Wenn jemand (k)eine Reise tut…

… sollte er keinen Reiseführer schreiben!

Der Eindruck, dass einige Autoren von Reisebüchern zwar wenig Ahnung haben von ihrem Reisegebiet, es vielleicht nie selbst gesehen haben, dafür aber extrem gut sind im Recherchieren und Abschreiben, lässt sich nur schwer abschütteln. Aber der Reihe nach.

Wollen wir ein Land oder eine Region neu für uns entdecken, lesen wir vorab Berichte anderer Reisender. Odisha ist leider auf der Reiseblogger-Karte noch ein weißer Fleck, so dass wir uns auf Reiseführer verlassen müssen; gerne von verschiedenen Verlagen  – hoffend, dass Vielfalt und unterschiedliche Schwerpunkte uns helfen, einen ganz persönlichen Reiseplan für diesen Staat zu entwickeln, den wir in diesen Tagen real erleben. Bunt ist die Wirklichkeit in Odisha und seine Vielfalt ist beeindruckend. Aber seltsam, die führenden Verlage, empfehlen nahezu identische Hotels, Touren und Restaurants, als ob es nichts anderes gäbe.

Wir sind in Puri, wollen gut und günstig essen, vielleicht in einem Kultlokal. Das Peace Restaurant in der CT Road soll eines sein. Nicht nur, weil beide Verlage es nennen sondern weil das gut klingt: Currys, die besten Fischgerichte, Makkaroni, Budgetpreise. Ein Blick auf den kleinen Stadtplan im Reiseführer sagt, das Peace liegt vor der Tür. Da wollen wir hin, laufen aber etwa 5 x an der Stelle vorbei, wo es sein müsste.

Da ist nichts, wir fallen bereits auf, essen an diesem Abend lieber im Hotel. Aber aufgeben zählt nicht, wir suchen an den anderen Tagen weiter, schließlich können 2 namhafte Reiseführer nicht irren. Offenbar doch, das Peace Restaurant hat sich wahrscheinlich entschlossen, während unseres Aufenthaltes eine Tarnkappe überzustülpen, es bleibt für uns unauffindbar. Kein Problem, Indien bietet immer Alternativen. Hey, Reiseliteraten trefft Euch doch mal alle im Peace Restaurant, Puri und findet zusammen heraus, wo es geblieben ist.

Ein Reiseführer, so denken wir uns, gibt dem Fremdling gute Tipps, sich zu orientieren, Fehler zu vermeiden und gut durch die Reise zu navigieren. Für unseren Ausflug nach Konark, wo wir den weltberühmten Sonnentempel besichtigen wollen, müssen wir wissen, wie man dort eigentlich hinkommt. Die Reiseführer beschreiben, dass es günstige Verbindungen mit öffentlichen Bussen gibt. Das überzeugt uns. Zum Busbahnhof zu kommen, schaffen wir inzwischen ohne Reiseliteratur. Der Tuktukfahrer setzt uns direkt vor dem Bus ab. Ein Fahrzeug, das sicher viel erzählen könnte, so wie es sich präsentiert: geflickt, bemalt, beulig, aber irgendwie stolz. Umgerechnet 67 Cent kostet die Fahrt für uns beide, Entfernung etwa 35 km. Wir bekommen den Doppelsitz neben der Tür; wie üblich sind wir hier die einzigen Ausländer.

Der Bus ist voll, eigentlich könnte es losgehen. Irrtum! Unsere Erfahrungswerte sind nicht kompatibel mit der indische Definition für „vollbesetzt“. Es gibt noch Lücken zwischen den Stehplätzen. Erst wenn die gefüllt sind, wird der Bus abfahren. Immerhin, der Motor läuft bereits, das Geräusch zwingt die noch Unentschlossenen, jetzt zum Bus zu drängen.

Die Verhältnisse in der japanischen Metro, wo Stopfer auf den Bahnsteigen eingesetzt sind, um Passagiere in die Züge zu drücken, sind nichts im Vergleich zu dem, was ihre indischen Kollegen vollbringen. Wir schätzen, dass schlussendlich das dreifache der Passagier-Kapazität, die für dieses Fahrzeug noch vertretbar wäre, in unseren Bus gezwängt wird. Wir fahren. Über mir ein Gewimmel von Armen, neben meinem Kopf das Gesicht eines Kindes, schwer hustend, fühlt sich nach Auswurf an, was ich da abbekomme. Ja, ich wirke gequält und – jetzt schon kurz vor dem Kollaps – signalisieren wir dem Busbegleiter, der in der Traube an der Tür hängt, aussteigen zu wollen. Unmöglich, dazu müsste das Menschenknäuel entwirrt werden. Gezwängt zwischen Bäuche, Arme und Knie, den Killerhusten des Kindes im Ohr fahren wir. Unendliche 90 Minuten, bis der menschliche Inhalt des Busses am Zielort ausgespien wird.

