.

Auf Trekking Tour in Nepal

Während einer Trekking Tour ist es relativ einfach, sich geschmacklich zu orientieren. Man passt sich den Umständen an, weil es kaum Alternativen zu den einfachen Herbergen gibt. Die bieten auf wunderbare Weise alle das Standardmenü an. Eine Konstante jeder Speisekarte ist “Dal Bhat”, das unvermeidliche Nationalgericht der Nepalesen, das dreimal täglich serviert wird. Für die Einheimischen übrigens an 365 Tagen im Jahr. Ansonsten hat man die Wahl zwischen tibetischen Nudeleintöpfen und Momos. Mit Glück bekommt man zum Frühstück Pfannkuchen und tibetisches Brot. Oder, Tsampa, eine dem Porridge vergleichbare Pampe aus dem Mehl gerösteter Gerste, das man süß oder herzhaft zu sich nimmt, wie man halt gerade drauf ist. Wir wollen nicht klagen, meist ist das gar nicht so übel. Fatal sind eher die Instant-Suppen, ja leider aus chinesischer Produktion, die einem mancherorts bei einer Rast untergeschoben werden und Reis, in allen Varianten. Die gängigste Form ist die überkochte, die als zusammenhängender Klumpen vorgelegt wird.

Je nach Dauer einer Tour reagiert dein Organismus auf die veränderte Ernährung meistens ganz eindeutig

Der Körper unterwirft sich, begrüßt die Kalorienaufnahme, die Seele reagiert psychedelisch und produziert Bilder im Kopf. Da poppen dann in einer Art Fata Morgana, saftige Steaks auf, oder dampfende Teller mit Spaghetti Bolognese. Manchmal auch eine Crème Brulée. Temporär hilft es, solche Visionen mit Willensstärke einfach auszublenden oder den Wirt zu fragen, ob er eine Kartoffel hat, die er dir als Pommes Frites zubereiten könnte.

All unsere Trekking Touren, egal ob sie 7 oder 17 Tage gedauert haben, hatten den Effekt, dass wir nach Rückkehr in städtische Regionen, wie Getriebene nach Gasthäusern suchten, die europäische Gerichte anbieten. Und weil es offenbar vielen Ausländern so geht wie uns, finden sich in Pokhara und Kathmandu italienische, spanische, französische Lokale und sogar Restaurants, die Schweinebraten und Wurst nach deutschem Rezept anbieten. Der Renner sind aber die German Bakeries. Brot, Kuchen, Torten verkaufen sich nicht umsonst wie äh “geschnitten Brot”.

Über Land in Indien

Indien ist für den Reisenden in vieler Hinsicht oftmals eine größere Herausforderung als andere Länder. Schaffst du es hier, schaffst du es überall. Das gilt natürlich auch für die indische Küche. Wer die nur vom Inder um die Ecke in seiner Heimatstadt kennt, kann nicht richtig mitreden, da dort in die Speisekarten bereits vorauseilend Konzessionen an unseren Geschmack Einzug gehalten haben. Diese Kompromisse finden in Indien nicht statt. Einmal vor Ort angelangt, begegnen wir den Hardcore Versionen der Tandoories, Curries und Samosas, finden aber kaum verständliche Speisekarten vor, um uns vor den gröbsten Fehlentscheidungen zu schützen.

Indien ist – was die Küche angeht – für uns kompromissloser als Nepal

Weil die eher unserer Geschmackswelt vertrauten tibetischen Komponenten dort kaum zu bekommen sind. Die Eigenart indischen Küchenpersonals, jedes Gemüse immer so zu behandeln, dass es am Ende eines mehrstündigem Kochvorgangs weich und braun wirkt, macht zwar die Auswahl nach optischen Aspekten leichter, es sieht ja alles gleich aus, ist aber lukullisch kein wirkliches Erlebnis. Zumal es Gewürze gibt, die jeder gut gemeinten Mahlzeit den Todesstoß versetzen können.

Da, wie in ganz Asien, auch in Indien Frühstück, Mittagessen und Abendbrot sich kaum unterscheiden, kommen Leute wie wir nicht daran vorbei, dem Britischen Empire Anerkennung zu zollen. Ok, die Engländer waren mitunter furchtbare Kolonialherren, aber ihnen verdanken wir, dass das Toastbrot in Indien heimisch wurde und fast überall in diesem riesigen Land erhältlich ist. Kleine Kritik, sorry Britannia: Rezepturen über die Herstellung klassischer Marmeladen habt ihr offenbar als strenge Geheimnisse gehütet und nach der Unabhängigkeit den Indern nur die Chance gelassen, selbst Rezepturen zu erfinden. Und die sind gruselig, obwohl das Land über beste Zutaten verfügt. Wir haben das schon einmal an anderer Stelle beschrieben.

Leider hat der Appell, es besser zu machen, noch nicht gewirkt

Vielleicht optimieren sie ihre Brotaufstriche bis zu einer unserer nächsten Inkarnationen. Bis dahin werden wir in Indien unseren Gelüsten nachkommen, indem wir teure Supermärkte aufsuchen und uns dort mit Exportprodukten eindecken, schottischer Marmelade etwa. Teuer und gehaltvoll.

Klar, es bleibt nicht aus, wenn man – wie wir – über mehrere Monate durch Indien reist, in den größeren Städten zielstrebig nach Restaurants zu forschen, die europäische Gerichte anbieten. Das sind Prozesse, die durch das vegetative Nervensystem initiiert werden; die lassen sich nicht unterdrücken. Ein Vorteil bei der Suche ist das Internet, WLAN ist immer greifbar und damit auch Seiten, mit Kritiken zu Adressen einschlägiger Restaurants. Ohne das geht es auch hier nicht, weil im Zweifel dein indischer Gastronom beim Barte all seiner Vorfahren verspricht, dass er punktgenau den Geschmack jedes europäischen Gerichts trifft. Wer schon mal Pizza bekommen hat, die eigentlich aus mutierten Chapati gebastelt wurde, weiß wovon wir reden.

