Hinter Bhubaneswar geht’s weiter

Die Fahrt von unserem Hotel zum Busbahnhof mit dem Tuktuk ist hier teurer als die anschließende Reise selbst. Für den Zubringer, 5 km Strecke, zahlen wir umgerechnet 2,60 € für die Busse, 77 km Strecke, gerade mal 3,90 €. Der Busbahnhof in Bhubaneswar ist urig, vor allem wegen der Busungetüme, die hier zu sehen sind. Darunter viele dieser kolossalen Sitz-/Sleeper-AC Monster, um die wir gerne einen großen Bogen machen. Heute landen wir direkt vor so einem Gefährt. Keine Alternative weit und breit; alles, was hier parkt, kommt aus demselben Stall.

Die Entfernung zum Städtchen Dhenkanal scheint auf den ersten Blick moderat, schlappe 77 Kilometer. Wir werden dafür geschlagene 3,5 Stunden brauchen und keine einzige Sekunde entspannt die Augen schließen können. Das liegt zum einen an der Fluktuation; viele Fahrgäste werden auf dem Weg eingesammelt und viele steigen an ihren persönlichen Haltepunkten wieder aus. Zum anderen an der unerschrockenen Fahrweise unseres Fahrers, der sich mit Hupe und brachialen Überholmanövern seinen Weg bahnt. Der einzige Komfort, den wir uns gönnen ist, eine Sitzbank für 3 Personen, die wir uns zu zweit mit unserem Gepäck teilen. Dafür kaufen wir gerne 3 Fahrscheine.

Dhenkanal überzeugt uns nicht auf Anhieb, hier ist tiefste Provinz. Was das für Touristen bedeutet, ist klar, nämlich umzingelt zu sein von Menschen, die leider kein Englisch beherrschen. Alles, was wir hier unternehmen, wie logistische Fragen klären, Geldautomaten suchen, Verpflegung besorgen, muss Menschen vermittelt werden, die dazu jeweils ganz andere Vorstellungen haben. Eines von vielen Beispielen: Überzeugt, unserem Tuktuk-Fahrer plastisch erklärt zu haben, dass wir Tomaten, Kekse und Nüsse kaufen wollen, setzt er uns vor einem Bekleidungsgeschäft ab. Finde den Fehler.

Warum sind wir eigentlich hier gelandet? Nun, Dhenkanal ist eine letzte Station vor unserem Aufenthalt in einem Ökoresort, sehr abgelegen im Nationalpark Bhitarkanika, zu dem wir unterwegs sind. Vorher wollen wir noch letzte Besorgungen erledigen, bevor wir für 4 Tage die urbane Zivilisation hinter uns lassen. 4 Tage am Dhambra River, zwischen Getier und Ungetier sowie Mangrovenwald. Danach werden wir Experten sein in der Beurteilung, welche Ameisen unangenehmer sind, die großen oder die winzigen. Halbpension ist vereinbart, unsere Zwischenverpflegung müssen wir selbst mitbringen.

Bevor wir zur letzten Etappe aufbrechen, lassen wir uns ein wenig von Dhenkanal zeigen und besuchen in der Umgebung einige Sehenswürdigkeiten, die uns empfohlen wurden. Zunächst die hinduistische Tempelanlage Kapilash. Der Tempel Chandrashekhar liegt auf einer Anhöhe etwa 700 Meter hoch umgeben von dichtem Wald. Mit seiner 800jährigen Geschichte hat er schon eine hervorgehobene Bedeutung für Hindus; Legenden ranken um diesen Ort. Grund genug für die vielen Auto- und Buspilger, sich hier hinauf fahren zu lassen. Ob irgendjemand heute noch den alternativen Aufstieg über 1.352 Stufen zu Fuß bewältigt, wissen wir nicht. Der Ort hat durchaus etwas mystisches, für uns natürlich durch die Anwesenheit der Gläubigen und den Tempelbasar, wo viel Buntes verkauft wird – Geschenke für die Götter. Wie diese Gaben überreicht werden, sowie die rituellen Zeremonien im Tempel, bleibt uns verborgen. Ausländer müssen draußen bleiben.

