Reise ins Innere von Flores

Komfortabel nach Ruteng

Wer rastet, der rostet. An diesen ehernen Grundsatz halten wir uns – meistens jedenfalls – auch beim Reisen. Wir wollen mehr von Flores sehen, deswegen ziehen wir weiter nach Ruteng. Wie so oft ist es, als ob man eine Wundertüte öffnet; wir haben keinen Schimmer, als was sich unser Transportmittel entpuppen wird. Es kostet pro Person rund 10 €, dafür müssten wir eigentlich Qualität bekommen. Abgeholt werden wir von einem Bus, mit 11 Sitzplätzen, verteilt auf viel Raum. Beim Einsteigen wummern Basslautsprecher, der Fahrer scheint Hochtöne nicht zu mögen. Wir werden die Bässe ganze 4,5 Stunden sehr intensiv und körperlich fühlbar bei uns haben, gerecht über alle Stilrichtungen zeitgenössischer Unterhaltungsmusik verteilt.

Die Fahrt führt in höher gelegene Regionen von Flores.Wir schrauben uns über endlose Kurven die Berge hinauf. Der Zustand der Straßen ist besser als befürchtet, die Asphaltdecke wirkt relativ frisch und weist kaum Schlaglöcher auf. Nach halber Distanz legen wir eine Pause ein. Malwatar heißt die Ortschaft; sie ist eher unspannend. Weiter geht’s. Alle Gebäude, die wir sehen, sind mit Wellblech bedeckt. Das dominante Material hat inzwischen die Palmblätter beim Hausbau verdrängt. Sogar die Kirchen, alles funktionale Zweckbauten, die kulturhistorisch keine Medaille gewinnen würden, liegen unter Wellblechdächern. Unser Eindruck: Alles wirkt etwas schlichter auf Flores. Pracht und Reichtum entfalten sich an anderen Stellen in Indonesien.

Es sieht nach Regen aus bei unserer Ankunft in Ruteng. Gelegenheit für uns, einen entspannten Nachmittag einzulegen und unsere „Hausaufgaben“ zu machen. Der Bericht über Komodo will geschrieben und illustriert werden. Als der Hunger sich meldet, ist es bereits dunkel. Der Reiseführer empfiehlt Restaurants im Zentrum des Ortes. Was wir sonst nicht tun, passiert heute. Wir tasten uns in die Dunkelheit der unbekannten Straßen hinein, folgen dem maps.me Plan. Ja, wir schaffen es, finden das Lokal, bekommen unser Essen und bewältigen sogar den Weg zurück ins Hotel. Einsichtig merken wir uns, es geht nichts über eine Besichtigung neuer Orte bei Tageslicht. Was wir dann in Ruteng am nächsten Tag erleben, findet ihr hier.

Downgrading nach Bajawa

Für die Fahrt zum nächsten Etappenziel Bajawa möchten wir uns eine ähnliche Qualität leisten wie zuletzt. Leider hat der Busveranstalter unserer Wahl geschlossen. Spontan vereinbaren wir mit Rikky, dem christlichen Fahrer, die Konditionen für die Weiterfahrt. Die 8,00 € pro Person passen, für ein Sammeltaxi ist das der reguläre Fahrpreis. Am Morgen der Abfahrt taucht Rikky auf, ohne andere Fahrgäste. Vorsichtshalber lassen wir uns den Fahrtpreis bestätigen und erfahren, dass wir jetzt als Exklusivpassagiere reisen, zum Preis von 50,00 €. Das war anders abgemacht. Kurzes Hinundher, im Ergebnis einigen wir uns auf 20,00 € für uns beide sowie auf Mitfahrer, die Rikky aber noch finden muss. Das schafft er natürlich nicht, denn wer von Ruteng nach Bajawa reist, startet früh morgens um 7.00 Uhr. Weder unser geiergleiches Umkreisen der Abfahrtsstellen, noch heftige Telefonate Rikkys bringen uns die Mitfahrer. Etwas später, an einem Bushalt außerhalb der Stadt, wiederholt sich die Misere. Wir verdödeln Zeit, ohne voranzukommen.