Zur Ehrenrettung: In einigen Regionen fühlt sich auch ein europäisch domestizierter Magen wohl

Goa zählt dazu, die leckeren “Sauereien” sind ein Genuss, schon deswegen, weil Schweine dort noch natürlich gehalten werden. Und in Kerala gab es köstlichen Fisch und in einem Homestay haben wir indische Hausfrauenkost vom Feinsten essen dürfen, das lässt keinen Jibber aufkommen.

In den Reisländern (zwischen Thailand und Indonesien)

Reisfelder und /-terrassen zählen nicht nur zu den landschaftlichen Höhepunkten Südostasien, sie garantieren für Hunderte Millionen von Menschen Versorgung mit Nahrung, selbstredend auch für uns die Touristen. Reis morgens, Reis mittags, Reis abends. Sogar als exotische Süßspeise treffen wir ihn: Klebreis heißt er dann, der treue Begleiter frischer Mangos. Es steht zwar geschrieben, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe, aber die Antwort kann nicht lauten, dass es dafür immer Reis sein muss, obwohl er als Hauptzutat den Vorteil hat, wahnsinnig preisgünstig zu sein. Was die Zubereitung weiter im günstigen Preissegment hält, ist leider der verschwenderische Umgang mit Geschmacksverstärkern. Bei einer Fahrt im Maggi-Express hatten wir Gelegenheit zu erleben, dass in Laos jede logistische Chance genutzt wird, diese Substanz in die gewerblich betriebene Küchen zu befördern. Auf einer Insel in Thailand, wo wir quasi in kulinarische Geiselhaft genommen wurden, mussten wir ertragen, dass jedes Gericht in unserem Ressort geschmacksverstärkt war. Zwar tauchten sie mit einem eigenen Namen in der Speisekarte auf, aber am Schluss entpuppten sich jeweils als Wiedergänger einer Mahlzeit, die wir bereits am Vorabend bestellt hatten.

Der Heißhunger oder das Jibbern, ausgelöst durch das Fehlen bestimmter Botenstoffe

Und zwar solche,die substanziell unseren Speiseplan in der Heimat bereichern. Das lässt sich leider nicht mit Reis kompensieren. Die Symptome frühzeitig erkennend, bauen wir deswegen in bestimmten zeitlichen Abständen Besuche in Restaurants ein, wo uns geholfen wird. Die Asiaten dulden solche Etablissements, die ja keine richtige Konkurrenz für ihre einheimische Klientel darstellen. Und im übrigen, Schwarzbrot aus dem Reisetrolley, Nüsse und Kekse vom Kiosk um die Ecke, beruhigen kurzfristig ungemein.

Kleiner Tipp an dieser Stelle: Mit den seltsamen Käseangeboten, die man manchmal im Supermarkt vorfindet (eine amorphe Masse, die ohne Kühlregal auskommt, weil sie haltbar ist wie Schuhsohle), gelingt es sogar, Frühstückssituationen zu simulieren, die an zuhause erinnern.

Fazit

Inzwischen sind wir aufgrund monatelanger Erfahrung in der Lage, Jibberattacken präzise vorherzusagen und wenn es an der Zeit ist eine Quelle aufzusuchen, die Linderung der Attacke verspricht.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis: Alles, was hier beschrieben ist, tut unserer Liebe zu den Reiseländern keinen Abbruch. Im Gegenteil, kleine Übertreibungen sind die Würze in den Geschichten, die wir zu erzählen haben. Und heißt es nicht auch was sich liebt, das neckt sich? Da Liebe durch den Magen gehen soll, stimmt die Bilanz am Ende immer.

Natürlich vermissen wir auch die fremden Genüsse

Sich vertrauter zu machen mit der anderen Art zu kochen ist nicht nur Nostalgie sondern auch Teil der Vor- und Nachbereitung einer Reise. Gerne und mit Bravour testen wir  deshalb Zuhause Rezepte und entdecken dabei manche Variante, die wir sogar Gästen anbieten.

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2 Gedanken zu „Jibberattacken unterwegs

  1. Sehr interessanter Beitrag und gerade bei mir im Moment brandaktuell, weil ich mich sehr nach einem Stück Käse sehne. Ironischerweise bin ich aber gar kein Käse-Esser in Deutschland gewesen. Man will wohl immer das, was man nicht haben kann. Eine zusätzliche Anmerkung würde ich dennoch gerne machen: Ich verfahre auf meinen Reisen für gewöhnlich so, dass ich nach Möglichkeit Selbstversorgung betreibe. Das geht überall, wo es Supermärkte und Märkte gibt. Ein kleines Reise-/ Campingbesteck und ein scharfes Messer (v.a. zum Schneiden von Obst) habe ich immer im Gepäck dabei. Auf diese Weise bin ich nicht ausschließlich auf Fremdgekochtes angewiesen und kann nach Lust und Laune selbst entscheiden, wonach mir gerade is(s)t. 😉 Liebe Grüße aus Guatemala, Manu

    • Stimmt, Manu – Selbstversorgung kann oftmals die Symptome mildern, aber nicht immer heilen. Finde mal in der indischen Provinz die richtigen Zutaten im Laden von Onkel Mujid.

      Egal, wir wissen inzwischen jedenfalls, dass wir nicht allein sind, mit unserer Not.

      Dir noch alles Gute
      Gruss Christiane & Aras

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