Intakt ist die Natur hier noch. Viele kleine Affen tummeln sich rund um die Anlage, frech und mutig genug, sich auf Besucher zu stürzen, die sichtbar Verzehrbares bei sich tragen. Wir erleben so eine Situation, die durch einen Straßenhund entschieden wird, der sich für eine Pilgerin auf einen Kampf einlässt und den Affen wegbeißt.

Weiter fahren wir durch eine Umgebung, die sehr viel vom ländlichen Leben in Indien vermittelt, nach Jorunda, das nur eine gute halbe Stunde weiter entfernt liegt.

Jorunda ist ein Komplex aus Tempeln mit angeschlossenen Kloster der Mahami Sekte. Gegründet wurde sie im 19. Jahrhundert, ist also relativ jung, von Guru Mahima Swami, einem Heiligen der sich 12 Jahre lang erst ausschließlich von Wasser, danach nur noch von Milch ernährt haben soll. Seine Lehre, negiert das Kastenwesen und beruft sich auf einen einzigen universalen Gott, beides ist für Indien revolutionär. Jorunda, wo der Swami in die Ewigkeit verschwunden sein soll, gilt als spirituelles Zentrum aller Mahimas. Die Anhänger, erinnern in ihrer Erscheinung an Sadhus, nur mit Lendenschurz bekleidet und mächtigen Rastazöpfen, die zu Haarnestern auf dem Kopf zusammengerollt sind.

Den Klosterbereich dürfen wir besichtigen, bekommen auch die Erlaubnis zum Fotografieren. Die Sannyasin sind ausgesprochen entspannt, freundlich, ja sogar fröhlich. Angelächelt werden wir, einige winken, wenn sie uns erblicken und lassen sich ansonsten nicht von uns stören. Bemerkenswert, keiner bettelt um Donations, wie das sonst üblich ist, im Geschäftsfeld Religion.

76 Sannyasin beherbergt das Kloster, die hier einen hohen Status genießen. Indische Besucher werfen sich vor ihnen auf den Boden und erbitten einen Segen. Die Tempel sind minimalistisch, nahezu schmucklos in reinem Weiß gehalten. Bilder von Göttern, erklärt man uns, werden hier nicht verehrt, Mahima ist strikt monotheistisch. Ohne Scheu vollzieht man in unserem Beisein rituelle Handlungen, jeder respektiert den anderen.

Auch hier gibt es vor den Heiligtümern eine kleine Geschäftsstraße, allerdings bescheidener und nicht so schrill wie beim Tempel im Berg. Bei einem Stand mit Heilkräutern lassen wir uns zu einer Probe überreden. Das garstige, nach pulversisierter Hardcore-Lakritze schmeckende Zeug, soll gut sein für Magen und Darm, anderes hilft gegen Kopfschmerzen, Übelkeit und sonstige Zipperlein, wird uns per Zeichensprache erläutert. Ob´s hilft, können wir nicht sagen, geschadet hat uns die Kostprobe aber auch nicht. Alle Bewohner des Klosters sind besitzlos, sie essen nur, was ihnen geschenkt wird, hungern aber auch, wenn die Gaben ausbleiben und leben als Gemeinschaft ihren Glauben.

Unsere Etappe zum Naturpark Bhitarkanika legen wir mit einem PKW zurück, Busverbindungen in unser Zielgebiet sind zwar theoretisch möglich, praktisch aber nicht zu empfehlen. Wir müssten zu oft umsteigen in dieser entlegenen Gegend und lange Wartezeiten hinnehmen, ganz zu schweigen von der feuchten Hitze…

Was die Fahrt kostet, können wir erst nur schätzen. Für jeden Kilometer zahlen wir 10 IR, das wird dann verdoppelt, für den Rückweg, den der Fahrer zurücklegt, nachdem er uns abgeliefert hat. Em Ende kommen wir auf 57 €, enthalten sind darin auch Abstecher zum sogenannten „Diamantenen Dreieck“ im Cuttack District, wo wir Ausgrabungsstätten antiker buddhistischer Tempelanlagen besichtigen, bevor wir uns auf das letzte Stück des Weges zum Nationalpark Bhitarkanika machen. Über gnadenlos schlechte Straßen und enge Pfade, die sich durch Felder und Dörfer schlängeln. Das zwingt zur Entschleunigung, für die letzten 38 km benötigt der Fahrer geschlagene 2 Stunden.

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