Weiter gen Süden

Die edlen Tugenden, die der Erleuchtete seinen Anhängern hinterlassen hat, glänzen am Morgen unserer Abfahrt vom Golden Felsen durch Abwesenheit. Ach großer Buddha, da musst Du noch nachbessern.

Wir haben die Situation falschen eingeschätzt, befürchtet, für die Rückfahrt keinen Truck zu finden, der rechtzeitig voll wird, um ins Tal zu fahren. Stattdessen erleben wir das Gegenteil: Massen von Menschen, die offenbar vom gleichen Gedanken besessen sind wie wir, nämlich so schnell als möglich unten anzukommen. Dort, wo die LKWs Passagiere aufladen, herrscht ein Zustand, neben dem sogar das Chaos ein meditativer Zustand wäre. Es gibt keine Reihenfolge, kein first in / first out. Rücksicht oder gar friedliches Erdulden bringt hier keine Erfolge. Wer kann, hangelt sich von seitwärts auf die Ladeflächen der Laster, überspringt damit das Schlangestehen. Schubsen und Drängelei sind heute gefragt. Wir können das leider nicht aussitzen, um 11.00 Uhr müssen wir beim Bus im Tal sein.

Europäer bringen in solchen Situation gewisse physische Vorteile mit, zumal Leute wie wir bereits getümmelerprobt sind. Mit sanftem Druck wissen wir uns durchzusetzen und erobern 2 Sitzplätze sowie Abstellflächen für unser Gepäck. Ein Etappensieg. Die Fahrt ins Dorf Kinpun ist zeitaufwändiger als gedacht. Obwohl wir den Eindruck haben, in einem 50-Mann-Bob unterwegs zu sein, legen wir Zwangsstopps ein, es gibt bereits Gegenverkehr. Schlussendlich schaffen wir es, 10 Minuten vor der Zeit am Busstop anzukommen, dafür waren wir sehr stressige 60 Minuten auf der Piste.

Bei der Weiterfahrt zum eigentlichen Bus-Terminal blinzelt uns der Golden Rock noch einmal aus der Ferne zu. Bye bye Rock.

Der Rest ist unspektakuläre Reiseroutine. Wir brauchen knapp 2,5 Stunden bis nach Hpa-an, wo wir zwei Tage bleiben. Die Tortur auf den Trucks wird bald vergessen sein. Das menschliche Gedächtnis ist ja so gepolt, dass Unangenehmes in den Lokus und Schönes in den Fokus der Erinnerungen gerückt wird. Ein Grund mehr, unsere Erlebnisse zu dokumentieren. In einigen Jahren, wenn wir alles Revue passieren lassen, dürfen wir stolz erzählen, dass wir das Stahlbad am Berg ertragen haben.

Hpa-an gefällt uns auf Anhieb. Wir beschreiben es hier ausführlich, ebenso die Ausflüge in seine Umgebung, die einem die eigentlichen Highlights, nämlich mystische Höhlen und bizarre Natur, näher bringen.

Wir übernachten standesgemäß auf Backpackerniveau im Galaxy Motel, das sehr zentral gelegen ist und das vor allem wegen seines sehr freundlichen und gut organisierten Managements und seiner logistischen Stärken punktet. Es ist gut, bei Ausflügen kompetente Einheimische an seiner Seite zu wissen, die dafür sorgen, dass alles klappt. Was wir nicht können, dem Tuk-Tuk-Fahrer präzise unsere Wünsche für die Tour aufzugeben, schafft die Wirtin.

Unsere Weiterreise haben wir bereits frühzeitig gebucht. Die Idee ist, uns über den Fluss Saluen nach Mawlamyine schippern lassen. Die Besorgung der Tickets für die Fähre ist nicht unproblematisch, da mit einigen Unsicherheitsfaktoren verbunden. Niemand kann uns definitiv bestätigen, dass das Boot zu unserem Wunschtermin überhaupt fährt. Erst wenn genügend Passagiere am Vorabend mit der Linie die Reise nach Hpa-an angetreten haben und am Reisetag selbst die Mindestbuchungszahl erreicht wird, setzt sich das Boot überhaupt in Bewegung. Wie die meisten Probleme lässt sich auch dieses finanziell regeln. Uns ist diese Bootsfahrt wichtig, also chartern wir die Fähre.

Mit dem Fluss verbinden wir so etwas wie nostalgische Gedanken an den Himalaya, denn das Quellgebiet des Saluen liegt über 5.000 Meter hoch in Tibet. Nach fast 3.000 km mündet er in Myanmar, wo er Thanlwin heißt, bei Mawlamyine in die Andamanensee. Die Vorstellung, auf einem Gewässer, gespeist vom Sitz der Götter zu reisen, verleiht unserer Weiterfahrt eine spezielle Bedeutung.

Mit Einsatz und Assistenz einer örtlichen Ticketverkäuferin schaffen wir es, unsere Fahrt von der Bootsfirma, die per Email nicht mehr erreichbar ist, bestätigt zu bekommen. Am nächsten Morgen gegen 8.00 Uhr finden wir uns am Anleger ein. Schicksal oder Zufall: Kein motorisierter Einbaum erwartet uns, sondern ein wahrhaftiges Flussboot mit richtigen Stühlen. Plastik, Hartschale in freundlichem Blau, aufrechter Sitz ist durchaus erwünscht.

Kühl beginnt die morgendliche Fahrt, der Wind tut ein übriges uns frösteln zu lassen. Eine warme Jacke ist angebracht und in Reichweite. Die Landschaft verschwimmt im Morgendunst, unser Schiffer dreht auf. Schöne Bilder bleiben haften, der Kopf darf gedanklich auf Entspannungsmodus umschalten, da das Knattern des Außenborders kaum eine Unterhaltung aufkommen lässt. Die Karstlandschaften lassen wir bald hinter uns, Palmen und bewirtschaftete Felder säumen jetzt die Ufer. Auch hier sind immer wieder Pagoden, die Wegbegleiter des Reisenden.

Nach etwa 2 Stunden Fahrt stoppen wir an einem Anleger. Aussteigen, bedeuten uns die Männer am Steg, hier gäbe es ein Kloster. Zugegeben, eher mechanisch als beflügelt lassen wir uns in einem wartenden Tuk-Tuk nieder, die 2.000 Kyat Fahrgeld tun nicht weh und Zeit genug haben wir. Eigentlich sind wir sogar viel zu schnell. Kawhnat heißt der Pagodenkomplex, den unser Tuk-Tuk ansteuert. Mehr darüber schreiben auf unserer Seite Mawlamyine, weil das Kloster zum Einzugsgebiet der Stadt gehört.

Dass uns der Zwischenstopp eine willkommene Gelegenheit beschert, die penibel reinlichen Örtlichkeiten aufzusuchen, hebt natürlich auch unsere Reisestimmung.

Wir haben noch eine Stunde bis zum Ziel, passieren dabei die längste Brücke Myanmars und nähern uns in einer Rekordzeit der Stadt Mawlamyine oder Moulmein.

Auch diesen Ort hat Kippling in seinem berühmten Gedicht verewigt. Jetzt wird ein Schuh draus, wir haben beide Orte gesehen:

By the old Moulmein Pagoda, lookin‘ eastward to the sea,
There’s a Burma girl a-settin‘, and I know she thinks o‘ me;
For the wind is in the palm-trees, and the temple-bells they say:
„Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay!“

Die Pagode, die Palmen, der Blick aufs Wasser, die Tempel-Glocken. Myanmar kann heute noch viel aus den alten Zeiten vermitteln. Wenn nicht hier, wo sonst.

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