Im Konsens entscheiden wir einen Fahrzeugwechsel. Der Fahrer eines anderen Sammeltaxis ist bereit, uns mitzunehmen. Trotzdem, etwas ist seltsam. Nach 15 km Strecke werden wir aus dem Taxi hinauskomplimentiert. Zerknirschte Erklärung des Fahrers, er fahre gar nicht nach Bajava, aber es gäbe eine andere Möglichkeit. Dann stehen wir vor einem bunten Schrottgestell mit Rädern, dem Linienbus zu unserer Wunschdestination. Wir wägen ab und wissen, eine andere Option haben wir nicht. Weil auch der Fahrer des Busses weiß, dass wir beim Abwägen keine andere Option haben, kommt der Deal zustande. Wir besteigen ein Fahrzeug, das wir unter anderen Umständen nicht einmal angesehen hätten.

Der Bus ist fast leer, auf zerschlissenen Bänken finden wir reichlich Platz für uns und unser Gepäck. Freie Wahl der Plätze, wann hast Du das schon. Seltsamerweise wird der Bus während der ganzen Fahrt kaum besetzt sein. Meiden die Menschen der Region dieses Fahrzeug etwa? Der Service ist übrigens vorbildlich. Um uns Gelegenheit zu geben, einen tollen See zu fotografieren, hält der Bus schon mal vor einer öffentlichen Pissrinne. Wir grübeln: Falls Bremsen und Motor so beschaffen sind, wie die Stoßdämpfer des Busses, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir heil ankommen, gegen Null. Wir sitzen am vorderen Einstiegsloch. Die nächsten Stunden blicke ich auf Minnie Mouse, die als Abziehbild ein Blech ziert, das in einer früheren Existenz einmal eine Bustür war. Strategisch kalkuliere ich, wenn ich mich übergeben muss, genügt ein leichtes Nachvornebeugen und der Schnodder landet im Straßengraben.

Die Fahrt fühlt sich schneller an, als sie ist. Nachher rechnen wir aus, dass unsere Durchschnittsgeschwindigkeit tatsächlich bei ca. 25 km/h gelegen hat. Atmosphärisch können wir uns nicht beklagen, die Bushelfer unterhalten uns mit gekonnten Karaokeeinlagen und bringen Frohsinn in die triste Karre. Dann auf Höhe Borong wird schnelle Rockmusik aus den 1950er Jahren aufgelegt. Halbwüchsige Schüler stürmen unser Schrottgefährt, das damit für 15 Minuten den Status eines Schulbusses erhält. Weiter gehts, mit Rangierbewegungen. Wir bekommen mit, dass Säcke entladen werden, direkt vor den Haustüren der Adressaten. Das frisst Zeit, schafft aber viel Platz.

Nächster Stopp Aimere. Nach einer Fahrpause an einem Restaurant steigen einige Passagiere zu. Die greise Dame, die sich in die zweite Reihe setzen will, hat viele kleine Taschen bei sich und ein Motorrad, das gerade in den Bus hinein gestemmt wird. Sobald das Motorrad auf den hinteren Bänken Platz genommen hat, fahren wir weiter. Serpentinen schlängeln sich durch nebligen Wald, unsere skurile Reise hat noch 35 km vor sich.

Letzter Stop für uns ist an der offiziellen Bushaltestelle von Bajawa. Zum Hotel fehlen uns noch 2 km, erklären uns die Männer, die sich um das Einstiegsloch des Busses drängen. Die Geschichte einer Fahrt, die sich am roten Faden eines permanenten Downgradings abgespielt hat, neigt sich ihrem Ende zu. Wir müssen diese letzte Etappe auf dem Rücksitz von Motorrädern zurücklegen. Ehrlich, wo sonst hat ein verwöhnter Westeuropäer noch Gelegenheit, Demut zu lernen beim Reisen, wenn nicht hier in Indonesien? Erfahrungen wie diese kriegst Du kaum noch anderswo. Und langweilig war es keine Sekunde während der 7 Stunden, die wir unterwegs waren.

Wer wissen möchte, wie es uns in Bajawa ergeht, liest hier weiter.

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