Warum sagt mir mein Reiseführer nicht, was uns auf der von ihm empfohlen Fahrt im Bus erwartet? Hat einer der Autoren jemals diese Fahrt selbst mitgemacht? Wo in diesen Machwerken findet sich der Satz: „Leute, die Fahrt mit dem öffentlichen Bus ist billig, aber Ihr wollt das nicht.“

Für die Rückfahrt nehmen wir ein Tuktuk. Kosten etwa 8 €. Es wird unsere längste Distanz, die wir jemals mit einer Autorickshaw zurücklegen, aber seltsamerweise fühlt es sich gut an. Jetzt erst sehen wir, wie traumhaft schön die Landschaft überhaupt ist, sie erinnert an die Mangrovenwälder und Sümpfe, die wir aus Bhitarkanika kennen.

Übrigens, der Sonnentempel ist den Besuch wert, wir können bald authentisch darüber berichten. Und Ihr, liebe unbekannte Reiseliteraten, solange Ihr  keine Reise tut, verkneift Euch das Berichten.

Peace Restaurant 2.0

Am letzten Tag, wir bummeln ziellos in den Gassen hinterm Fischerdorf, Eindrücke vertiefen. Dann sehen wir es, das „Peace Restaurant“, das wir verschollen glaubten. Neu sieht es aus und leer. Unsere offensichtliche Freude über die Entdeckung lockt den Eigentümer an, der uns auf eine Cola einlädt und dabei die Geschichte seines Restaurants erzählt.

15 Jahre bestand es, gegründet zur Zeit, als Puri noch  ein Traumort für Hippies war, mit einem Strand, wo freizügiges Baden keinen Menschenauflauf erzeugte. Puri hat sich verändert, erzählt er. Vor einigen Monaten wurde seine Lokalität gekündigt, er musste Hals über Kopf eine neue Adresse finden, die Einrichtung zwischenlagern. Jetzt richtet er sich neu ein, es soll so werden wie zuvor, mit großem Garten, für den das Peace bekannt und beliebt war. Er weiß, dass es vor allem darauf ankommt, zu kommunizieren, wo er nun zu finden ist, weil alle Reiseführer, Karten den alten Standort vermerken und weil die Konkurrenz niemals verraten wird, wo er zu finden ist.  Dabei helfen wir ihm gerne. 

Das neue Peace befindet sich in einer Nebenstraße, die in die CT Road mündet, genau gegenüber des Sri Sri Sonar Gouranga Tempels. Dort etwa 150 Meter Richtung Meer, gegenüber des Hotels „Leo Castle“ ist das Peace platziert.

„Difficult to find – but worth searching for“ steht auf der Visitenkarte, der Frieden und sicher auch das Peace. Viel Erfolg! Und keine Frage, an unserem letzten Abend essen wir dort.

7 Gedanken zu „Wenn jemand (k)eine Reise tut…

  1. So ist es mir auch echt schon oft gegangen! In letzter Zeit

    Da sind Tipps von Bekannten über Bücher von Menschen, die wirklich dort gereist sind, echt besser, wie Labyrinth Tokio oder der Thailand-Führer von Alex oben. Oder Blogger, die wirklich dort waren und berichten. Restaurants und Hotels können natürlich immer veralten. Sobald “lonely planet recommended” auf einem großen Schild davor steht, werde ich inzwischen vorsichtig. In China 1990 war der aber echt klasse…

    • Bitte entschuldigt, da fehlt der Rest vom oberen Absatz…

      In letzter Zeit reise ich vermehrt ohne Reiseführer und lasse mich vor Ort treiben. Damit habe ich schon die interessantesten Erfahrungen gemacht, auch wenn ich vielleicht eine Sehenswürdigkeit übersehe – das mache ich wett durch Kontakt mit Menschen vor Ort und deren Tipps und Gespräche. 🙂

  2. Wow, das muss wirklich eine toughe Fahrt gewesen sein, denn was Reisen betrifft seid ihr ja echt keine Weicheier!
    Gerade weil ich mich so oft über Reiseführer geärgert habe, habe ich selbst einen geschrieben und gerade veröffentlicht. In der Hoffnung, dass meine Leser später nicht irgendwo in der Pampa festhängen oder in einer Sardinen-Büchse eingeklemmt sind, habe ich gerade auf solche Informationen großen Wert gelegt. Es versteht sich von selbst, dass man nur das weitergibt, was man selbst erprobt hat und auf Problem hinweist und Alternativen bietet.

    Liebe Grüße und weiterhin eine gesunde Reise (ohne Auswürfe 🙂

    Alex

  3. Ich kann das nur allzu gut nachvollziehen! Ich hätte meinen Reiseführer in Südamerika am liebsten in die Tonne gekloppt. Und wir reden hier von Südamerika und nicht von völlig untouristischen Orten in Indien. Aber es ist wie es ist und lässt sich nicht leugnen: Manche Berichterstatter schreiben Berichte über Orte, ohne sie jemals gesehen zu haben. Das trifft aber nicht nur auf die Reiseführer in Papierform zu, sondern auch auf so manchen Blogger. Leider. Drücke euch die Daumen, dass ihr euch auch ohne Reiseführer gut durchschlagen könnt! 😉

    • Danke Manu,
      wir werden von Tag zu Tag besser und die Reiserfahrung in anderen Regionen Indiens hilft natürlich, obwohl es unterschiedlicher nicht sein kann.

      Gruss C und A

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